Glauben.Hoffen.Ringen

 

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Wer glauben, hoffen und singen kann, der kann mit dem neuen Liederbuch der Zukunft gut gelaunt entgegensehen. (Foto: TM)

Kurz vor dem Erscheinen des neuen Glauben-Hoffen-Singen kursierte der Witz in den Gemeinden, was denn das neue Liederbuch und Jesus gemeinsam hätten? Antwort: sie kommen bald. Wir haben also als Gemeinde nicht den Humor verloren und inzwischen halten wir ein neues Liederbuch in den Händen.

Für die einen eine überfällige Notwendigkeit, für die anderen freudig erwartet und für wieder andere ein weiterer Nagel im Sarg des deutschen Adventismus (was auch immer das ist). Zwischen diesen Polen lassen sich treffliche Diskussionen um Musik und Musikstile führen, denn Streiten gehört zu uns wie Potluck und Vegetarismusdebatten.

Die Aktualität und Relevanz dieser meist durch Erwachsene geführten Diskussionen wurde gleich durch eines meiner Kinder lässig ad absurdum geführt. Es berichtete mir, dass im Gottesdienst nun zum ersten Mal aus dem neues Liederbuch gesungen worden sei, und zwar die gleichen (man lese zwischen den Zeilen: langweiligen, alten) Lieder wie immer, nur halt neu gedruckt. So schwer beeindruckt ist die Jugend von den Sorgen um ein neues Liederbuch und dessen Orthodoxie.

Jetzt an Pfingsten wurden wir zu einem landeskirchlichen Gottesdienst in die barocke Schlosskirche auf der Insel Mainau eingeladen und wir gingen hin (schon wegen der damit verbundenen Freikarten für die Blumeninsel). In diesem historischen Ambiente (Putten allenthalben) bemühte sich der Pastor redlich um modernes Liedgut und schrammelte mutig auf seiner Gitarre Liedgut aus den 70ern („Danke, für diesen guten Morgen“ etc.). Da fühlten wir uns in unsere Jugendzeit versetzt, als das rhythmische Bearbeiten eines mit Saiten versehenen Klangkörpers im Gottesdienst noch irgendwas zwischen Avantgarde und Rebellion war. Es war halt unsere Musik und wir fühlten etwas, das die Großen nicht empfinden konnten. Sie sollten es auch nicht, das war ja der Sinn der Sache. Hauptsache, unsere Eltern machten sich Sorgen und verneinten, dass diese Geräusche überhaupt der Definition von Musik genügten.

Insofern ist aus pädagogischer Sicht ein neues Liederbuch (mit einem Anteil von tatsächlich neuen Liedern) ein Zeichen für einen unvermeidbaren und doch notwendigen Generationswechsel, der sich in unserer Freikirche vollzieht. Jetzt bestimmt die Generation, die damals die Gitarren und wenn es ganz schlimm kam selbst ein Schlagzeug in den Gottesdienst brachte, was gesungen wird (heute gibt es mit der Cajon das Schlagzeug light).

Die Aufregung hat aber auch etwas Gutes. Ich habe mein neues Liederbuch gegriffen und mich an die Tasten gesetzt mit dem Entschluss, es einmal von 1 bis 600irgendwas durchzuspielen. Diesen Impuls habe ich vorher nie gehabt. Im Moment bin ich bei den 200ern und es geht meinem Glauben prima. Ich entdecke tolle Lieder und olle Lieder, singbare und herausfordernde, gesetzte und gut gesetzte. Es ist wie das pralle Leben. Aber vor allem wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um unvollkommenes, mal gestottertes, mal geträllertes Lob Gottes aus dem Mund von Menschen. Einfach wunderbar.

Tête-à-Ted

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Mehr als nur auf der Durchreise. Ted Wilson im Gespräch mit der deutschen Kirchenleitung. Foto: DM

Es gibt doch kaum etwas Lehrreicheres als an einem Ereignis teilgehabt zu haben, das von denen kommentiert wird, die nicht mit dabei waren. So jüngst geschehen bei einem Treffen von Bruder Ted Wilson mit den deutschen Vorstehern am 8. März (einem geschichtsträchtigen Datum, nicht nur weil es der Internationale Frauentag war – ups – sondern auch mein 36ster Tauftag), im Zentrum der Macht: Mörfelden bei Frankfurt, jenem „Maurerdorf“ genannten Ort, dessen letztes Großereignis die Inbetriebnahme der Riedbahn im Jahre 1879 war.

Neben eigenen Berichten der Teilnehmer jenes Treffens ist das offizielle Zeitdokument ein Foto gutaussehender Männer, die auch deshalb so fröhlich lachen, weil die einzige Frau weit und breit, die attraktive Hotelangestellte Angelika K. (Name geändert) sich bereit erklärte, das Iphone 6S zu bedienen (nicht das Foto hier oben). Es war klar, dass diese Steilvorlage von humoraffinen Zeitgenossen und Berufszynikern dankbar angenommen wurde und es in „geschlossenen Facebookgruppen“ (ein Oxymoron) zu heftigen Kommentierungen der unbekannten Inhalte kommen musste. Die Kommentare zu dem Treffen unter der Newsmeldung von spectrummagazine.org internationalisierten die Spekulation und so erfuhr ich viele Dinge, die mir wohl an dem Tag völlig entgangen waren. Obwohl: das mit den Männern hatte ich wohl bemerkt. Das konnte selbst mein Zopf nicht rausreißen.

Um der Sache den Anschein einer Bilderberg-Konferenz oder des Phoebuskartells zur geheimen Begrenzung der Lebensdauer von Glühbirnen zu nehmen, hier mein tendenziöser Augenzeugenbericht über das Tête-à-Ted.

Das eigentlich Besondere an jenem Treffen war seine allseits zugestandene Überfälligkeit. Im Nachgang besteht der Gewinn dieser Unterredung weniger in den besprochenen Inhalten als in der Tatsache des Stattfindens. Nicht, was verhandelt wurde, sondern dass man sich traf. In einem ersten Durchgang am Vormittag bekam jede Entität (wenn wir Adventisten von Entität reden, denken wir weniger an Kant und das Ding an sich, also den Grundbegriff aus der Lehre von der Ontologie, sondern meinen damit nüchtern eine Vereinigung oder einen Verband etc.) die Gelegenheit, sich in wenigen Minuten vorzustellen, und zwar unter den beiden Polen Herausforderungen und Positives. Schon hier sah man, dass Ted Wilson hielt, was er versprochen hatte: nämlich aufmerksam hinzuhören. So machte er sich fleißig Notizen, um ein Bild der Situation in Deutschland zu bekommen, unterbrochen von der einen oder anderen Kuchen(diagramm)pause.

