Adventistische Identität I

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Foto: DM

Der Ankündigung Taten folgen lassend, begebe ich mich in diesem Blogbeitrag wacker auf das Feld der heißen Kartoffeln. Das Stichwort heißt: adventistische Identität.

Als wir einst am Grindel ein Gemeindekonzept entwarfen, komplett mit Werten und Leitsätzen, da lautete tatsächlich (zum Erstaunen uneingeweihter Vorurteilsträger aus anderen Gemeinden) einer der Werte: adventistische Identität. Darunter fand sich (und findet sich noch immer) folgende Formulierung: Wir stehen als Gemeinde zu unserer Geschichte und unserer adventistischen Identität und begreifen uns als Lernende auf dem Weg des Glaubens.

Es währte nicht lange, bevor man (in Richtung Pastor) fragte, was genau das denn bedeute, adventistische Identität. Die Erklärung im Text gebe das ja nicht her. Die Antwort, die er (ich) damals gab, war trocken: das werden wir nicht als Ortsgemeinde klären können, wo es uns in hundertundwieviel Jahren unseres Endzeitdaseins nicht gelungen ist, einen Konsens darüber zu finden.[1] Ein Konsens jedenfalls ist beobachtbar und er ist als Sieg der Praxis über die Theorie, des Lebens über die Lehre zu werten: es ist uns wichtig, Adventisten zu sein! Mir auch. Es scheint eine Identität zu geben, die sich je und je anders inhaltlich oder emotional füllt.

Psychologisch nur (bzw. hervorragend) durch meine Frau fortgebildet, gestatte ich mir trotzdem eine Beobachtung zum Themenfeld Identität, die für mich hilfreich ist.

Es befinden sich in unserer Freikirche zwei Identitätsmodelle im Widerstreit, was laut meiner Hypothese ein Grund (oder einer der Gründe) für die Polarisierung der Gemüter ist.

Ich nenne das Modell 1 das Alleinstellungsmerkmalmodell (Modell 2 wird im nächsten Blog behandelt). Dieses Identitätsmodell arbeitet mit der Hypothese, eine eigene Identität habe nur derjenige (bzw. diejenige Kirche), der/die ein Merkmal aufweisen kann, das es so nur einmal gibt, das also unverwechselbar macht. Als neugewählter Vorsteher der Hansa-Vereinigung machte ich eine Besuchsrunde bei den Bischöfen der Hansa-Region und einer davon fragte mich, was zu erwarten war: was ist das Alleinstellungsmerkmal der Adventgemeinde? Ich tappte in die Falle und verlor sein Interesse irgendwo zwischen Heiligtumslehre und Offenbarungsauslegung. Erst später erinnerte ich mich an die gute jüdische Weisheit, Fragen mit Gegenfragen zu beantworten, denn zu gerne hätte ich gewusst, welche Antwort er als Lutheraner auf seine eigene Frage gegeben hätte. Vielleicht habe ich nochmal Gelegenheit, ihn zu fragen. Ab jetzt bin ich jedenfalls vorbereitet.

Erst wenn wir dieses Identitätsmodell auf die persönliche Ebene, also echte Menschen, übertragen, wird uns klar, wie unpraktikabel es ist. Es bedarf schon außergewöhnlicher Kennzeichen körperlicher (meist unerfreulicher) Art, um mit diesem Modell von Identität einen Menschen beschreiben zu können: Gorbatschow vielleicht (trug sein Alleinstellungsmerkmal auf der Stirn), der längste Mensch der Welt oder eine genetische Fehlbildung wie sechs oder sieben Finger o.ä. Ich jedenfalls könnte mich so nicht beschreiben. Im Übrigen hat die in Gemeindekreisen damals fromm verbreitete These „Jeder Mensch hat eine Fähigkeit, die er besser kann als alle anderen Menschen auf dieser Welt“ meine Identitätsfindung um Jahre verzögert.

Übertragen auf die Adventgemeinde lautet die These dieses Identitätsmodells also: adventistische Identität macht sich fest an Lehren (meist geht es ja darum), die nur wir haben und andere nicht, auch Unterscheidungslehren genannt. Wendet man dieses Modell nun spasses- oder interessehalber auf die 28 Glaubenspunkte an, so begreift man, warum der Streit um die adventistische Heiligtumslehre (Nr. 24) so heftig ins Zentrum der Debatte rückt, ob man noch Adventist ist oder eben nicht mehr so richtig.[2] Im Alleinstellungsmerkmalmodell der Identität wird das Merkmal natürlich automatisch und unweigerlich zum Schibbolet der Zugehörigkeit zur Gruppe. Probleme mit der Heiligtumslehre? Raus! Als Pastor allzumal. Vielleicht eine psychologische Erklärung dafür, dass kaum noch einer sie ansatzweise erklären kann. Man kann sich da schnell im Selbsttest prüfen und versuchen, ohne Zuhilfenahme von Internet und anderen Hilfsmitteln sich selber oder besser einer Testperson zu erklären, wie man von Daniel 8,14 bis 1844 kommt. Für alle Heterodoxie (Irrlehre) oder gar Apostasie (Abfall) wähnenden LeserInnen: ich kann es!

