Healthy not Hungry in der Bullerei

In Tim Mälzers Fernsehstudio auf der Schanze in Hamburg. Foto: DM

Das Welternährungsprogramm der UN, die Welthungerhilfe und Gobal Citizen luden gestern am Rande des anhebenden G20 Gipfels Vertreter aus den Nichtregierungsorganisationen zu einem Empfang unter dem Namen “Healthy not Hungry” (frei übersetzt: gesund statt hungrig) in die Bullerei, Tim Mälzers Fernsehstudio (denn eine Küche passte zu dem Thema). Als Begleitung meines Bruders, der bei World Vision arbeitet, hatte ich die Gelegenheit, mit dabei zu sein. Ca. 60 namentlich Geladene vernetzten sich an Stehtischen bei gesunden und leckeren vegetarischen Häppchen aus der Küche des Gaumenmaestros. Zwischendurch gab es kurze Redebeiträge.

Hunger ist, wie ich lernte, SDG #2, also das zweite Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen (SDG steht für sustainable development goals, nachhaltige Entwicklungsziele). Es lautet in der Kurzfassung: Zero Hunger (Null Hunger) und besagt im Wortlaut: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.

Marwin Meier und Tim Costello (beide World Vision) im Gespräch mit dem Direktor des UN Welternährungsprogramms, David Beasley. Foto: DM

Das soll bis 2030 erreicht werden. In erster Linie war dies ein Vernetzungstreffen, aber auch eine Erinnerung, dass dieses Ziel nur durch gemeinsame Anstrengung erreicht werden kann. Das Positive: es ist durchaus möglich, dieses Ziel zu erreichen. Bereits mit den sog. Millenniumszielen (bis 2015) konnte gesehen werden, dass Anstrengungen, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, Ergebnisse bringen.

Ein kleines Who-is-Who der gestrigen Beiträge:

  • David Beasley: Direktor des UN-Welternährungsprogramms
  • Bärbel Dieckmann: Präsidentin der Welthungerhilfe
  • Joaquim Levy: Chief Financial Officer der Weltbank und ehemaliger Finanzminister Brasiliens
  • Peter Murphy: Vorsitzender von Global Citizen (bekannt durch diese Benefiz-Mega-Konzerte, zum Beispiel heute Abend – 06.07. – in Hamburg)
  • Ann Cairns: Präsidentin von Mastercard
  • Dazu kamen zwei Vertreterinnen der Bundesregierung (Annett Guenther für das Auswärtige Amt und Ingrid-Gabriela Hoven vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit).

     

Joaquim Levy aus Brasilien arbeitet bei der Weltbank. Wirtschaftsexperte. Foto: DM

Was fiel mir als staunender Betrachter auf?

  • Hunger ist ein Thema, das uns alle angeht. Es ist zynisch, dass Menschen auf der Welt hungern. Die Welt hat genug Kapazitäten, um 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Also uns und alle , die noch geboren werden (denn die Weltbevölkerung wird sich bei 10 Milliarden einpendeln).
  • Hunger ist besiegbar. Es ist nicht nur genug Essen für alle da, sondern auch genügend Gelder vorhanden. Sie müssen nur gegeben werden. Die Bekämpfung von Hunger und Armut ist eine Sache des Willens, nicht der Machbarkeit. Manche Länder geben NICHTS. Andere gehen großzügig voran.
  • Die Wirtschaft kann Beiträge leisten: das wurde am Beispiel von Mastercard deutlich. Die Firma hat zehn Prozent ihres Marktwerts (13 von 130 Milliarden) in eine Stiftung für humanitäre Zwecke gepackt. Gestern verkündete Frau Cairns, dass Mastercard Mittel bereit stellen wird, um 100 Millionen Mahlzeiten für Kinder zu bezahlen. Da sprechen wir von nur einem Unternehmen.
  • Erwartungen an den G20: wahrscheinlich wird Donald Trump heute mit einer Summe im Gepäck in Hamburg ankommen, die Nordamerika in die Bekämpfung der akuten Hungersnöte einbringen wird (Nachtrag: genau hier wurde die Summe während des G20 Gipfels öffentlich gemacht). Er wird wahrscheinlich versuchen, andere dazu zu bringen, auch in den Topf einzuzahlen. Natürlich wurde diskutiert, was für Gelder das sind, ob das nur die amerikanischen Überproduktionen sind, ob Trump hier Imagepflege betreibt, ob es ein Etikettenschwindel ist, ob nur amerikanische Unternehmen die Logistik dafür ausführen werden etc.

Als das Event vorbeikam, steckten wir erst einmal eine Stunde fest. So lange dauerte es, bis die friedliche “Statt G20 tanz’ ich”-Demo an uns vorüber war. Jede Menge junge Leute, die für eine bessere Welt auf die Strasse gehen.

Mir hat es wieder klar gemacht: Etwas für die Verbesserung der Welt zu tun sollten wir nicht an ADRA oder andere Profis delegieren. Es war ein schöner Moment, nach dem Event am Zaun zu stehen, die Demonstration zu beobachten und mit Tim Costello, dem Leiter von World Vision Australien über Jesus, die Reformation und die Hoffnung der Welt zu diskutieren. Seine Eltern sind übrigens in einem adventistischen Altenheim und fühlen sich dort rundum wohl.

Euer Dennis

Aussicht auf eine der Anti-G20-Demos. Jemand stellte die Frage: wo wäre Jesus jetzt? Bei den Demonstranten, bei dem Empfang gegen den Hunger auf der Welt, bei den Polizisten? Ganz woanders? Spannende, wenn auch ergebnislose Diskussion. Foto: DM

Ehe für alle – kurz mal (nicht) aufgepaßt!

Ehe für alle? Die Leute, die hier arbeiten, haben’s entschieden. Foto: DWM

Ein schwuler Freund von mir vertraute mir neulich ein Geheimnis an. Er sei jetzt Vater. Freundinnen von ihm, ein lesbisches Pärchen, hatten ihn davon überzeugt. Nach langen Diskussionen hatten sie einen Pakt gemacht, bei dem alle ihre Verantwortung übernehmen. Technisch brauchte es dazu weder Körperkontakt, noch Arzt, noch Gesetze.

Nun, nachdem der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen hat und ich die aufgeregten Kommentare, Tweets und Facebookbeiträge gelesen habe, frage ich mich: hätte ich als adventistischer Pastor nicht schon beim Wort „lesbisch“ meine Finger in die Ohren stecken und laut die zweite Strophe von „Oh komm, du Geist der Wahrheit“ singen müssen, in der es heißt: „Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“?

Was nun? Aufregen oder abregen? Nach kurzem Nachdenken über die neu geschaffenen Fakten (im Grunde ist es nur das Adoptionsrecht, das sich ändert) legt sich mir der Verdacht nahe, dass mehr Menschen an der Aufregung über das Thema sterben könnten als Kinder verkorkst werden, weil sie in einer gleichgeschlechtlichen Familie aufwachsen, umgeben von normalen Menschen, Freunden, Verwandten, Schulkameraden, Nachbarn etc. Ein paar Sachen haben mich  jedoch gewundert:

  1. Da waren wir plötzlich überrumpelt, als die Kanzlerin kurz die Deckung sinken ließ und der Schulz da voll reinhielt. Nicht, dass wir schon seit über 20 Jahren das Thema politisch und gesellschaftlich debattieren und mit dem Konzept der eingetragenen Lebenspartnerschaft seit Jahren beobachten können, dass der Untergang des Abendlandes ausblieb. Hier passierte genau das, was Deutschland im Finale des Confed-Cups Chile schamlos ausnutzte: der chilenesische Verteidiger verdaddelte sich vor dem eigenen Strafraum und peng: 1:0. Klare Sache. Kein Deutscher regt sich jetzt darüber auf (bei den Chilenen bin ich mir da nicht sicher). Politik ist halt Strategie. Sich darüber aufzuregen hieße sich zu wundern, dass Stürmer irgendwie immer dahin schießen, wo der Torwart gerade nicht steht. Wie unfair!
  2. Was kommt als Nächstes? Immer, wenn die Gesellschaft etwas liberalisiert, steht eine Lobbygruppe aufgeregt vor dem Bundestag und hält Transparente in die Kameras, auf denen Sachen stehen wie: was kommt als Nächstes? Kann ein Mann bald – was wirklich überfällig ist – sein Auto heiraten oder eine Ufologin eine Untertasse? Da kann ja jeder kommen. Und der kommt dann auch bestimmt. In der Logik bezeichnet man dieses Argument als slippery slope (im Englischen eine glitschige, schiefe Ebene, auf der der ins Rutschen gerät, der sich auf sie begibt). Das Problem an diesem Argument ist, dass es ja schon etwas als negativ voraussetzt, um daran noch Negativeres zu knüpfen, das nicht zwingend etwas damit zu tun hat. Zweitens übersieht das Argument, dass politische Entscheidungen, die mir missfallen, nicht zwangsläufig ihren Ursprung in den Mächten der Finsternis haben müssen, deren dunkle Wolken die Republik überziehen.
  3. Verhältnismäßigkeit. Die größte Sorge gilt nun den Kindern. Sie sind fraglos zu schützen. Sicherlich wird jeder sehen, dass das Wohl von Kindern durch ganz andere Dinge gefährdet ist, die mit sexueller Orientierung nichts zu tun haben. Es ist gleichwohl angebracht, das Ausmaß eines Problems mit der Lautstärke der Aufregung darüber ins Verhältnis zu setzen. Was ist also die tatsächliche Bedrohung der Grundfesten der Gesellschaft, der schützenswerten Keimzelle unserer Zivilisation, der Familie? 3-5% der Bevölkerung sind schwul. Ein paar Prozent davon leben in dauerhaften Beziehungen. Ein paar Prozent davon heiraten jetzt. Ein paar Prozent davon wünschen sich Kinder. Ein paar Prozent davon werden die hohen Anforderungen zur Adoption erfüllen. Ein paar Prozent davon werden ein Kind erziehen. Ein paar Prozent der Kinder werden leider, wie auch bei heterosexuellen Verbindungen, keine glückliche Kindheit haben. Statistisch bewegen wir uns mittlerweile deutlich im Promillebereich. Fazit: es geht nicht um die Gesellschaft, sondern eine verschwindend geringe Gruppe von Betroffenen, von denen wir nicht einmal wissen, ob unsere Befürchtungen eintreffen oder ob die Anzahl daraus hervorgehender psychisch geschädigter Kinder statistisch signifikant über dem Schnitt liegt. Alle bisherigen Langzeitstudien an Kindern aus Regenbogenfamilien belegen, dass sie völlig normal sind. Es gibt nur eine Sache, unter der sie mehr als andere leiden: Stigmatisierung.
  4. Staat und Kirche: Der engagierte, bibelfeste Christ reibt sich die ohnehin schon wunden Augen, schüttelt entgeistert mit dem Kopf und greift zur letzten Verzweiflungstat: der Unterzeichnung einer Online-Petition. Nach getaner Tat wird auf Facebook geteilt: ich bin nicht kampflos untergangen, wie ihr alle seht. Ja, Glaubens- und Gewissensfreiheit sind immer dann wichtig, wenn ich sie einfordern kann. Weniger, wenn ich sie gewähren muss. Das ist dann anstrengend. Seit der Trennung von Staat und Kirche aber, daran muss erinnert werden, ist der Staat zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Es ist einfach nicht seine Aufgabe, die christliche Ehe zu schützen. Deshalb hat er auch irgendwann damit aufgehört, Ehebrecher (und Kuppler) zu bestrafen (worüber sich Christen komischerweise nicht mehr beschweren, schon gar nicht Betroffene). Das Gute daran: der Staat schreibt uns Christen auch nicht vor, wie wir die Ehe zu definieren haben. Es ist ihm also relativ egal, was ich als Christ über Homosexualität denke (wie ich also die umstrittenen sechs Bibeltexte interpretiere) oder wie eine Kirche Ehe definiert. Sie kann das weiterhin freiheitlich tun. Das einzige, wozu wir gezwungen werden ist, auszuhalten, dass wir schräge Nachbarn haben könnten. Das war schon in den siebziger Jahren eine harte Prüfung für die deutsche Seele. Da fielen diese von uns lieblos als „Spaghettifresser“ betitulierten Südländer in unser Land ein. Wer heute, 45 Jahre später, hip sein will, der trinkt Caffè Crema und trifft sich bei Salvatore mit den Leuten vom Volkshochschulkurs „Italienisch für Fortgeschrittene“.
  5. Die bürgerliche Ehe (Zivilehe): mit der Einführung der bürgerlichen Ehe in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts (im Übrigen als Ausdruck von negativer Religionsfreiheit: dass nämlich Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren, auch heiraten konnten) trennten sich bei uns die Wege von kirchlicher und staatlicher Hochzeit. Und damit auch deren Definition. Ab jetzt erst gab es den berühmten “Schein”. Wir scheinen vergessen zu haben, dass jahrhundertelang keiner so richtig definierte, was eine Ehe ist. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens und wer anders war, fiel eben unbotmäßig aus dem Rahmen. Das wird sich nicht ändern. Nur der gesellschaftliche Konsens ändert sich. Manchmal sagen wir: die Ehe ist eine Institution aus dem Garten Eden. Das stimmt ja irgendwie. Aber wenn man die Texte liest, dann ist da nichts von Institution zu spüren, sondern einfach von Zusammenleben (in der Bibel natürlich von Mann und Frau), das Gott segnet und das verbindlich und exklusiv miteinander gestaltet wird. Eine schöne Sache, die ich auch seit 22 Jahren praktiziere. Jede Ehe wird, neben den grundsätzlichen biblischen Rahmenbedingungen, eh durch die Menschen definiert, die sie gestalten. Deshalb sind Vorbilder wichtig. Die müssen wir uns nach wie vor selber suchen (in der Bibel, im Freundeskreis, der Gemeinde).

Bin ich jetzt für oder gegen die Ehe für alle? Ehrlich gesagt habe ich mich gar nicht so intensiv mit allen Studien und Aspekten beschäftigt, wie ich das müsste, um ein gutes Urteil darüber abzugeben oder mich gepflegt aufzuregen. Ich habe den Verdacht, man spürt meinen Zeilen zumindest ab, dass ich denke, dass Kinder aus gleichgeschlechtlichen Ehen sich völlig normal entwickeln werden. Das gebe ich zu.

Aber mich hat ja keiner gefragt. Und schon gar kein Bundestag. Ein Pauschalurteil im Sinne einer Ideologie (ob sie nun christlich oder Regenbogen oder beides ist) missfällt mir. Aber mal einen unaufgeregten Diskurs dazu zu führen, dazu hätte ich schon Lust. Nur:  Sex und unaufgeregt, das geht meist schief. Das liegt an unserer angeborenen Leidenschaft, die ja auch etwas Wunderbares ist.

Bevor ich versuche, die Ehe von allen oder für alle zu retten, bleibe ich zunächst dabei, mich darum zu kümmern, dass meine weiterhin prima läuft. Und wer wie ich dabei ist, Kinder durch die Pubertät zu bringen, kennt auch manchmal das Gefühl, trotz hetero und christlich zu versagen. Aber auch das geht vorbei. Das Gefühl, meine ich.

Euer Dennis

 

Unity 2017 – Eindrücke

Podiumsdiskussion, von li nach re: Roy Adams; Olive Hemmings; John Brunt; Reinder Bruinsma; Barry Oliver; George Knight; Wendy Jackson; Lowell Cooper; Ray Roennfeldt. Foto: DM

In Konflikten eskaliert als erstes die Sprache. Die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit, die sich in unserer Freikirche an der Praxis der Ordination von Frauen zum Predigtamt zeigt, ist da beispielhaft. 2015 lautete der Antrag: ob ordiniert wird oder nicht, soll lokal entschieden werden können. Das wurde abgelehnt. Insofern wurde nicht darüber entschieden, ob Frauen ordiniert werden können oder nicht, sondern die Entscheidung war: tolerieren wir unterschiedliche Praktiken (wie bei vielen anderen Themen ja auch)? Die schmerzliche Antwort war ein erneutes mehrheitliches Nein der Vollversammlung.

Man müsste schon recht naiv an das Thema herangehen, wenn man nun meinte, jetzt wäre Ruhe. Nach San Antonio fielen in fast wöchentlichen Abständen Entscheidungen von Verbänden, die ausdrückten, dass ihre Basis in dieser Frage nicht vom Weltfeld bestimmt werden wird. Manche Verbände oder Vereinigungen kündigten an, trotzdem weiter zu ordinieren, andere, gar nicht mehr zu ordinieren. Andere hielten das Zustandekommen der Entscheidung für unzulässig, manipulativ und scheindemokratisch und lehnen den Beschluss rundweg ab.

Und spätestens hier eskalierte die Sprache, denn nun waren Verbände, die nach einem „Workaround“ um diese schmerzhafte Frage suchten, Rebellen. Dazu gehören große nordamerikanische Verbände, die immer loyal zum Weltfeld standen und nun in einen massiven Konflikt geraten sind.

Im Juni trafen sich mehr als ein Dutzend Verbände aus Europa, Nordamerika und dem pazifischen Raum zum Austausch. Alles Verbände, denen ein „Schwamm drüber“ in der Frage der Frauenordination aus mehreren Gründen unmöglich ist (kirchenrechtlich, theologisch, biblisch, kulturell etc.). Das ist das eigentliche Geheimnis der Unity Konferenz. Ich war bei dieser Veranstaltung und hier ein paar Beobachtungen:

Durchführung: Die Frage der Frauenordination war immer der Elefant im Raum. Wir reden aber schon lange über die dahinter liegenden Themen wie: Autorität, Einheit und Freiheit. Das waren auch die Überschriften der drei Konferenztage. Unsere Kirche hat immer auf Bildung gesetzt und so war es naheliegend, dass sich hier Akademiker und Kirchenleitungen austauschten, meist in Form von Vorträgen und Präsentationen zu den genannten Themen oder erhellenden Bibelpassagen (z.B. Joh 17). Dann auch durch offene Fragen oder Diskussionsrunden an den Tischen oder auf dem Podium. Und, wie bei Konferenzen nicht zu unterschätzen: durch Vernetzung am Tisch, beim Spaziergang, auf dem Flur.