Der Name Ted Wilson, und damit verrate ich kein Geheimnis, evoziert ja die unterschiedlichsten Reaktionen, meist Augenreaktionen. Der einen Augen fangen an zu leuchten, weil sich wie weiland der Glanz der reinen adventistischen Lehre wie der Tau des Hermon auf die postmodern geschundene und missionarisch erfolglose Seele legt; bei den anderen fangen die Augen unwillkürlich an zu rollen, dass einem blümerant wird. In so einer Situation ist ein von-Aug-zu-Aug ohne Licht- und Rolleffekte das Gebot der Stunde. Genauso wie das Gebot, dass man zunächst einmal den Menschen sieht. Wenn sich auch einige dieser Erkenntnis widersetzen werden, aber: Ted Wilson ist im Gespräch um den Tisch und im persönlichen Miteinander verbindlich, freundlich und tief geistlich. Es macht Freude, sich mit ihm zu unterhalten. Das gilt auch für kontroverse Themen.

So ist mein Fazit und das meiner Kollegen, dass hier etwas erreicht wurde, das aus Mangel an was-auch-immer überfällig war, nämlich ein gutes Gespräch unter Kollegen, gemeinsame Gebete, das ehrliche Ansprechen von Differenzen und die Versicherung, dass die Deutschen nicht den Anspruch erheben, der adventistische Nabel der Welt zu sein, nur weil vor 500 Jahren Martin Luther im Wittenberger Patentamt die Erfindung „Reformation“ unter der Nummer AD1517/95 zum deutschen Staatseigentum machte. Jüngstgeschichtlich gesehen sind wir ja bekanntlich in einer recht begründeten Außenseiterposition, andern vorzugeben, wo denn der Hase langzulaufen habe. Trotzdem stoße ich regelmäßig auf an der Kirche leidende Individuen, die nicht begreifen können, dass die weltweite Adventgemeinde nicht auf ihren Kurs einschwenken will. Gemeinde ist eben auch, wenn ich trotzdem dazugehöre.

Gerne kann noch etwas zu den Inhalten gesagt werden, die am Nachmittag zur Sprache kamen:

  • Strukturreform, also die Frage nach einem deutschen Verband. Ted Wilson dazu: wenn man nur die Zahlen betrachtet, macht das Sinn. Aber eine Heirat sollte immer eine Liebesheirat sein. Die GK hat da ein bewährtes Prozedere der Prüfung. Diesen Weg wollen wir gemeinsam gehen.
  • Kommunikation: wie vermeiden wir, dass bei der GK das Bild vom deutschen Adventismus dadurch negativ geprägt wird, dass Einzelne oder auch Gruppen erfolgreich die hanebüchensten Gerüchte oder Halbwahrheiten in frommer Betroffenheit zur Leitung durchmelden (Mythen wie: Verteilverbot Großer Kampf; Maulkorb durch Ökumenemitarbeit; Predigtverbote etc.)? Wir vereinbarten direkte, offene und verstärkte Kommunikation, wenn Fragen zu klären sind. Wir wollen miteinander, nicht übereinander reden.
  • Regulationsdruck: Zu jedem Randgebiet ethischer Minderheitenphänomene scheint es ein Statement der Kirche geben zu müssen. Die Arbeitsrichtlinien (Working Policy) umfassen mittlerweile 1000 Seiten (!). Nicht mehr lange, dann sind sie dicker als die Bibel. Könnte man nicht einfach mehr einander und den Gemeinden vertrauen, auch wenn Einzelfragen regional unterschiedlich gehandhabt werden? Diese Arbeitsrichtlinien, so die Antwort, seien der Tatsache geschuldet, dass die GK Anfragen auch normativ beantworten müsse. Die Antwort „findet es selber heraus“ scheint nicht zum Repertoire zu gehören, so mein Fazit. Das mag auf einen kulturell unterschiedlich verstandenen Bildungsauftrag zurückgehen.
  • Frauenordination: aus den Diskussionen über dieses Treffen könnte sich glatt der falsche Eindruck ergeben, es sei hier nur um die Gelegenheit gegangen, Ted Wilson darüber aufzuklären, dass und wie heftig wir gegen den Beschluss von San Antonio sind, so als übermittle man ihm damit eine neue und sensationelle Information, unter deren Druck er nicht anders könne als reuig die Beschlusslage der Weltsynode zurückzunehmen und zu sagen: „wenn ich das gewusst hätte“ … Wenn die Ansichten unterschiedlich sind und der Beschluss protokolliert, hilft eben keine Betroffenheitsshow, sondern wieder nur das offene Gespräch und die Benennung des Konfliktes und der schmerzlichen Verwerfungen, die er an unserer Basis verursacht. In der Sache sind wir als deutsches Feld einig, aber im Umgang mit der Entscheidung von 2015 müssen wir erst noch kräftig miteinander reden, was die unterschiedliche Beschlusslage in den beiden deutschen Verbänden deutlich macht. So wurden in einer guten Stunde nochmal die Wünsche auf beiden Seiten höflich wiederholt und wir schritten zum Foto, das die Symptomatik dann doch besser ausdrückte als theologischer Schlagabtausch, Verweise auf kulturelle Unterschiede oder die Nadel auf dem globalen Kompass, die mittlerweile nach Süden zeigt.

Kurzum, bei aller Liebe zu blumigen Ausführungen und humorvollen Kommentaren, die ich zugebe, mit anderen zu teilen: eine überfällige und segensreiche Erfahrung, die einmal mehr deutlich macht, dass ein lustlos hingeworfenes „gut, dass wir mal drüber geredet haben“ übersieht, dass es genau das ist, was meistens fehlt: sich respektvoll und trotzdem schwesterlich (um den Frauen wenigstens sprachlichen Raum zu geben, bei aller globalen Enge für sie) zu begegnen und genauso heftig in der Sache zu sein wie in der Liebe zueinander. Hätten wir mehr auf die Frauen gehört, hätten wir das früher gelernt. So werde ich weiter dafür kämpfen und beten, dass irgendwann einmal bei einem Treffen von Kirchenleitungen der Adventgemeinde Frauen mit im Bild sind.