Im nächsten Blog stelle ich Modell 2 vor. Ich nenne es das Profilmodell.

[1] Nicht umsonst gab der adventistische Kirchenhistoriker George Knight seinem Buch über die Adventgeschichte im Englischen den Titel A Search for Identity = Suche nach Identität (Deutsch unter dem Titel: Es war nicht immer so, Advent-Verlag).

[2] Andere Kandidaten als Alleinstellungsmerkmal wären: Die Gemeinde der Übrigen (13) und Der Geist der Weissagung (18). Zum Ersten ist zu sagen: die Überzeugung, die wahre Gemeinde zu sein (ob man sich nun sprachlich als Übrige bezeichnet oder nicht) ist nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal; Zum Zweiten: Wenn mit Geist der Weissagung wirklich ausschließlich die Person von Ellen G. White gemeint ist (der Text legt es nahe), dann ist es wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Sollte damit aber gemeint sein, was die Überschrift nahelegt, nämlich die Gabe der Prophetie, dann gibt es natürlich viele Gemeinden und Konfessionen, die das praktizieren.

 

Auf wen zeigen? The One Project im KREUZfeuer

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Dass es in jeder Gruppe und Kirche, so auch in unserer, unterschiedliche Frömmigkeitsweisen, ja sogar Theologien, Ansichten und Lebensweisen gibt, ist ein Allgemeinplatz. Man muss nur eine Generalkonferenzvollversammlung besuchen, um diese bunte Vielfalt zu bewundern. Und wer sich ein wenig (oder mehr) mit der Adventgeschichte (oder der irgendeiner anderen Kirche) befasst hat, der weiss um das Ringen von Positionen.

Schon im Neuen Testament war es so. Nicht umsonst wird immer wieder zur Einheit aufgerufen. Wäre es so einheitlich und harmonisch zugegangen, bräuchte es wohl nicht diese Appelle. Das ist die erste Beobachtung.

Die zweite: es braucht immer einen Anlass, an dem sich ein Streit fruchtbar entzünden kann (Stichwort: Maschendrahtzaun). Ob es — wie in der Kirchengeschichte — das filioque oder das comma johanneum ist oder gar der Unterschied in nur einem Buchstaben zwischen dem homoousious und homoiousios liegt: alles ist wichtig. Die vielzitierten Adiaphora scheint es nicht zu geben.  Da heißt es zwar immer mal wieder: das ist nicht heilsentscheidend, aber vielleicht hat man nur nicht den richtigen Newsletter erhalten, der einem das Gegenteil beweist. Je frömmer, desto heilsbedeutender ist auch das kleinste Detail der Lebensweise oder eines Bibeltextes. Soviel zu den zwei Vorbeobachtungen.

Vor  diesen polarisierenden Streitereien, diesem durch die Zentrifugal- und petalkräfte von rechts und links angetriebenem adventistischem Mahlwerk, so könnte man nun leichtfertig meinen, sei man gefeit, wenn man sich einfach auf das beste und verbindendste Thema, ja die Gründungsperson des christlichen Glaubens, konzentriere: auf Jesus Christus. Jesus allein. Seine Lehre, seine Person, sein Heilen, sein Handeln. Ihn vor der Welt zu erhöhen, zum Mittelpunkt allen Predigens zu machen, so schrieb schon Ellen White, sei unsere vornehmliche Aufgabe als Adventisten (Diener des Evangeliums, S. 138 rev.). So dachten die Gründer des The One Projects. Ein einfaches, durchschaubares Konzept: Konferenzen, in denen alle Redebeiträge konsequent über Jesus gehen. Nicht viel Schnickschnack drumherum, bibelzentriert, jesuszentriert, menschenzentriert. Hunderte, ja Tausende von Menschen haben diese Konferenzen geistlich belebt, neu inspiriert, vom Rand wieder in die Mitte gestellt. Ich selber denke noch gern an den Segen in Utrecht zurück, den ich erleben konnte (Bericht hier). Nun stellt sich heraus: es gibt Adventisten, denen das nicht passt. Sie suchen fleissig nach den Steinen im Mahlwerk und werden fündig. Sie wittern Verführung und schlagen Alarm. Dieser Tage in der eindringlichen Warnung vor einem Sprecher, der zum Jugendkongress in Kassel als Hauptredner eingeladen und einer der Gründer des Projektes ist, das Jesus zum Zentrum von Glauben und Verkündigung machen will. Gleich dem Großinquisitor in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ wird medial zum Verhör vorgeladen und wer sucht, der findet, wie das ja hinlänglich von inquisitorischen „Befragungen“ bekannt ist. Selbstverständlich im Namen der Wahrheit.