Personenkreis: Außenstehende (und Teilnehmende) haben kritisiert, dass zu wenig Frauen und zu viele Rentner teilnahmen. Sachlich sicherlich richtig, aber es war eben eine Arbeitskonferenz der Verbände zum Umgang mit einem Thema, das die Kirche zu spalten droht. Alle Verbände, die mit dem Thema in einen drückenden Gewissenskonflikt zwischen Loyalität zur Weltkirche und Rechenschaft gegenüber denen, die sie gewählt haben, geraten sind und darauf ganz unterschiedlich reagiert haben, saßen nun zum ersten Mal um „einen“ Tisch (insgesamt 80 Teilnehmer). Es ist eben Teil des zu überwindenden Problems, dass das in erster Linie Männer sind. Aber solche, die ernsthaft darunter leiden, dass es so ist und es ändern wollen.

Loyal und wertekonservativ statt rebellisch und liberal: Bei der Unity Konferenz war erstaunlich viel Kirchenkompetenz (mancher würde sagen: -prominenz) anwesend: Lowell Cooper, bis vor zwei Jahren Vizepräsident der Generalkonferenz, Spezialist für Richtlinien und Kirchengesetz mit einem Haufen internationaler Erfahrung; Gary Patterson, jahrelang Sekretär der Generalkonferenz; George Knight, bekannter Kirchenhistoriker, Autor vieler Bücher (einige davon ins Deutsche übersetzt); Roy Adams, Akademiker, Autor, Administrator (GK). Was diese und andere Anwesende gemeinsam haben: sie sind pensioniert. Die GK oder auch ihre Divisionen waren nicht willens, Gesprächspartner dieser Veranstaltung zu sein. Im Gegenteil, eingeladene Redner von GK-Institutionen mussten absagen, weil sie unter Druck gerieten.

Niemand der Anwesenden war erkennbarer Rebell und schon gar nicht das, was wir plump als liberal bezeichnen würden. Viele der Genannten und auch der aktiven Verbandsvorstände haben ihr gesamtes Berufsleben der Kirche gewidmet. Ihr Herz schlägt für die Mission und die Adventbotschaft.

In allen Vorträgen, wie auch zwischen den Zeilen und in Gesprächen auf den Fluren war spürbar, wie hoch das Bedürfnis ist, diese Krise geistlich zu meistern, Vertrauen aufzubauen, Misstrauen abzubauen. Gleichwohl musste man kein Psychologe sein, um auch eine Portion von Wut, Frustration und sogar Verzweiflung zu spüren. Hier und da flossen auch Tränen.

Das Ausmaß der Krise: Wenn man in Hansa seinem täglichen Brot nachgeht und sich darum sorgt, wie Gemeinde vor Ort zu gestalten ist, vergißt man leicht, wie der Puls der Weltkirche schlägt. Alle fünf Jahre wird man bei einer GK-Vollversammlung Zeuge eines interessanten und bunten Spektakels und reist beglückt oder verstört (oder beides) zurück in die Heimat. In London wurde die internationale Perspektive nochmal geschärft, und das auch schmerzhaft, eben in der Erkenntnis, dass die weltweite Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten vor einer Zerreißprobe steht.

Sehen wir den Tatsachen einfach mal unideologisch ins Gesicht: Fakt eins: 2015 wurde entschieden, dass es dabei bleibt, dass Frauen nicht zum Predigtamt ordiniert werden können, auch nicht in den Gebieten der Welt, in denen es kulturell oder sogar gesetzlich angemessen wäre; Fakt zwei: in einigen Teilen der (westlichen) Welt werden Frauen ordiniert und das wird auch so weitergehen. Es gibt nur zwei Richtungen, in die es nun gehen kann: 1. Eskalation: die Umsetzung des GK-Beschlusses wird eingefordert, abweichende Felder werden diszipliniert oder in der Folge aufgelöst. Das hieße: die Adventgemeinde bricht auseinander in von der GK unabhängige Felder und solche, die der zentralen Leitung unbeirrt folgen. Die Gelder bleiben in der Heimat. Das wäre das Ende der STA-Kirche, wie wir sie kennen. 2. Deeskalation: lokale Lösungen suchen, Autorität dezentralisieren, regionalen Leitungen vertrauen, Arbeitsrichtlinien (Working Policy) anpassen. Hier wird deutlich, wieviel Weisheit und Fingerspitzengefühl von oberster Stelle nötig ist, um dieses Krisenmanagement durchzuführen. Es blieb allerdings auch kein Geheimnis, dass die jetzige Führungsetage der Generalkonferenz eher als Auslöser der Krise gesehen wird denn als Kompetenzträger für eine erfolgreiche Entspannung. Dennoch wurde fast täglich für die Leitung der Kirche gebetet, nicht nur dazu aufgerufen.

Mehr als 80 Teilnehmer aus aller Welt tauschten sich aus. Foto: DM

Unautorisiert, aber nicht illegal: Hier und da liest man, diese Konferenz sei „unauthorized“ gewesen. Lowell Cooper, der langerfahrene Working-Policy-Virtuose, erläuterte noch einmal, dass nicht autorisiert nicht bedeute, dass diese Konferenz unstatthaft, unerlaubt, ja illegal sei. Sie ist nur nicht Teil des offiziellen GK-Terminkalenders. Man kann ruhig ergänzen: sie war auch nicht erwünscht. Ich bin der Ansicht: wenn sich zehn Verbände aus aller Welt zu einer Konferenz treffen, wieviel offizieller kann es denn werden?

Ergebnisse und Wünsche: Wer unter dem gleichen Problem leidet, der freut sich natürlich über Leidensgenossen. Insofern hatten die Begegnungen durchaus auch etwas selbsthilfegruppenmäßiges. Ein Verbandsvorsteher formulierte dann auch: das hier ist für mich Therapie! Und trotzdem: sich nur unter Gleichgesinnten zu treffen, wird nicht für Veränderung sorgen. Daher wurde es von allen als bedauerlich empfunden, dass hier nicht mit der Kirchenleitung (GK, Divisionen) ins Gespräch zu kommen war. Das ist ja das, was unsere Kirche im Kern ausmacht: wir setzen uns zusammen und diskutieren ein Problem aus. Warum ist das hier nicht möglich? Darf auch nach umstrittenen Beschlüssen nicht mehr darüber gesprochen werden? Daher ist das oberste Ergebnis der ausdrückliche Wunsch: redet mit uns! Lasst uns an einen Tisch setzen und über diese Kirche reden. Wir wollen zusammenbleiben.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Basis informiert werden muss. Offizielle Berichterstattung wird es nicht geben, daher werden die sozialen Medien die erste Wahl bleiben, um die Bedürfnisse eines substanziellen Teils der Weltkirche zu Gehör zu bringen.

Statt also ein Fazit zu ziehen, fordere ich interessierte Gemeindeglieder auf, sich in die Materialien selber einzuarbeiten (Lesekenntnisse im Englischen vorausgesetzt) und sich eine eigene Meinung zu bilden, wie es unsere gute, alte Tradition ist. Alle Präsentationen/Paper können auf der Seite adventistunity2017.com eingesehen werden.

Euer Dennis

Berichterstattung über die Konferenz:

Englisch: www.atoday.org; www.spectrummagazine.org

Deutsch: Beiträge des Advent-Verlags, der durch Jessica Schultka vertreten war: Teil 1 und Teil 2.

Videoclip von mir über die Konferenz hier

Was ist anders?

Die Frage stellt sich  immer  wieder, wenn man als Christ, ständig um Ideale und Verbesserung der Welt oder des Selbst bemüht, Bestandsaufnahme macht: was hat sich verändert? Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, noch bevor das Taufwasser hinter meinen Ohren verdunstet war (ich war damals knapp 14 Lenze jung). Was ist jetzt anders? Bin ich anders aus dem Wasser hervorgegangen als ich hineinging? Die Farben der Welt waren jedenfalls nicht bunter und der jugendliche Drang zum Unfug konnte auch im Taufwasser schwimmen. Auch das dieses Wochenende begangene Osterfest mit Karfreitagsabendmahl (Grindel), Passionsspiel (Harburg) und Auferstehungsfamilienbrunch stellt erneut die Frage: was hat sich verändert? Bin ich nicht nur berührt, sondern auch verändert worden?

Eine ebenso humorige wie eindrucksvolle Metapher dieses Gedankens drängte sich uns als Familie nur kurz vor dem Osterfest auf, als meine Frau in den Tiefen des Küchenschrankes Eierfarbe fand und dadurch Lust bekam, lustig bunte Eier für das Osterfest zu färben. Gesagt, getan und zehn Eierchen flugs ins heiße Biofärbebad gehängt. Schon war die Metapher fertig und das Ergebnis rangiert irgendwo zwischen angeknackster Färberehre und partytauglichem Schenkelklopfer:

Genau unser Thema, oder? Man könnte diese gefärbten Eier glatt als unbehandelte Freilandprodukte in den nächsten Ökoladen bringen. Nun liegt mir nicht daran, aus dieser unfreiwilligen Posse des Osterfestes mit Krampf ein Gleichnis zu pressen. Allein der Gedanke, das Symbol, die Erfahrung, das ist es wert, darüber nachzudenken: was hat sich verändert?