Der aufrechte Gang

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Von links: Werner Dullinger (Vorsteher SDV); Günter Brecht (scheidender Finanzvorstand NDV); Dieter Neef (neuer Finanzvorstand ab April 2016); Johannes Naether (Vorsteher NDV). Foto: Karl-Heinz Walter

Eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute: unsere Freikirche in Deutschland hat einen neuen Finanzvorstand gewählt. Finanzvorstand ist natürlich ein Wort mit einem gewaltigen Gähnfaktor, aber wenn man bedenkt, dass die treuen Adventisten im Jahr ca. 50 Millionen Euro spenden (Zehnten etc.), dann will man schon wissen, dass mit diesen Mitteln vernünftig und vorausschauend umgegangen wird.

Bei so einer Vakanz fängt man ja erst mal bei Null an und es beginnt das Ernennungsausschussspiel „Ich schreibe jetzt mal Namen an die Tafel, wenn ihr mir welche nennt.“ Im Dezember gab es am Ende keinen eingekringelten Namen, auch wenn ein paar Personen durch plötzliche Anrufe erfolgreich erschreckt wurden. Umso skeptischer trat ich die Reise nach Darmstadt an, wo die zweite Runde eingeläutet wurde, vor mir wieder die Angst vor dem Mann mit dem Edding, der darauf wartet, dass ich Namen hineinrufe. Umso wohltuender die Erfahrung, die wir alle machen sollten. Statt „wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich ’nen Arbeitskreis“ durften wir erneut Zeugen der wichtigen geistlichen Lektion werden: „kriegst du Körbe noch und nöcher, hat Gott noch ’nen Pfeil im Köcher“. Ob in meinem geistlichen Leben oder auf der Ebene der Freikirche in Deutschland: Gott hat schon eine Lösung, wenn wir noch suchen. Eine schöne Erfahrung, zumindest im Nachhinein.

Für Dieter Neef war unsere Not eine Gelegenheit. Er signalisierte Interesse und Bereitschaft. Bruder Neef hat jahrzehntelang für die Automobilindustrie gearbeitet, im In- und Ausland. Er ist eine ehrliche Haut, das merkt man gleich. Nun will er nicht mehr Autos, sondern Reich Gottes bauen. So einfach ist das. Er wird mit 100% der Stimmen gewählt. Solche Abstimmungsergebnisse mögen in Russland, wo er zuletzt ein Autowerk mit aufbaute, Gang und Gäbe sein, hier ist das eher ungewöhnlich.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass ich zwischendurch doch Adrenalin abbauen musste, was die Diskussion anging und die Fragen, die ihm gestellt wurden. Wegen des Untertons, der Zwischenkommentare, unseres zwischen den Zeilen sich doch immer wieder manifestierenden adventistischen (oder freikirchlichen?) Minderwertigkeitskomplexes, der wohl der Tatsache geschuldet scheint, dass es psychologisch nicht ganz einfach ist, zwischen Minderheit und Minderwertigkeit zu unterscheiden.  Natürlich ist es immer ein Wunder, wenn jemand sich für die Arbeit im Weinberg Gottes entscheidet, aber der Begriff Wunder war mir dann doch etwas zu inflationär im Sprachgebrauch jenes Tages. Das Wort Automobilindustrie scheint für den Deutschen eben einen unwillkürlichen Hoheitsreflex auszulösen, wie wenn der Engländer seiner Queen begegnet. Knicks und Buckel und unverhohlene Fassungslosigkeit, dass jemand aus dem „echten Leben“, der „echte Kohle“ verdiente, sich herablässt, für unseren mickrigen Verein zu arbeiten (schlechte Bezahlung, ineffektive Strukturen, polarisierte Meinungen). So sehr sind wir unser Berufungssystem gewöhnt, bei dem Listen von oben nach unten abtelefoniert werden bis einer nicht absagt, der dann gewählt wird und mit apokalyptischem Duktus in der Stimme betont, wie schwer die Bürde ist und wie wenig er (oder sie) das wollte und dieser Canossagang jetzt als Wille Gottes anerkannt wird. „Ich kann Kanzler!“ ist eben in unserem System ein „Unsatz“. Als Disclaimer: ich war ja schon selber an dieser Stelle und halte die Berufung nach wie vor für ein biblisches System. Darum soll es nicht gehen.

Aber den aufrechten Gang zu üben, das wäre schon wichtig. Ich denke, diese Kirche reisst etwas. Mit nur 36.000 Adventisten (Aktive und Passive in einem Topf) betreiben wir ein Krankenhaus, mehrere Schulen, Seniorenheime, einen Fernsehsender und und und (da haben wir noch nicht angefangen, von Hunderten von Ortsgemeinden und Pastoren und den 50 Mio zu reden). Und wenn auch hier und da jemand schlechte Erfahrung mit dem Arbeitgeber Freikirche gemacht hat, können wir doch mit Fug und Recht sagen: wir sind ein guter Arbeitgeber. Wenn ich höre, wie es in der „echten Arbeitswelt“ zugeht, dann schätze ich die Freiheit, die individuelle Begleitung und die praktizierte Nächstenliebe als Angestellter doppelt. Von daher: mehr Selbstbewusstsein! Kirche ist Reich Gottes, ist sein Bau. Es ist eine hohe Berufung, es geht um das Evangelium.

Und dir, lieber Dieter, wünsche ich die besten Arbeitsjahre deines Lebens hier in unserer Freikirche. Wir bauen Reich Gottes und wenn ein Autobauer da mit neuen Kniffen um die Ecke kommt, wie man das noch besser machen kann: immer her damit. Gottes Segen!

Halbzeit

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Bei der letzten Pastorentagung wurde ich überrascht. Eigentlich ist es ja meine Aufgabe, Kollegen zu einem Dienstjubiläum zu beglückwünschen. Als mich dann alle anstarrten und der Sekretär mit einem Blumenstrauß und einer Urkunde plötzlich vor mir stand, musste ich kurz mal nachrechnen: 2015-1995=20. Zwanzig Jahre Pastor! Zwei Erinnerungen vermischen sich da: in der ersten sitze ich als junger Prediger in einer Pastorentagung und sehe, wie einem anderen Kollegen zum Dienstjubiläum gratuliert wird. Ich dachte damals: zwanzig Jahre ist noch eine Ewigkeit hin. Nun, es war eine kurze Ewigkeit. Die zweite Erinnerung (da war ich so bei 10): ein Kollege sitzt mit mir im Auto und sagt: ich hab jetzt 20 Jahre um und kann mir nicht so recht vorstellen, das bis zu meiner Rente weiter zu machen. Hat er auch nicht. Seitdem hatte ich ein wenig Bammel vor der 20!

Sowohl von meinem Lebens- als auch vom Dienstalter bin ich jetzt ungefähr bei Halbzeit (so mir denn noch eine zweite Hälfte vergönnt ist. Das Leben ist ja kein Fußballspiel). Was mich beim Gedanken daran überwältigt, ist das enorme Gefühl von Dankbarkeit und Segen, und zwar auf mehreren Gebieten, die alle nicht selbstverständlich sind:

  • Ich bin dankbar dafür, dass ich in der Adventgemeinde bin: unsere Freikirche ist ein guter Arbeitgeber. Klar gibt es Menschen, die mit unserer Freikirche schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bei allem Gejammer über die Strukturen kann man sich in der Adventgemeinde aber als Pastor trefflich entfalten. Gabs mal Ärger mit der Vereinigung, stellte sich die Gemeinde vor mich. War es umgekehrt, wurde ich von der Vereinigung geschützt. Der Fall, dass es mit beiden gleichzeitig Probleme gab, blieb mir erspart. Als Ortspastor hat man erstaunliche Freiheiten. Zum Beispiel: wenn ich an meinem freien Tag sehe, dass das Wetter schlecht ist, na dann arbeite ich halt. Umgekehrt ist es auch möglich, mit ein bisschen Umplanung.
  • Ich bin dankbar für Hansa und seine Menschen: Ich habe hier in Hansa, innerhalb und außerhalb der Gemeinde so großartige Menschen kennenlernen dürfen, dass ich kaum glaube, das jemals in einem anderen Beruf so erlebt haben hätte zu können dürfen (Dankbarkeit und Grammatik funktioniert schon bei den Oscar-Verleihungen nicht …).
  • Ich bin dankbar dafür, dass ich mir nicht die Sinnfrage stellen muß (klingt blöd für einen Pastor, aber: s.o.). Die Vorstellung, das bis zu meiner Rente weiter zu machen, ist für mich immer noch Ziel, nicht Bedrohung. Warum mir das so geht und anderen nicht, kann ich nicht beantworten.
  • Ich bin dankbar für Wachstum: sowohl Menschen als auch Gemeinden verändern sich langsam. Aber allen Unkenrufen zum Trotz, dass alles schlechter wird (s. meinen Blog zu dem Thema „Der Mythos der guten alten Zeit“) kann ich im Rückblick sagen: Adventgemeinde hat sich positiv verändert. Und mir selber geht es nicht anders: meine Ansichten zu vielen Dingen haben sich entwickelt, sind gewachsen. Damit will ich nur sagen: wer um persönliches Wachstum betet, der darf auch damit rechnen, dass das Gebet erhört wird.
  • Ich bin dankbar für den inneren Zirkel: meine Frau, meine Kinder, meine Familie (beide Seiten). Alles Sechser im Lotto, wie wir zuhause sagen.

Das Problem an der Aufzählung von Segen ist, dass man gar nicht weiß, wann man aufhören soll. Also mache ich das prompt und effektiv jetzt.

Nun rollen die nächsten zwanzig Jahre auf mich zu und ich bin geneigt, ihnen mein (gut adventistisches) Lebensmotto zuzurufen: ICH BIN BEREIT!

 

Aber am dankbarsten bin ich Gott! Das musste noch gesagt werden.

Gebetswoche 2015: Beten statt Arbeiten

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Als geborener Adventist habe ich zugegeben eine ausgeprägte Hassliebe zur jährlich stattfindenden Gebetswoche. Ich sage das so ehrlich, weil sich darin die Summe der Erfahrungen mit dieser uralten adventistischen Institution widerspiegelt. All die Abende, die man als Kind besuchte und zu Tode gelangweilt wurde durch Lesungen, die man nicht verstand oder stotternd vorlesen musste. Die notorischen Endlosbeter, die immer das gleiche sagten, die drückende Stille, wenn nach Gebetsanliegen gefragt wurde. Die Spendenumschläge, die vor versammelter Gemeinde geöffnet und die Menge ihres Inhaltes kundgegeben wurde.

Ein Abend hat sich mir eingegraben. Ich ging zum Treffen um 18 Uhr. Leider war ich drei Minuten zu spät. Die Lesung war schon in vollem Gange. Alles wurde so wie immer gemacht. Erst wird alles gelesen, dann die Fragen dazu gestellt. Bei den Fragen meldete sich niemand (es waren ca. 15 Personen anwesend). Dann eben beten. Ich warf ein, ob wir nicht in kleineren Einheiten beten könnten, um es persönlicher zu machen (im stillen hoffte ich auch, es dadurch zu verkürzen). Antwort: das haben wir noch nie so gemacht. Also wieder 25 Minuten Marathonbeter durchgestanden. Um 19 Uhr dann Musik mit (nicht-christlichen) Freunden von mir. Einer der Freunde erklärt, dass seine Frau ihn gerade verlassen habe. Er weint. Wir reden über seine Situation, versuchen, Mut zu machen. Musik machen wir nicht. Ich gehe nach Haus und überlege, wo ich gerade echte Gemeinschaft/Gemeinde erlebt habe …

Und dann auf der anderen Seite die Freude als Kind, die Plastikdose mit den gesammelten Gebetsgaben nach vorne zu bringen. Später als Pastor dann die durchaus auch gelungenen Abende mit Gemeinden, die ganz besonders liebevoll gestalteten Treffen und die vielen Versuche, eine Tradition zu entkrusten und wirklich zu beten, echte Gemeinschaft zu haben.

Innerlich war ich immer hin- und hergerissen zwischen „das müssen wir abschaffen“ und „das müssen wir gestalten.“ Im letzten Jahr passierte dann noch etwas anderes. Dadurch, dass ich als Vorsteher keine Gemeinde mehr habe, mir der ich die Gebetswoche plane und auch sonst recht geschäftig bin, bekam ich erst mit, das Gebetswoche ist, als ich gefragt wurde, ob ich am Sabbat in der Predigt darauf eingehen würde. Irgendwie fehlte dann doch etwas.