Und darin liegt vielleicht auch schon die Antwort. Tatsächlich hat ein Prozess stattgefunden, auch wenn er den Augen noch verborgen scheint. Wer dabei war, weiss es und wer es gemacht hat, noch viel mehr.

Luther, pardon, Paulus sagt es so (2. Kor 3,18): Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist. (LUT17)

Ein schöner Vers, aber nicht ganz leicht. Zwei Sachen sind aber klar. Erstens: Der Vers beginnt mutig, ja fast sensationell — oder gar leichtsinnig — mit den Worten : wir alle! Also nicht die Elite, nicht der Klerus, nicht die Übrigen, sondern WIR ALLE, was im Kontext heißt: die Gemeinde (zu Korinth, zu allem Überfluss). Zweitens: der Vorgang wird hier nicht als Veränderung, sondern als Verwandlung (μεταμορφούμεθα, darin steckt das Wort Metamorphose) bezeichnet. Das Verb ist passiv, es wird also an uns (ALLEN) gehandelt. Die Frage nach der Veränderung und das sorgenvolle Blicken und Messen und Prüfen des Fortschritts kann das Gegenteil von dem werden, von dem Paulus hier spricht: der Freiheit (V. 17). Veränderung, wenn Gott sie übernimmt, ist Verwandlung.

Was ist dann unsere Aufgabe, an Ostern oder Pfingsten oder überhaupt sowieso? Die Antwort ist das gute, alte, uns allen bekannte Wort κατοπτριζόμενοι (katoptritsomeneu), das im Neuen Testament nur einmal, nämlich hier, vorkommt. Der Spezi erkennt schon, dass das Wort Optik drinsteckt, es also etwas mit sehen zu tun hat. Die Bedeutung ist eine Mischung aus Schauen und Widerspiegeln.

Was ist anders? Nochmal zurück zur Frage. Das Schauen ist anders. Mit Christus sehen wir mit anderen Augen. Und das wiederum verwandelt uns. Das ist das Schöne am Evangelium. Es öffnet die Augen. Und das immer wieder.

Und jetzt schau nochmal das Foto an: vielleicht siehst du jetzt ja orangene Eier!?

R.I.P. Al Jarreau

Nur Kopfschütteln darüber, dass meine Kinder diese Ecke meiner Plattensammlung noch nicht entdeckt haben. Man kann nicht alle Erziehungsziele erreichen (Foto: DWM)

Ich war ca. 14 Jahre alt und hatte meinen ersten Job bei meinem Freund Gerald im Reformhaus. Die Verantwortung war überschaubar (Tee abpacken und Kartons zerlegen), ebenso wie der Verdienst. In den Ferien blieb ich einige Tage bei Gerald in der Wohnung über dem Reformhaus. Im Wohnzimmer durfte ich seine tolle Stereoanlage bedienen und mich durch seine Plattensammlung hören (für alle wirklich coolen Musikafficinados: heute nennt man das Vinyl und Turntable. Damals hätten wir nicht gewusst, wovon du sprichst). Das war die Geburtsstunde meiner Liebe zur Jazzmusik. Der Anfang dieser Liebe auf den ersten Blick (pardon: Ton) wird für mich immer mit dem Namen Al Jarreau verbunden sein. Der grosse Vokal-Akrobat, der im übrigen, wie die Beatles auch, seinen musikalischen Durchbruch im Hamburger Club Onkel Pö hatte. Al am Mikrofon und George Duke am Keyboard, das war das Dreamteam, das war unbekanntes, neues Land, Entdeckungsreise, Gänsehaut.

Gestern verabschiedete ich gerade liebe Freunde nach dem Kaffeetrinken, als mein Handy zuckt. Genau der Instinkt übermannte mich, den man als höflicher Mensch, in Etikette beflissen, zu unterdrücken imstande sein sollte: der unwillkürliche Griff zum Smartphone. Eilmeldung: Sänger Al Jarreau gestorben. NEEEEIIIIN! entfuhr es mir. Und alle dachten verwirrt, ob das mein Beitrag zur Verabschiedung sei. Selbst die Nachrichten vorm Tatort brachten einen beachtlich langen Beitrag zum Wirken von Jarreau. Und als wir im Bett lagen, schüttelte ich immer noch fassungslos den Kopf, was meine Frau zur Bemerkung veranlasste: “Du trauerst ja ein bisschen.” Ist wohl so!

Es gibt Dinge im Leben, mit denen verbinden wir Stimmungen, Orte oder Erinnerungen, die uns lieb geworden sind. Al Jarreau, das war auf dem Rücken liegen auf dem Flocati in Geralds Wohnzimmer, an die Decke oder auf den in coolem Blau leuchtenden Verstärker starrend. Das war der Pflichtdienst-Tanz zu Boogie Down, den wir zu unserem Abiabend 1987 mit unserer Choreographin Gunda (!) einstudierten. Der Saal tobte. Das waren stundenlange Fahrten mit Freund Hannes durchs Rhonetal, die Autobahngebühren meidend, in denen die Live-Konzerte auf Kassette mitgesungen wurden, die Füße aus dem Seitenfenster in den warmen Gegenwind gestreckt. Das war das erste Konzert, das Jarreau in Kapstadt nach der Apartheid gab: volles Stadion, Riesenstimmung, grottiger Soundtechniker. Das war der Moment im Stadtpark in Hamburg, als in der Sommerhitze eine Dame in der ersten Reihe kollabierte und Al Jarreau es als erster sah. Er winkte die Sanis herbei und sang sie förmlich zum Rand der Bühne, sie begleitend und haltend. Ich habe den Menschen Jarreau nie persönlich kennengelernt, aber sein Tod fühlt sich an wie der Abschied von einem Lebensgefühl, einem gutgelaunten Sommerabend, das Ende vom Urlaub.

Nicht um zwanghaft die fromme Kurve zu schlagen, sondern im Bewusstsein, dass ich noch viele solcher Abschiede vor mir haben werde, merke ich, wie erstaunlich in solchen Momenten die Aussage “Jesus lebt” ist. Ich werde wohl noch von manchem verehrten Künstler oder sogar geliebten Menschen Abschied nehmen müssen. Aber niemals, niemals werde ich auf meinem Smartphone lesen müssen: “Eine Legende ist von uns gegangen: Jesus Christus tot!”

An den glauben zu dürfen, der bleibt und mich hält, mir immer wieder neue Erinnerungen gibt, die sich ebenso warm und golden anfühlen wie gute Musik; der lebensgestaltender Begleiter ist, meine Persönlichkeit prägt und mich hält, auch wenn es nicht Sommer ist: das ist das grösste Geschenk. Und dann noch Adventist zu sein, darauf zu hoffen, dass Jesus bald kommt und wir mit ihm sein werden: das schlägt dem Fass den Boden aus.

Und wenn wir uns auch über Musik streiten können wie die Kutscher, so glaube ich doch fest daran, dass Al, der an den gleichen Jesus glaubte, der aus adventistischem Hause war wie ich, mir im Himmel ein paar Gesangsstunden geben wird. Wie cool ist das denn? Bis dahin nehmen wir uns das Motto seiner ersten Platte zu Herzen: We got by …

 

Nachtrag: Der Blog hat Freund Gerald auch erreicht. Hier die Originalplatten (Vinyl) von damals …

 

P.S.: Kommentare gerne hier unten rein!

P.P.S.: Kritik über den Musikgeschmack des Vorstehers bitte direkt an den Verband, Abteilung Musik.

P.P.P.S.: Hier (die schwere Auswahl) meine(r) drei Lieblingssongs von Jarreau (leicht auf Youtube, Spotify, Itunes o.a. zu entdecken):

  1. Mornin’ (Album: Jarreau)
  2. Breakin’ Away (gleichnamiges Album)
  3. Tomorrow Today (gleichnamiges Album)

P.P.P.P.S.: Wunderbarer Nachruf auf Zeit online

Tabula rasa 2017

Tabula rasa im Posteingang: 2017, ich bin bereit!