Es ging den Mitarbeitern im Büro nicht viel anders. Also entschieden wir uns schon Anfang dieses Jahres, so gut wie möglich die Gebetswoche im November von Terminen frei zu halten. Wir wollten jeden Vormittag miteinander geistliche Zeit verbringen, die Lesung erarbeiten, Beten, kreative Elemente haben. Und genauso haben wir es letzte Woche gemacht. Es war eine wunderschöne Woche. Das Team ist zusammengewachsen, wir haben viele Dinge thematisiert, haben gebetet, gelesen, gelacht, gegessen. Unser Fazit: das machen wir nächstes Jahr wieder. Was zählt ist die Qualität des Miteinanders, nicht die Quantität der Gebete.

 

 

Bewerberinnentag in Friedensau

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Engel waren es nun nicht, aber wer weiß? (Foto: DM)

Vorausplanung gehört zu den Tugenden guter Leitung. Das hat nun nichts mit Zukunftsschau zu tun. Es ist wie beim Autofahren: man sollte den Blick schon 500m vorausschweifen lassen, um einem eventuellen Verkehrshindernis frühzeitig auszuweichen. Was die Situation der Pastorinnen angeht (ich benutze in diesem Beitrag einmal durchgehend die weibliche Sprachform, die männliche ist selbstverständlich mitgedacht), so ist es bei der Größe unserer Freikirche nicht schwer, den Bedarf mit den Anmeldungen auf der Hochschule abzugleichen und zu sehen, dass wir in einigen Jahren einen Pastorinnenmangel haben werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, wenn die Vereinigungen sich wie heuer treffen (wie man im Süden sagt), dass das Ziehen und Zerren um die jungen Mitarbeiterinnen wieder beginnt. Da muss man nur die Zahlen deuten: sieben Vereinigungen und sechs Bewerberinnen.

Um weg vom Kuhhandel und in Richtung Fairness zu kommen, machen wir den Bewerberinnentag seit 2014 in einer Art Speeddating-Verfahren. Jedes Vereinigungsteam sitzt in einem Raum der Hochschule und verbringt 45min mit einer Bewerberin, die eine Anstellung sucht. Man lernt sich kennen, hat die Bewerbungsunterlagen vorliegen, vielleicht ist sogar der Ehepartner oder Freund mitgekommen, kurzum: ein Vorstellungsgespräch mit nettem kirchlichen Charakter. Die Bewerberinnen ziehen stündlich von Raum zu Raum, also von Vereinigung zu Vereinigung, überall gibt es Tee und Gebäck und wenn sie nicht aufpassen, fallen sie am Ende des Tages ins Kekskoma. Manche sind offensichtlich aufgeregt, andere sind locker (sie wollen eigentlich in eine andere Vereinigung), wieder andere hinterlassen den Eindruck, als säßen sie das erste Mal einem Vereinigungsteam gegenüber.

Auch der gestrige Bewerberinnentag war wieder spannend. Unterschiedliche Kandidatinnen mit unterschiedlichsten Hintergründen. Zwei aus Hansa waren dabei, die wir natürlich gut kennen. Zwei, die in Bogenhofen und Cernica (Rumänien) studiert haben – man beschnupperte sich neugierig ein erstes Mal. Ein Kandidat, der schon 2012 fertig wurde und erst noch in anderen Projekten unterwegs war. Zwei von sechs waren weibliche Bewerberinnen. Eine gute Quote, von der man sich wünscht, dass der Trend sich fortsetzt.

Der Gesamteindruck: Jede Pastorin ist so unterschiedlich wie auch jede Gemeinde. Die Vielfalt bestärkt. Das Verfahren, als gesamter Vorstand alle Kandidatinnen kennen zu lernen, überzeugt und professionalisiert die Personalplanung der Freikirche. Dadurch, dass alle Vereinigungen alle Kandidatinnen kennenlernen, werden Vorurteile und geographische Barrieren abgebaut. So schwindet auch das Bedürfnis nach Einteilung in Norddeutscher und Süddeutscher Verband. Allerdings wird sichtbar, dass die weiblichen Kandidatinnen zum Norddeutschen Verband tendieren, weil dieser schon 2012 deren Ordination beschlossen hat (was ja im Moment eine heiße Kartoffel ist).

Das zweite, was auffällt: die Hälfte der Bewerberinnen hat ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) innerhalb der Freikirche absolviert (1Year4Jesus oder der Vorgänger Jugend auf Achse). Offensichtlich ist die geistliche Erfahrung in diesen Teams prägend und intensiv.

Eine dritte und letzte Beobachtung: niemand geht ohne eine gewisse Sorge in die kirchliche Praxis: was werden die Erwartungen sein? Kann ich Dinge verändern? Für die weiblichen Kandidatinnen: wie werde ich als Frau akzeptiert werden? Oder: wie ist meine Rolle als Pastorenfrau? Man spürt fast allen Kandidatinnen die Unsicherheit ab, ob sie im System Adventgemeinde sie selber sein dürfen oder systemkonform Erwartungen erfüllen müssen. Auch das ist immer wieder Gesprächsgegenstand.

Dabei fühlt jede auf ihre Art die Berufung durch Gott und das macht diesen Beruf so einzigartig. Weshalb ich an dieser Stelle nochmal für alle Jugendlichen den Werbeblock einfügen möchte, darüber nachzudenken, Pastorin oder Pastor zu werden. Ich jedenfalls halte das immer noch für einen tollen Beruf, auch wenn ich mir dann im Himmel einen neuen suchen muss …

Späne von der theologischen Hobelbank: Plain Reading

Bibeln

Gäbe es ein „plain reading“, dann bräuchten wir keine unterschiedlichen Übersetzungen (Foto: DM)

Es ist wieder an der Zeit, auf theologischen Gedanken „herumzukauen“. Das nun seit vielen Jahren in aller Munde sich wiederholende Wort in der Theologie lautet Hermeneutik. Dabei geht es um Auslegung und Interpretation der Bibel. Genauer gesagt geht es um den Vorgang des Verstehens. So fragt Philippus den afrikanischen Kämmerer (Apg 8,30): „Verstehst du auch, was du liest?“ Und bei der diesjährigen Generalkonferenz unserer Freikirche in San Antonio wurde nach den Meinungsverschiedenheiten um die Frauenordination der Ruf nach einer Hermeneutik laut. Beide Seiten hatten ja mächtig die Bibel bemüht und waren dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt.

In diesem Zusammenhang war immer wieder vom „plain reading“ die Rede. Schon der Begriff ist eine hermeneutische Herausforderung, denn er lässt sich nur schwer übersetzen. Es meint den offensichtlichen Sinn, die einfachste Lesart oder einfach nur, den Text wörtlich/buchstäblich zu nehmen.

In zwei kurzen Durchgängen möchte ich darlegen, warum es ein „plain reading“ gar nicht geben kann. Ein offensichtlicher Sinn nämlich suggeriert die Möglichkeit einer Unmittelbarkeit zum Text. Als wäre ein Verstehen ohne Interpretation, ohne Auslegung möglich und damit ein direkter Zugang zum Sinn des Textes herzustellen. Warum ist dem nicht so?

  1. Sprache: Text ist Sprache und die Bibel ist ein Text, der sogar in konkreten Sprachen vorliegt (hebräisch, aramäisch, griechisch). Nun ist Sprache immer komplex, vielschichtig, doppeldeutig, ironisch oder erzählend. Der Sinn ergibt sich niemals nur aus den Worten allein, sondern aus dem konkreten Sprachgebrauch, dem konkreten Wortsinn etc. Nehmen wir als konkretes Beispiel die ersten Worte der Bibel, wo von Himmel und Erde die Rede ist. Was genau ist gemeint? Ist mit Himmel die Atmosphäre gemeint? Ist damit nur oben (und unten) gemeint? Ist damit der Ort gemeint, wo Gott wohnt? Auch der Begriff Erde kann im Hebräischen viele Dinge bedeuten: Land, Boden, Heimat, Erde (wie in Blumenerde), Welt. Wie ist zu übersetzen? Ist der Planet Erde gemeint? Hatte man damals überhaupt schon eine Vorstellung von einem Planeten Erde? Die Übersetzerin muss sich entscheiden. Eine Unmittelbarkeit zum Text ist nicht gegeben. Dafür ein Nachdenken über den Text.
  2. Geschichte: Zwischen den Texten der Bibel und uns liegen viele tausend Jahre. G.E. Lessing nannte das den „garstigen Graben der Geschichte“, der wie eine Mauer zwischen uns und den Texten steht. Wir lesen zwar Wörter, aber meinen sie noch dasselbe wie damals? Empfinden wir noch so? Erkennen wir die Poesie, die Doppeldeutigkeit, die Ironie?

Neben diesen beiden schlechten Nachrichten gibt es aber auch eine gute: Verstehen ist möglich. Es ist aber anstrengend. Man muss sich und sein Verständnis in Frage stellen. Man muss immer wieder von Neuem beginnen. Es gibt keinen Umweg um das Studieren und graben und forschen.

Und dann gibt es doch immer wieder Momente der Unmittelbarkeit, wenn wir nämlich beim Lesen oder Hören der Bibel einmal mehr von Gott selber ergriffen werden, er zu uns spricht, uns anfüllt, uns Aha-Erlebnisse gibt. Dass es kein „plain reading“ gibt macht also gar nichts, denn es gibt Gott, der zu uns sprechen will. Und dazu benutzt er auch die alten Texte der Bibel, immer wieder. Also niemals aufgeben.

Euer Dennis

Adventistischer Führungskongress 2015

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Gestern ging es schon um sechs Uhr morgens zusammen im Kleinbus 600km gen Süden zum dritten adventistischen Führungskongress in Schwäbisch-Gmünd. Das Tagungszentrum Haus Schönblick hat den Vorteil, für einen Kongress dieser Größe (300-500 geschätzte Teilnehmer) sowohl Tagungsräume als auch Unterbringung an einem Ort zu bieten.

Ich bin das zweite mal dabei und schon am zweiten Tag begeistert. Workshops, Musik, Anspiele und Referate beeindrucken und bringen weiter. Es begeistert mich einmal mehr, wie viele Ehrenamtliche Urlaub nehmen und hier bei der Musik mitmachen oder als TeilnehmerInnen in ihren Führungskompetenzen wachsen wollen.

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Foto: DM

Ein Gedanke von heute hat mich tief berührt. Er war aus dem Anspiel der Theatergruppe, die hier über sich selbst hinauswächst. Da unterhält sich Jesus, der eine Gemeinde überraschend besucht, mit einer (anscheinend) alleinerziehenden Mutter, die gestresst die Gemeinde putzt, nachher noch zur Tafel muss und dabei ihre Kinder um sich hat, weil sie keinen Babysitter finden konnte.

Jesus fragt sie, warum sie nicht beim Leitungskongress dabei sei und sie antwortet: weil ich keine Leiterin bin, ich habe kein Leitungsamt, ich bin keine Führungspersönlichkeit. Jesus, ja der sei ja der beste Leiter gewesen, denn er habe Menschen essen gegeben, sie geheilt und ihnen vom Reich Gottes erzählt. Jesus sagt zu dieser Frau: aber das machst du doch auch alles. Leiter sind Diener und du dienst. Also bist du eine Leiterin.

Wahrscheinlich hat mich die Szene deshalb berührt, weil sie gut dargebracht wurde. Und weil ich mich ein wenig geschämt habe. Als ich gestern aufgefordert wurde, meine Beweggründe für die Teilnahme an diesem Kongress in mein Tagungsheft zu notieren, schrieb ich: ich bin hier, weil ich als Leiter einen Führungskongress unterstützen will. Heute schon schäme ich mich für diese Worte. Anderen wie z.B. meiner Familie habe ich dasselbe gesagt: ich muss dahin, weil ich ja auch Leiter bin. Ich habe nicht gesagt: weil ich ein besserer Leiter werden will, oder: weil ich lernen will, wie ich besser auf mich achte oder: weil ich der Sache Gottes damit besser dienen kann. Ich habe immer so getan, als ob ich dahin muss, nicht, dass ich will und schon gar nicht, dass ich besser sollte.