Tabula rasa, das ist die bekannte glatte, saubere, leere Tafel (Tafel ist hier nicht im Sinne von Tisch zu mißdeuten). Die Freude jedes Zwangsneurotikers und der Horror aller Komponisten und Schriftsteller (jedenfalls, wenn es blank bleibt). Jahreswechsel ist auch tabula-rasa-Zeit. Eine Zäsur im Zeitlauf lädt immer ein, auch eine Zäsur im Leben zu machen. Diese Wochen sind prall gefüllt damit. Es beginnt mit all den Jahresendrundbriefen, die teilweise noch ungeöffnet auf meinem Nachttisch liegen. Es geht weiter über das nicht schweigen wollende Handy mit lustigen Neujahrswünschen, die oft kopiert weitergereicht werden (tolle Eisenbahnfotos mit sinnigen Sprüchen zum Beispiel). Und es endet entweder in guten Vorsätzen oder der verwegen offenen Weigerung, sich diese vorzunehmen. Ich habe gegen all das nichts, ausser der klitzekleinen Tatsache, dass es ein wenig bedauerlich ist, dass diese lieben Wünsche und lustigen Bilder immer so geballt daherkommen, dass man sich schon gar nicht mehr richtig die Zeit zum Genießen dafür nehmen kann. So erwischte ich mich selber dabei, auf einen Neujahrswunsch in der Sylvesternacht mit einem trockenen “dito” zu antworten. Literarisch sicherlich ausbaufähig …

Und jetzt, ja gerade vor zehn Minuten, pünktlich zum ersten Arbeitstag des Reformationsjahres 2017: tabula rasa. Das kommt nur zwei bis dreimal im Jahr vor, dass ich in meinem Posteingang alle Mails abgearbeitet habe und es leer ist (für alle Ungläubigen oder Unkundigen: leer heißt null Emails, s. Foto). Gleich einen Screenshot davon gemacht, bevor die ersten neuen Arbeitsaufträge oder Spams einfliegen (es dauerte ca. drei Minuten). Ein gutes Gefühl: 2017 kann kommen, 2016 ist abgehakt (ausser für den armen Schatzmeister).

Rechtzeitig zum Ende des Jahres hatte ich noch einen Blog über das Weihnachtsfest geschrieben. Gerade wollte ich ihn freigeben, da passierte Berlin und irgendwie passte es nicht mehr (vielleicht dann 2017). Auch hier wünschte man sich mehr tabula rasa, einen Neuanfang. Aber genau dann wird man (durch den nächsten Anschlag oder die nächste Schlagzeile) daran erinnert, dass es nur ein Datum ist. Dass man (oder: die Welt) sich nicht zwischen dem 31. Dezember und dem 01. Januar verändert, sondern zwischen dem 01. Januar und dem 31. Dezember! Und je mehr ich darüber nachdenke, entweder angstvoll in die Nachrichtenwelt blickend oder hoffnungsvoll in die Planung für Familie und Vereinigung, umso mehr möchte ich das Jahresmotto laut zum Himmel schreien: Dein Wille geschehe! Einige Gedanken dazu haben Jan Kozak und ich ja schon im Video zum Jahreswechsel beigetragen.

Wie fange ich es also an, das Jahr 2017? Am besten am Anfang. Karl Barth formulierte es damals  (1940!) folgendermassen: «Der Anfang unserer Erkenntnis … ist nicht ein Anfang, den wir mit ihm machen könnten. Er kann immer nur der Anfang sein, den er mit uns gemacht hat» (KD II/1, S. 213). Am Anfang ist immer Jesus Christus und sein Ja zu mir. Wenn ich zu ihm komme, komme ich zum Anfang, zum Ursprung. Das will ich, ob als Vorsteher oder Familienvater oder Ehemann oder Freund oder Bruder (oder …), gerne wieder in diesem Jahr hören und dann auch ausüben!

Euch allen Gottes Segen für 2017

Euer Dennis

Adventistische Identität II

Identität: Wer bin ich? Vater, Ehemann, Pastor, Pfadi, Künstler, Aktivist etc. Mit der adventistischen Identität ist es ähnlich wie mit der personalen. Das Profil besteht aus vielen Bildern. Fotos: DM und KH

Wir kennen das aus Spionagethrillern: Agent X soll sich mit seinem Informanten Y treffen, um weitere Anweisungen zu erhalten. Er hat folgende Informationen bekommen: Y trägt einen braunen Borsalino und einen beigen Trenchcoat. Er steht am rechten Türblatt des Eingangs des Straßburger Münsters und wird X ansprechen mit den Worten: „Der Winter ist im Tessin milder als in der Oberpfalz.“

Anhänger des im letzten Blogbeitrags erläuterten Modells 1 (Alleinstellungsmerkmalmodell) tendieren schon an dieser Stelle dazu, zu rufen: Trenchcoat? Ist immer Agent! Weiß doch jeder. Man ahnt verstört, wie vielen Menschen hier schlechter Kleidungsstil die Reputation mindestens, im Normalverlauf der Dramaturgie aber das Leben kosten könnte, wie wir gleich sehen werden.

Die vier Merkmale zusammen sind das, was ich ein Profil nenne. Stellen wir uns vor: Agent X ist zur rechten Zeit am rechten Ort. Und tatsächlich spricht ihn ein Typ mit Trenchcoat mit den o.g. Worten an. Allerdings: er trägt keinen Borsalino, sondern (was einem Agenten wie X natürlich ins geübte und von der letzten Keilerei gerade genesene Auge fällt) einen Stetson. Wie wird er reagieren? Je nach Drehbuch: Im besten Fall verstört in die Kathedrale stolpern, im schlimmsten Fall den Typ erschießen.

Wir begreifen, was das Profilmodell der Identität aussagt. Erst die Kombination von Eigenschaften und Merkmalen macht einen Menschen (oder eine Konfession) unverwechselbar und einmalig. Nichts Anderes macht in den Tatort-Krimis der sogenannte Profiler. Er engt die Menge der Tatverdächtigen durch Anhäufung von Merkmalen ein. Das ist professionell. Der Zugriff erfolgt dann leider immer im Alleingang, ohne SEK. Wer weiß, warum das so sein muss.

Genauso funktionieren die Erkennungsalgorithmen im Internet- und Informationszeitalter. Gesichtserkennung an Flughäfen und auf öffentlichen Plätzen, zum Beispiel. Da sitzt ja kein Asperger-Genie in einem geheimen Stützpunkt der NSA, der die Fähigkeit hat, sich unendlich viele Gesichter zu merken und diese dann Namen zuzuordnen. Der Computer misst nur Merkmale wie Nasengröße, Augenabstand u.v.m. und stellt zweifelsfrei fest: diese Kombination von Merkmalen trifft nur aus Dennis M. aus HH zu, der gerade mit 102 statt 80 Stundenkilometern durch die Autobahnbaustelle dampft.

Insofern, jetzt endlich auf die adventistische Identität angewandt, hat unsere Kirche, entgegen allen Unkenrufen, ein klares und unverwechselbares Profil. Es ist so unverwechselbar, dass schon wenige Merkmale zur Identifikation reichen. Da gibt es vielleicht einen Glaubensbruder, der von den 28 Glaubensüberzeugungen zwei ablehnt oder sagen wir: duldet. Ist er deswegen kein Adventist mehr? Nein, sein adventistisches Glaubensprofil bleibt scharf und umrissen. Nun kann man sich natürlich darum streiten, ab wann das Profil unscharf und damit unadventistisch wird. Zieht man von den 28 Glaubenspunkten die ca. 18 ab, die mehr oder weniger Bestandteil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses sind (und daher von den meisten Christen geteilt werden), bleiben immer noch luxuriöse 10 Merkmale, aus denen sich ein unverwechselbares Profil ergibt.

Nehmen wir einmal das gefürchtete Feindbild des liberalen Adventisten, wie er mir hier und da leibhaftig begegnet und der im Reiz-Reflex-Schema mit pawlowscher Berechenbarkeit auf Schlüsselbegriffe reagiert (Daniel? Antiochus Epiphanes IV.! Ellen White? Plagiat! etc.). Notorisch muss er sich anhören: du ist ja kein Adventist mehr. Daraufhin selber befragt, empört er sich aber, denn er ist ein flammender Verfechter der Seelensterblichkeit, des Sabbats, des Annihilationismus[1] und der Mündigentaufe. Wären dies die einzigen Lehrpunkte, die ihm neben den christlichen Grundlehren wichtig sind: er fände keine andere Kirche als die unsrige, um darin heimisch zu werden. Das mag mir persönlich zu dünn sein, aber reicht es, um ihm die Tür zu weisen?

Um diesen Doppelblog mit einem persönlichen Wort zum Abschluss zu bringen. Ungeachtet der ungeklärten Frage, wie viele Merkmale einen unverwechselbar zum Adventisten machen und ob man als Pastor mehr davon braucht und als Vorsteher alle, gilt für mich persönlich: die Adventgemeinde ist mein Zuhause, weil ich dieses Profil an Überzeugungen nirgendwo finden würde. Es ist einzigartig. Das gibt mir meine adventistische Identität, inklusive der wichtigen Meinungsfreiheit, über Lehrpunkte oder Ausgestaltung des täglichen Lebens eine andere Meinung zu vertreten.

Hier haben auch diejenigen Platz, derer es nicht wenige gibt. Die nämlich gar nicht so viel mit Lehre unterwegs sind, sondern einfach sagen: hierzu will ich gehören, weil ich die Liebe Jesu hier erlebe. Vielleicht sind das ja die wahren Adventisten?

 

[1] Annihilation = Vernichtung/Zerstörung. In der Theologie bezeichnet man damit die Sicht, dass die Ungläubigen nach Tod und Auferstehung nicht in der Hölle leiden, sondern den „zweiten Tod“ sterben, also irgendwann nicht mehr existieren.