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Das Anspielteam bei der Arbeit (Foto: DM)

Seit heute morgen denke ich: viel mehr Gemeindeglieder sollten sich als LeiterInnen sehen und bei so einem Kongress mit dabei sein. Warum? Ganz einfach: um besser zu werden im Dienst. Um besser für sich und andere zu sorgen. Um glücklicher den Dienst in den Gemeinden zu verrichten. Wir sind alle berufen, jeder auf seine Art und Weise. Und es gibt so viele Angebote, zu wachsen. Mal sehen, was ich noch alles lernen werde …

Pfingsten: es geht um Gott

Zwei Begriffe gehören zusammen, die wir heute innerlich zu trennen versucht sind: Kirche* und Heiliger Geist. So wird das Pfingstfest manchmal auch als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Wir erinnern uns an die Geschichte einer Gemeinde, die erst noch eine werden sollte. Im Obergemach, wie der Text sagt, warteten sie und beteten. 10 Tage. Dann begann das Brausen vom Himmel und der Heilige Geist wurde ausgeschüttet.

Zwei Gedanken sind mir für Pfingsten wichtig:

1. Es geht um Gott. Wenn wir Heiliger Geist sagen, dann meinen wir natürlich Gott. Gott gibt sich der Gemeinde. Er füllt seine Nachfolgerinnen und Nachfolger an. Mit sich selber. Es geht nicht um Streitereien um irgendwelche Manifestationen, Wunder, übernatürliche Kräfte oder charismatische Geistesgaben. Nicht darum, ob der Heilige Geist Kraft oder Person ist. Auch um Mission geht es erst in der Folge. An Pfingsten geht es um Gott. An Ostern gab sich Gott im Sohn den Menschen, an Pfingsten im Geist. Es ist ein und derselbe Vorgang: Das Kommen Gottes zu den Menschen, der Advent. Bei allem Reden von und über Kirche, ihren Auftrag, ihre Menschen und Lehre dürfen wir eben nicht vergessen, dass es in erster Linie um Gott geht. Hier offenbart er sich als kommender, bereichernder, ermutigender und inspirierender Geber aller Gaben, die menschliches Miteinander lebenswert und ansteckend machen und Grenzen überwinden. Pfingsten feiern heißt Gott zu feiern.

2. Pfingsten ist geschehen: Wenn ich nun oben gesagt habe, dass es an Pfingsten um Gott geht, so muss ich präzisieren: nicht AN Pfingsten, sondern SEIT Pfingsten. Bei allem berechtigten Beten um den Heiligen Geist und seine Gaben, um Reformation und Erneuerung, ja um Spätregen, gilt nach wie vor: der Heilige Geist IST ausgeschüttet. Gott ist mitten unter uns, in unseren Gemeinden, in unserem, in meinem Leben. In Krisen und Niedergeschlagenheit hilft es mir, mich an das zu erinnern, was gegeben ist. Selbst wenn ich Gott nicht fühle, habe ich immer noch das Wort, die Zusage. Nur WEIL der Heilige Geist ausgeschüttet wurde, kann ich jetzt wieder darum bitten, ihn zu empfangen. Da er aber sowieso freizügig ausgegeben worden ist (für die Gemeinde damals, für den Gläubigen/die Gläubige in der Taufe), liegt es eher an mir, dass ich mich ihm öffne und mit ihm rechne. Im Beten um den Heiligen Geist geht es somit mehr um meine Veränderung als dass ich Gott um etwas bäte, das er mir sonst vorenthält.

Diese beiden Punkte mögen sich vielleicht theoretisch oder theologisch anhören. Wie übersetze ich sie ins Leben? Hier sind meine Tipps für Pfingsten:

  • Solltest du an Pfingsten in eine Gemeinde gehen, so mache folgende Übung (egal, ob es Deine oder eine Gastgemeinde ist): schau dich um, nimm alle Personen bewusst wahr, die anwesend sind und mache dir klar: Gott hat dir eine Gemeinschaft geschenkt. Du bist nicht allein. Sie mögen schräg oder krass oder liebenswürdig sein, aber es ist deine Familie.
  • Wenn ihr eine Gemeinde oder Gruppe seid, die sich klein und schwach und entmutigt fühlt, dann erinnert euch an Apostelgeschichte, Kapitel 2: das ist EURE Geschichte, nicht nur ihre von damals. Der gleiche Gott ist mit seinem Geist da. Erzählt euch, wo ihr das erlebt.
  • Fasse einen persönlichen Entschluss, dem Heiligen Geist nicht im Wege zu stehen, für ihn offen zu sein. Manche Menschen öffnen beim Beten die Hände, um zu signalisieren: ich halte nichts fest und bin bereit zum Empfangen. Ich will Veränderung in meinem Leben!
  • Hast du gerade eine schwierige Phase, Enttäuschung oder Krise: lies das Pfingstkapitel (Apg. 2) als DEINE Geschichte. Dort steht, dass die Gemeinde betete (Apg. 1,14), alles andere bewirkte Gott.
  • Wenn du weisst, dass in irgendeinem Bereich deines Lebens ein Neuanfang dran ist, dann beginne an Pfingsten damit. Sage es Gott und einem Menschen deines Vertrauens.

Dass Gott sich an Pfingsten selbst in die Gemeine „gießt“, ist nun gerade deshalb nicht einfach ein netter Gedanke oder Theorie, weil er ganz praktische Gaben gibt, die Gaben des Geistes (charismata). Dazu ein schönes (wenn auch sprachlich dichtes) Zitat zum Abschluss: Die Charismata sind keineswegs nur in den „besonderen Diensten“ der versammelten Gemeinde zu sehen. Jedes Glied der messianischen Gemeinde ist ein Charismatiker … Die Berufung zur Christusgemeinschaft und die Gabe des Heiligen Geistes machen Knechtschaft und Freiheit, Ehe und Ehelosigkeit, Mannsein und Frausein, jüdische und heidnische Existenz zum Charisma. Denn die Berufung stellt die jeweils besondere Situation eines Menschen in den Dienst der neuen Schöpfung. Der Geist macht die ganze biologische, kulturelle und religiöse Lebensgeschichte eines Menschen charismatisch** lebendig: „Jeder, wie ihm der Herr zuteilte“ – „jeder, wie ihn der Herr berief“ (1. Kor. 7,17.20.24). (J. Moltmann: Kirche in der Kraft des Geistes, 1975, S. 323).

Ich wünsche Euch allen die reiche Erfahrung des Heiligen Geistes!

Euer Dennis

Pfingsten: der Heilige Geist lüftet, ob es die Gemeinde oder das eigene Herz ist.  Foto: DWM

Pfingsten: der Heilige Geist lüftet, ob es die Gemeinde oder das eigene Herz ist. Foto: DWM

 

*Ich benutze das Wort Kirche im theologisch-biblischen Sinne, wohl wissend, dass für manche leider der Begriff Kirche zu einem Gegenbegriff für Gemeinde geworden ist, was weder sprachlich noch theologisch Sinn macht.