Adventistische Identität I

fullsizerender

Foto: DM

Der Ankündigung Taten folgen lassend, begebe ich mich in diesem Blogbeitrag wacker auf das Feld der heißen Kartoffeln. Das Stichwort heißt: adventistische Identität.

Als wir einst am Grindel ein Gemeindekonzept entwarfen, komplett mit Werten und Leitsätzen, da lautete tatsächlich (zum Erstaunen uneingeweihter Vorurteilsträger aus anderen Gemeinden) einer der Werte: adventistische Identität. Darunter fand sich (und findet sich noch immer) folgende Formulierung: Wir stehen als Gemeinde zu unserer Geschichte und unserer adventistischen Identität und begreifen uns als Lernende auf dem Weg des Glaubens.

Es währte nicht lange, bevor man (in Richtung Pastor) fragte, was genau das denn bedeute, adventistische Identität. Die Erklärung im Text gebe das ja nicht her. Die Antwort, die er (ich) damals gab, war trocken: das werden wir nicht als Ortsgemeinde klären können, wo es uns in hundertundwieviel Jahren unseres Endzeitdaseins nicht gelungen ist, einen Konsens darüber zu finden.[1] Ein Konsens jedenfalls ist beobachtbar und er ist als Sieg der Praxis über die Theorie, des Lebens über die Lehre zu werten: es ist uns wichtig, Adventisten zu sein! Mir auch. Es scheint eine Identität zu geben, die sich je und je anders inhaltlich oder emotional füllt.

Psychologisch nur (bzw. hervorragend) durch meine Frau fortgebildet, gestatte ich mir trotzdem eine Beobachtung zum Themenfeld Identität, die für mich hilfreich ist.

Es befinden sich in unserer Freikirche zwei Identitätsmodelle im Widerstreit, was laut meiner Hypothese ein Grund (oder einer der Gründe) für die Polarisierung der Gemüter ist.

Ich nenne das Modell 1 das Alleinstellungsmerkmalmodell (Modell 2 wird im nächsten Blog behandelt). Dieses Identitätsmodell arbeitet mit der Hypothese, eine eigene Identität habe nur derjenige (bzw. diejenige Kirche), der/die ein Merkmal aufweisen kann, das es so nur einmal gibt, das also unverwechselbar macht. Als neugewählter Vorsteher der Hansa-Vereinigung machte ich eine Besuchsrunde bei den Bischöfen der Hansa-Region und einer davon fragte mich, was zu erwarten war: was ist das Alleinstellungsmerkmal der Adventgemeinde? Ich tappte in die Falle und verlor sein Interesse irgendwo zwischen Heiligtumslehre und Offenbarungsauslegung. Erst später erinnerte ich mich an die gute jüdische Weisheit, Fragen mit Gegenfragen zu beantworten, denn zu gerne hätte ich gewusst, welche Antwort er als Lutheraner auf seine eigene Frage gegeben hätte. Vielleicht habe ich nochmal Gelegenheit, ihn zu fragen. Ab jetzt bin ich jedenfalls vorbereitet.

Erst wenn wir dieses Identitätsmodell auf die persönliche Ebene, also echte Menschen, übertragen, wird uns klar, wie unpraktikabel es ist. Es bedarf schon außergewöhnlicher Kennzeichen körperlicher (meist unerfreulicher) Art, um mit diesem Modell von Identität einen Menschen beschreiben zu können: Gorbatschow vielleicht (trug sein Alleinstellungsmerkmal auf der Stirn), der längste Mensch der Welt oder eine genetische Fehlbildung wie sechs oder sieben Finger o.ä. Ich jedenfalls könnte mich so nicht beschreiben. Im Übrigen hat die in Gemeindekreisen damals fromm verbreitete These „Jeder Mensch hat eine Fähigkeit, die er besser kann als alle anderen Menschen auf dieser Welt“ meine Identitätsfindung um Jahre verzögert.

Übertragen auf die Adventgemeinde lautet die These dieses Identitätsmodells also: adventistische Identität macht sich fest an Lehren (meist geht es ja darum), die nur wir haben und andere nicht, auch Unterscheidungslehren genannt. Wendet man dieses Modell nun spasses- oder interessehalber auf die 28 Glaubenspunkte an, so begreift man, warum der Streit um die adventistische Heiligtumslehre (Nr. 24) so heftig ins Zentrum der Debatte rückt, ob man noch Adventist ist oder eben nicht mehr so richtig.[2] Im Alleinstellungsmerkmalmodell der Identität wird das Merkmal natürlich automatisch und unweigerlich zum Schibbolet der Zugehörigkeit zur Gruppe. Probleme mit der Heiligtumslehre? Raus! Als Pastor allzumal. Vielleicht eine psychologische Erklärung dafür, dass kaum noch einer sie ansatzweise erklären kann. Man kann sich da schnell im Selbsttest prüfen und versuchen, ohne Zuhilfenahme von Internet und anderen Hilfsmitteln sich selber oder besser einer Testperson zu erklären, wie man von Daniel 8,14 bis 1844 kommt. Für alle Heterodoxie (Irrlehre) oder gar Apostasie (Abfall) wähnenden LeserInnen: ich kann es!

Im nächsten Blog stelle ich Modell 2 vor. Ich nenne es das Profilmodell.

[1] Nicht umsonst gab der adventistische Kirchenhistoriker George Knight seinem Buch über die Adventgeschichte im Englischen den Titel A Search for Identity = Suche nach Identität (Deutsch unter dem Titel: Es war nicht immer so, Advent-Verlag).

[2] Andere Kandidaten als Alleinstellungsmerkmal wären: Die Gemeinde der Übrigen (13) und Der Geist der Weissagung (18). Zum Ersten ist zu sagen: die Überzeugung, die wahre Gemeinde zu sein (ob man sich nun sprachlich als Übrige bezeichnet oder nicht) ist nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal; Zum Zweiten: Wenn mit Geist der Weissagung wirklich ausschließlich die Person von Ellen G. White gemeint ist (der Text legt es nahe), dann ist es wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Sollte damit aber gemeint sein, was die Überschrift nahelegt, nämlich die Gabe der Prophetie, dann gibt es natürlich viele Gemeinden und Konfessionen, die das praktizieren.

 

Auf wen zeigen? The One Project im KREUZfeuer

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Dass es in jeder Gruppe und Kirche, so auch in unserer, unterschiedliche Frömmigkeitsweisen, ja sogar Theologien, Ansichten und Lebensweisen gibt, ist ein Allgemeinplatz. Man muss nur eine Generalkonferenzvollversammlung besuchen, um diese bunte Vielfalt zu bewundern. Und wer sich ein wenig (oder mehr) mit der Adventgeschichte (oder der irgendeiner anderen Kirche) befasst hat, der weiss um das Ringen von Positionen.

Schon im Neuen Testament war es so. Nicht umsonst wird immer wieder zur Einheit aufgerufen. Wäre es so einheitlich und harmonisch zugegangen, bräuchte es wohl nicht diese Appelle. Das ist die erste Beobachtung.

Die zweite: es braucht immer einen Anlass, an dem sich ein Streit fruchtbar entzünden kann (Stichwort: Maschendrahtzaun). Ob es — wie in der Kirchengeschichte — das filioque oder das comma johanneum ist oder gar der Unterschied in nur einem Buchstaben zwischen dem homoousious und homoiousios liegt: alles ist wichtig. Die vielzitierten Adiaphora scheint es nicht zu geben.  Da heißt es zwar immer mal wieder: das ist nicht heilsentscheidend, aber vielleicht hat man nur nicht den richtigen Newsletter erhalten, der einem das Gegenteil beweist. Je frömmer, desto heilsbedeutender ist auch das kleinste Detail der Lebensweise oder eines Bibeltextes. Soviel zu den zwei Vorbeobachtungen.

Vor  diesen polarisierenden Streitereien, diesem durch die Zentrifugal- und petalkräfte von rechts und links angetriebenem adventistischem Mahlwerk, so könnte man nun leichtfertig meinen, sei man gefeit, wenn man sich einfach auf das beste und verbindendste Thema, ja die Gründungsperson des christlichen Glaubens, konzentriere: auf Jesus Christus. Jesus allein. Seine Lehre, seine Person, sein Heilen, sein Handeln. Ihn vor der Welt zu erhöhen, zum Mittelpunkt allen Predigens zu machen, so schrieb schon Ellen White, sei unsere vornehmliche Aufgabe als Adventisten (Diener des Evangeliums, S. 138 rev.). So dachten die Gründer des The One Projects. Ein einfaches, durchschaubares Konzept: Konferenzen, in denen alle Redebeiträge konsequent über Jesus gehen. Nicht viel Schnickschnack drumherum, bibelzentriert, jesuszentriert, menschenzentriert. Hunderte, ja Tausende von Menschen haben diese Konferenzen geistlich belebt, neu inspiriert, vom Rand wieder in die Mitte gestellt. Ich selber denke noch gern an den Segen in Utrecht zurück, den ich erleben konnte (Bericht hier). Nun stellt sich heraus: es gibt Adventisten, denen das nicht passt. Sie suchen fleissig nach den Steinen im Mahlwerk und werden fündig. Sie wittern Verführung und schlagen Alarm. Dieser Tage in der eindringlichen Warnung vor einem Sprecher, der zum Jugendkongress in Kassel als Hauptredner eingeladen und einer der Gründer des Projektes ist, das Jesus zum Zentrum von Glauben und Verkündigung machen will. Gleich dem Großinquisitor in Dostojewskis “Die Brüder Karamasow” wird medial zum Verhör vorgeladen und wer sucht, der findet, wie das ja hinlänglich von inquisitorischen “Befragungen” bekannt ist. Selbstverständlich im Namen der Wahrheit.