**Auch das Wort charismatisch wird in der Theologie immer als auf die Gnadengaben (charis=Gnadi; charisma=Gnadengabe) bezogen benutzt und nicht als konfessionelle (Selbst)bezeichnung oder gar als negatives Etikett.

Der Mythos der guten alten Zeit

Die guten alten Zeiten

Südfrankreich 1986: Mein kleiner Bruder und ich (rechts) testen, wie sich die guten alten Zeiten anfühlen. Foto: Marwin Meier

Dolly Parton singt in dem Lied mit dem sinnigen Titel „The Good Old Days When Times Were Bad“  vom Mythos der guten alten Zeit. Die Frage, die meine Frau und ich uns manchmal gegenseitig stellen ist, ob es nicht schön wäre, die Zeit nochmal zurückdrehen zu können. Irgendwie sehe ich auf dem Hochzeitsfoto noch knackiger aus. Aber jedes mal fällt die Antwort gleich aus: nein, bei aller Dankbarkeit: ich will nicht zurück in die Vergangenheit. Obgleich ich auch merke, dass mich der Mythos der guten alten Zeit manchmal packt, besonders wenn man alte Freunde wieder sieht oder die Diakiste öffnet.

Es gibt das gute-alte-Zeiten-Syndrom aber nicht nur im Persönlichen, sondern auch im Theologischen. Als Adventist aufgewachsen habe ich eine Botschaft mit der Muttermilch aufgenommen, die bis heute nachwirkt. Sie lautet: alles wird schlechter. Nicht nur, weil wir Apokalyptiker sind und zu einem gepflegten Weltuntergang auch der moralische Niedergang gehört, sondern weil ja die Bibel tatsächlich in ihren prophetischen Texten die Zeit vor dem Ende als eine schlimme Zeit beschreibt. Heißt das aber nun, dass immer alles schlechter wird, unvermeidlich und unbarmherzig?

Ich kann mich gut an Evangelisationsvorträge erinnern, in denen gebetsmühlenartig durchkonjugiert wurde, dass alles schlechter wird und das Ende (deswegen) nah sei. Es wurden lauter Beispiele genannt, bei denen alle heftig nickten. Nur: die Welt ist zu kompliziert, als dass man mit diesem einseitigen Erklärungsschema immer treffsicher analysiert. Zum ersten birgt es die Gefahr in sich, dass man den gute-alte-Zeiten-Mythos bemüht und es dann natürlich nicht wundert, dass jede Veränderung im Gemeindeleben oder Gottesdienst a priori in sich den Keim des Verfalls und Niedergangs trägt und bekämpft wird (z.B. ein neues Liederbuch). Zum zweiten nimmt man sich die Fähigkeit, positive Entwicklungen, auch in der Politik und Gesellschaft, als solche zu würdigen.

Erst als ich anfing, mich mit der Geschichte intensiver zu befassen, kam mir die Frage, wieviel Jahre zurück es denn besser war und was da besser war? Will ich zurück in die Zeit, als man noch nichts von Ökologie wusste und DDT eine Wunderwaffe gegen Ungeziefer war? In die siebziger Jahre, als eine Ehefrau nur arbeiten durfte, wenn ihr Mann die Zustimmung gab (unseren Pastorenfrauen war das Arbeiten generell untersagt)? Will ich zurück in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als Frauen kein Wahlrecht hatten? Als es für ein falsch aufgesagtes Alphabet eine Tracht Prügel hagelte? In das 19te Jahrhundert vielleicht, der Entstehungszeit unserer Kirche, als es noch Sklaverei gab und man an einer einfachen Infektion starb? Will ich zurück in die Zeit, als Mädchen noch keine Bildung erlangen durften und Homosexuelle gelyncht wurden? Sind das vielleicht die guten alten Zeiten? Nein, ehrlich gesagt hat sich vieles verbessert und ich will nicht zurück.

Es zeigt sich bei genauerem Hinsehen also dass, gesamtgesellschaftlich gesehen, die guten alten Zeiten oft ein Mythos sind.

Gleichzeitig aber schaue ich in die Nachrichten und sehe ein Wiedererstarken von Radikalismus und religiöser Intoleranz, das mich erschrecken lässt und mich an mittelalterliche Zeiten erinnert. Die Bilder von Flüchtlingsbooten, denen das Anlanden verboten wird und die Berichte über uferlose Gewalt gegen Zivilisten im Irak lassen jeden Glauben an Fortschritt vermissen. Und für viele Christen dort ist die Endzeit jetzt, nicht irgendwann.

Das erinnert mich wieder an das bekannte Wort von Karl Barth, der mahnte, man solle die Bibel in der einen und die Zeitung in der anderen Hand halten. Das funktioniert aber nur, wenn es zwischen den beiden keine Einbahnstrasse bleibt, wir also (die eine Richtung) nur die Zeit durch die Brille der Bibel betrachten (dann wird jeder Golfkrieg zu Harmageddon und nachher einfach nicht mehr drüber geredet)  oder umgekehrt (die andere Richtung) nur den Zeitgeist die Bibel interpretieren lassen (womit sie ihre prophetische Kraft verliert).

In der Bibel gibt es zwei Modelle. Das der apokalyptischen Teile, die eindeutig vom Werteverfall und Niedergang reden und das andere ist das vom Unkraut im Weizen, die beide nebeneinander bis zur Ernte reifen (Mat 13,24-30). Sie widersprechen sich nicht, solange wir die Fähigkeit haben, gute Dinge zu würdigen und die anderen kritisch zu benennen.

Prophetisches Reden (und als Adventist sehe ich mich in einer prophetischen Bewegung) ist eben kritische Einmischung in die Themen unserer Gesellschaft. Aber auf der anderen Seite ist es auch Selbstkritik, die zur Aufgabe hat, die Mythen, die wir hegen und pflegen, zu entlarven und die Welt mit Gottes Augen zu betrachten. Und das ist nicht eine Welt, die er zum Untergang bestimmt hat, sondern für die er einen Neuanfang plant, weil er sie liebt.

Wenn also das nächste mal das gute-alte-Zeiten-Lied angestimmt wird, werde ich genau hinschauen, bei welcher Strophe ich mitsingen kann.

Euer Dennis