Einer bleibt jedoch auf der Strecke: Jesus! Um den ging es doch eigentlich. Er, der die Wahrheit ist. Und darum, so zu werden wie er, so zu handeln, so miteinander umzugehen. William Johnsson, wahrlich ein Mann der Mitte, Leiter des Adventist Review über viele Jahre, Erfinder von Adventist World, meldet sich nun mahnend zu Wort. Und er ist wütend. Zu Recht. Ich habe ihn gefragt, ob ich seine Worte übersetzen und veröffentlichen darf und tue das nun mit seiner Zustimmung. Hier sein Text …

The One Project: Warum ich wütend bin!

September 2016, William G. Johnsson

Manchmal geht was in der Kirche so schief, dass man sich melden muss. Im Adventismus gibt es im Moment eine Krankheit, derer sich keiner anzunehmen scheint.

Meine Frau Noelene und ich sind glückliche Pensionäre in Loma Linda, wo die Sonne jeden Tag scheint. Wir leben ein gutes Leben – Spaziergänge, Gartenarbeiten, Schreiben, Theologie unterrichten und viel Zeit füreinander. Silver Springs[1], der Adventist Review und Adventist World sind weit weg und beschäftigen uns nur noch in Gebeten. Jetzt sind wir aber auf Dinge in der Adventgemeinde gestoßen, die wir widerlich finden und wenn ich nichts sage, brennt mir die Sicherung durch. Und, was noch wichtiger ist, werde ich vielleicht schon bald vom Herrn die Frage gestellt bekommen: „Du, der du das The One Project kennst, warum hast du nichts gesagt?“

Wir haben das The One Project (TOP) erst vor Kurzem kennengelernt. Ich werde nicht versuchen, Dinge, die vor 2016 stattfanden oder nicht stattfanden, zu diskutieren. Aber in diesem Jahr haben wir hinreichend Kenntnis aus erster Hand bekommen, nicht durch Hörensagen. Und was wir gesehen und gehört haben, führt uns zu klaren Schlussfolgerungen über TOP und die damit verbundenen Menschen.

Das The One Project kommt von Gott. Es ist etwas, das unterstützt werden sollte, nicht verunglimpft. Diejenigen, die sich gedrungen fühlen, es zu bekämpfen sollten den Ball flachen halten, denn sie kämpfen gegen Gott.

Ich werde euch sagen, wie ich an diesen Punkt gekommen bin.

Ich war überrascht, als ich Ende 2014 als Sprecher zum TOP in Seattle (Februar 2016) eingeladen wurde. Weil ich fast nichts darüber wusste, schaute ich mir die Website an. Was ich dort fand – eben das Ziel, Jesus zum Zentrum adventistischer Verkündigung und Lebensweise zu machen – ließ mich die Einladung annehmen. Das Thema der Konferenz waren die Ereignisse der Passionswoche. Alle Referenten zeichneten die Schritte Jesu vom umjubelten Einzug nach Jerusalem, über Golgatha bis zur Auferstehung nach. Mein Thema war der Sabbat, an dem Jesus im Grab ruhte. Ich sollte über die Bedeutung des Todes Christi sprechen. Offensichtlich war den Organisatoren des Projektes das Thema sehr wichtig, denn ich bekam 40 Minuten Redezeit, wo alle anderen nur 16 bekommen hatten. Alle Referenten wurden gebeten, drei Monate vor der Konferenz ihre Manuskripte einzusenden, so dass geprüft werden konnte, dass nicht die Kirche und ihre Leitung angegriffen wurden und dass die Präsentation geeignet sei, um gute Gruppendiskussionen zu fördern.

Noelene begleitete mich nach Seattle zur Konferenz. Sie fand im Westin Hotel, mitten im Zentrum von Seattle, statt und ging von Sonntagmorgen bis Montagmittag. Man hatte mit 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet, doch der Andrang war so gross, dass es am Ende 1200 waren. Bei der Größe hätte man unmöglich eine weitere Person in den Raum quetschen können.

Alles war ausgezeichnet vorbereitet: Sound, Video, Koordination, Zeiteinhaltung. Keine Vorstellung von ReferentInnen, es ging nur um Jesus. Das Publikum war altersgemischt, in erster Linie aber Baby-Boomers und Millennials[2]. Die Referenten waren zur Hälfte männlich und weiblich. Ich war doppelt bis dreifach so alt wie die restlichen ReferentInnen, aber das schien niemanden zu stören. Ihnen ging es um Jesus, nicht um mich. Alle mischten sich untereinander, freundlich und fröhlich. Das Erscheinungsbild war schick, aber nicht formell, nur wenige der Männer trugen Anzüge oder Krawatten. Wir befürchteten lautete Musik, die uns nicht gefallen würde und lagen falsch: es gab wundervolle Anbetung, eine Mischung aus zeitgenössischem Gospel mit Klassikern wie Amazing Grace oder Jesus Paid It All.

Nur eine Sache störte die Harmonie: die Gruppe bestand überwiegend aus Weißen. Als ich zu reden begann, sagte ich das auch und erntete Großen Applaus. Nachher sprachen die Verantwortlichen mit mir darüber und berichteten über ihre bislang fehlgeschlagenen Versuche, diesem Problem abzuhelfen und mehr ethnische Verschiedenheit hineinzubringen.

Noch immer, sechs Monate später, fühlen Noelene und ich die geistliche Beglückung von Seattle. Eines aber verstört mich: Könnte mir irgendjemand bitte erklären, was genau das Problem am The One Project ist? Es scheint mir, dass fast jeder schon gehört hat, irgendetwas stimme nicht mit dem Projekt, aber niemand kann mir sagen, was.

Also habe ich bei vielen Leuten nachgefragt, auch in Silver Springs, aber alle Antworten sind Nebelkerzen: Gerüchte, Verdächtigungen, Hörensagen, Vorschwörungstheorien. Was andere eben gesagt, gehört, gelesen oder im Internet oder auf DVD gesehen haben. Auf der anderen Seite aber sind alle, die schon ein TOP besucht haben, positiv und voll glühender Begeisterung.

Wir fühlten uns durch Seattle so gesegnet, dass wir, von den Organisatoren gebeten, doch in Sydney und Perth (Australien) mit dabei zu sein, sofort zusagten. Gerade sind wir zurück von dieser zweiwöchigen Reise. Es war wieder so wie Seattle, nur kleiner. Der gleiche Geist. Die gleiche Liebe. Jesus wieder im Zentrum. Wir kamen müde aber vollgetankt zurück. In Australien wurden andere Themen erörtert. Es ging um Jesu Lehre und Leiden. So lernten wir, was Jesus über die Dreieinigkeit lehrte, über das Ende, über Jüngerschaft, über das Reich Gottes etc. Ich hatte zwei Präsentationen: Was Jesus über die wahre Religion und was er über den Sabbat lehrte.

Diese Reise gab uns die Möglichkeit, die Leute hinter den Kulissen aus der Nähe persönlich kennenzulernen. In Sydney verzichteten wir auf ein teures Hotel und wohnten alle in einem Airbnb, um Kosten zu sparen. Noelene und ich bemerkten immer wieder, wie ermutigend die Gespräche waren und wie häufig es sich um Jesus drehte. Und natürlich, wie hart die TOP-Leute arbeiteten: schon vor dem Sonnenaufgang auf, um sich um ihre eigentliche Arbeit in den Staaten zu kümmern. Dazu noch die Zusatzaufgaben in Australien. Das One Project bringt diesen hingebungsvollen Menschen keine Zusatzeinkünfte oder Privilegien, nur mehr Arbeit, Sorge und, unglücklicherweise, ätzende Häme.

Beim letzten Treffen in Australien, in Perth an einem Sabbatnachmittag, konnten wir einen ungewöhnlichen Einblick in den Dienst dieser Menschen nehmen. Das Treffen war ein Zusatzangebot für diejenigen, die Fragen über das One Project stellen wollten. Und obgleich es ruhig und sachlich verlief, wurden doch Einblicke gewährt, die vielsagend und verstörend waren. Wir erfuhren, dass die Kritik an TOP schon ganz am Anfang begann. Ein Europäer, der mit der Freikirche seine bunte Geschichte gehabt hatte, startete einen Frontalangriff, den er überall verbreitete. Dabei waren seine Vorwürfe rasant daneben: er berief sich auf Erkenntnisse der Website the1project.com, eine nunmehr nicht mehr abrufbare Website, die nichts mit dem adventistischen the1project.org zu tun hat. Aber die falschen Anschuldigungen zirkulieren weiter. In den letzten Jahren, in denen Verschwörungstheorien immer mehr um sich griffen, wurden diese Vorwürfe schärfer, extremer. Das One Project wurde in direkte Verbindung zu Satan gestellt: ich sah eine Darstellung einer Schlange, die mit The One Project betitelt war und die Adventgemeinde verschlang. Es gab Gegner, die die Organisatoren beim Wegfahren von Veranstaltungen mit „Du Hexe/r“ beschimpften. An einem Veranstaltungsort hatten sich zwei junge Männer in Sack und Asche gekleidet und saßen vor dem Eingang des Treffens.

Und es kommt noch schlimmer. Selbst die Kinder der Veranstalter wurden zum Ziel von Feindseligkeiten auf Facebook. Wie abscheulich!

Und das passiert unter Siebenten-Tags-Adventisten? Solche Lügen, solch peinliches Gebaren machen mich wütend. Auch wütend, weil keiner was sagt.

Unter den Zuhörern der Sabbatabendveranstaltung saß auch eine Anwältin, deren Kanzlei mit derart Rechtstreitigkeiten zu tun hat. Sie merkte an, dass in Australien solche ungeheuerlichen Vorwürfe nicht rechtens seien und schlug vor, die Verleumdungen durch gerichtliche Schritte zu stoppen.

Unser Besuch in Australien war herrlich inspirierend, aber wir kamen mit einer bangen Frage im Herzen zurück. In Sydney kamen etwa 170 TeilnehmerInnen, in Perth um die 100. Alle, die kamen, hatten davon durch private Kanäle erfahren. Von Silver Springs war die Order ergangen, dass das One Projekt in den offiziellen Organen der Kirche keine Erwähnung bekommen solle. Wir lernten Menschen kennen, die schon lange nicht mehr zur Gemeinde kamen, aber nach einem Besuch des TOP der Sache eine neue Chance geben wollten. Andere hatten schlechte Gerüchte über das Treffen gehört und waren nur zögerlich gekommen, erlebten aber großen Segen usw. Ich freue mich über diese Berichte, aber was ist mit den Hunderten anderer, die vielleicht gekommen wären, wenn die offiziellen Medien der Kirche sie darüber informiert hätten?

Vor über einem Jahr haben die Leiter des TOP die Kirchenleitung gebeten, ihnen zu sagen, wo sie daneben liegen (wenn sie daneben liegen), damit sie das korrigieren können. Bis jetzt warten sie auf eine Antwort.

[Anmerkung der Spectrum-Redaktion: Spectrum hat durch mehrere Quellen in Erfahrung gebracht, dass das The One Project einer internen von der Generalkonferenz initiierten theologischen Untersuchung durch das Biblical Research Committee unterzogen worden ist, welches aber nichts Verwerfliches in der theologischen Botschaft des The One Projects finden konnte.]

So etwas ist nicht in Ordnung.

Meine geliebte Gemeinde leidet an einer Krankheit. Wir haben es erlaubt, dass extreme Ansichten die Kontrolle übernehmen. Ansichten, die mit Angst arbeiten, die Verschwörungsszenarien um Endzeitereignisse stricken und die Herzen der Gläubigen verunsichern. Diese Ansichten sind Lichtjahre entfernt von den gesunden, besonnenen Lehren über das Ende, die wir in der Schrift und bei Ellen White finden. Einige dieser Ansichten werden durch Bücher, das Internet und DVDs verbreitet, die unabhängige Missionswerke herausgeben. Im Großen und Ganzen bin ich ein starker Befürworter von unabhängigen Missionswerken, aber nur so lange sie nicht mit der Angst von treuen Gemeindegliedern ihr Geld verdienen.

Wohin entwickeln wir uns in dieser Kirche? Bin ich der einzige, der wütend ist?

Der 13-Stunden-Flug von Sydney nach Los Angeles zieht sich unendlich hin. Hier in 12 km Höhe, in der Dunkelheit über dem endlosen Pazifik habe ich Zeit zum Nachdenken. Das Gefühl überwältigender Gnade überkommt mich, Dankbarkeit für die wunderbaren Nachfolger Christi, die wir zum ersten Mal kennenlernen konnten oder mit denen wir zusammenarbeiten durften. Und am meisten für Jesus, den Unvergleichlichen, dessen Liebe niemals endet.

Doch zusammen mit diesen segensreichen Gedanken beschleicht mich das Gefühl unglaublicher Ironie. Geschmäht für nichts Anderes als Jesus ohne Wenn und Aber zu verkünden? Geschmäht, nicht durch Ungläubige, sondern von Mitgliedern der Siebenten-Tags-Adventisten? Unglaublich!

Vielleicht aber auch nicht. Wo immer und wann immer Jesus und seine Gerechtigkeit verkündet wird, passieren neben den guten Dingen auch hässliche. Wie damals in den Tagen von Paulus in Galatien. Oder in Minneapolis 1888.

Oder 2016.

William G. Johnsson war vor seinem Ruhestand Chefredakteur von Adventist Review und Adventist World. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, u.a. des erst kürzlich erschienenen zweibändigen Werks über Jesus von Nazareth, dessen erster Teil im Advent-Verlag auf deutsch erhältlich ist.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und www.spectrummagazine.org: Dennis Meier (September 2016)

Text als pdf: William Johnsson – The One Project

[1] Anm. d. Übers.: Silver Springs ist der Sitz der Generalkonferenz

[2] Anm. d. Übers.: Als Baby-Boomer bezeichnet man die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 40er bis Mitte der 60er Jahre; Millennials bezeichnen wir in Deutschland als Generation Y (ca. 1980-2000).

Glauben.Hoffen.Ringen

 

GHS

Wer glauben, hoffen und singen kann, der kann mit dem neuen Liederbuch der Zukunft gut gelaunt entgegensehen. (Foto: TM)

Kurz vor dem Erscheinen des neuen Glauben-Hoffen-Singen kursierte der Witz in den Gemeinden, was denn das neue Liederbuch und Jesus gemeinsam hätten? Antwort: sie kommen bald. Wir haben also als Gemeinde nicht den Humor verloren und inzwischen halten wir ein neues Liederbuch in den Händen.

Für die einen eine überfällige Notwendigkeit, für die anderen freudig erwartet und für wieder andere ein weiterer Nagel im Sarg des deutschen Adventismus (was auch immer das ist). Zwischen diesen Polen lassen sich treffliche Diskussionen um Musik und Musikstile führen, denn Streiten gehört zu uns wie Potluck und Vegetarismusdebatten.

Die Aktualität und Relevanz dieser meist durch Erwachsene geführten Diskussionen wurde gleich durch eines meiner Kinder lässig ad absurdum geführt. Es berichtete mir, dass im Gottesdienst nun zum ersten Mal aus dem neues Liederbuch gesungen worden sei, und zwar die gleichen (man lese zwischen den Zeilen: langweiligen, alten) Lieder wie immer, nur halt neu gedruckt. So schwer beeindruckt ist die Jugend von den Sorgen um ein neues Liederbuch und dessen Orthodoxie.

Jetzt an Pfingsten wurden wir zu einem landeskirchlichen Gottesdienst in die barocke Schlosskirche auf der Insel Mainau eingeladen und wir gingen hin (schon wegen der damit verbundenen Freikarten für die Blumeninsel). In diesem historischen Ambiente (Putten allenthalben) bemühte sich der Pastor redlich um modernes Liedgut und schrammelte mutig auf seiner Gitarre Liedgut aus den 70ern („Danke, für diesen guten Morgen“ etc.). Da fühlten wir uns in unsere Jugendzeit versetzt, als das rhythmische Bearbeiten eines mit Saiten versehenen Klangkörpers im Gottesdienst noch irgendwas zwischen Avantgarde und Rebellion war. Es war halt unsere Musik und wir fühlten etwas, das die Großen nicht empfinden konnten. Sie sollten es auch nicht, das war ja der Sinn der Sache. Hauptsache, unsere Eltern machten sich Sorgen und verneinten, dass diese Geräusche überhaupt der Definition von Musik genügten.

Insofern ist aus pädagogischer Sicht ein neues Liederbuch (mit einem Anteil von tatsächlich neuen Liedern) ein Zeichen für einen unvermeidbaren und doch notwendigen Generationswechsel, der sich in unserer Freikirche vollzieht. Jetzt bestimmt die Generation, die damals die Gitarren und wenn es ganz schlimm kam selbst ein Schlagzeug in den Gottesdienst brachte, was gesungen wird (heute gibt es mit der Cajon das Schlagzeug light).

Die Aufregung hat aber auch etwas Gutes. Ich habe mein neues Liederbuch gegriffen und mich an die Tasten gesetzt mit dem Entschluss, es einmal von 1 bis 600irgendwas durchzuspielen. Diesen Impuls habe ich vorher nie gehabt. Im Moment bin ich bei den 200ern und es geht meinem Glauben prima. Ich entdecke tolle Lieder und olle Lieder, singbare und herausfordernde, gesetzte und gut gesetzte. Es ist wie das pralle Leben. Aber vor allem wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um unvollkommenes, mal gestottertes, mal geträllertes Lob Gottes aus dem Mund von Menschen. Einfach wunderbar.