Einer bleibt jedoch auf der Strecke: Jesus! Um den ging es doch eigentlich. Er, der die Wahrheit ist. Und darum, so zu werden wie er, so zu handeln, so miteinander umzugehen. William Johnsson, wahrlich ein Mann der Mitte, Leiter des Adventist Review über viele Jahre, Erfinder von Adventist World, meldet sich nun mahnend zu Wort. Und er ist wütend. Zu Recht. Ich habe ihn gefragt, ob ich seine Worte übersetzen und veröffentlichen darf und tue das nun mit seiner Zustimmung. Hier sein Text …

The One Project: Warum ich wütend bin!

September 2016, William G. Johnsson

Manchmal geht was in der Kirche so schief, dass man sich melden muss. Im Adventismus gibt es im Moment eine Krankheit, derer sich keiner anzunehmen scheint.

Meine Frau Noelene und ich sind glückliche Pensionäre in Loma Linda, wo die Sonne jeden Tag scheint. Wir leben ein gutes Leben – Spaziergänge, Gartenarbeiten, Schreiben, Theologie unterrichten und viel Zeit füreinander. Silver Springs[1], der Adventist Review und Adventist World sind weit weg und beschäftigen uns nur noch in Gebeten. Jetzt sind wir aber auf Dinge in der Adventgemeinde gestoßen, die wir widerlich finden und wenn ich nichts sage, brennt mir die Sicherung durch. Und, was noch wichtiger ist, werde ich vielleicht schon bald vom Herrn die Frage gestellt bekommen: „Du, der du das The One Project kennst, warum hast du nichts gesagt?“

Wir haben das The One Project (TOP) erst vor Kurzem kennengelernt. Ich werde nicht versuchen, Dinge, die vor 2016 stattfanden oder nicht stattfanden, zu diskutieren. Aber in diesem Jahr haben wir hinreichend Kenntnis aus erster Hand bekommen, nicht durch Hörensagen. Und was wir gesehen und gehört haben, führt uns zu klaren Schlussfolgerungen über TOP und die damit verbundenen Menschen.

Das The One Project kommt von Gott. Es ist etwas, das unterstützt werden sollte, nicht verunglimpft. Diejenigen, die sich gedrungen fühlen, es zu bekämpfen sollten den Ball flachen halten, denn sie kämpfen gegen Gott.

Ich werde euch sagen, wie ich an diesen Punkt gekommen bin.

Ich war überrascht, als ich Ende 2014 als Sprecher zum TOP in Seattle (Februar 2016) eingeladen wurde. Weil ich fast nichts darüber wusste, schaute ich mir die Website an. Was ich dort fand – eben das Ziel, Jesus zum Zentrum adventistischer Verkündigung und Lebensweise zu machen – ließ mich die Einladung annehmen. Das Thema der Konferenz waren die Ereignisse der Passionswoche. Alle Referenten zeichneten die Schritte Jesu vom umjubelten Einzug nach Jerusalem, über Golgatha bis zur Auferstehung nach. Mein Thema war der Sabbat, an dem Jesus im Grab ruhte. Ich sollte über die Bedeutung des Todes Christi sprechen. Offensichtlich war den Organisatoren des Projektes das Thema sehr wichtig, denn ich bekam 40 Minuten Redezeit, wo alle anderen nur 16 bekommen hatten. Alle Referenten wurden gebeten, drei Monate vor der Konferenz ihre Manuskripte einzusenden, so dass geprüft werden konnte, dass nicht die Kirche und ihre Leitung angegriffen wurden und dass die Präsentation geeignet sei, um gute Gruppendiskussionen zu fördern.

Noelene begleitete mich nach Seattle zur Konferenz. Sie fand im Westin Hotel, mitten im Zentrum von Seattle, statt und ging von Sonntagmorgen bis Montagmittag. Man hatte mit 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet, doch der Andrang war so gross, dass es am Ende 1200 waren. Bei der Größe hätte man unmöglich eine weitere Person in den Raum quetschen können.

Alles war ausgezeichnet vorbereitet: Sound, Video, Koordination, Zeiteinhaltung. Keine Vorstellung von ReferentInnen, es ging nur um Jesus. Das Publikum war altersgemischt, in erster Linie aber Baby-Boomers und Millennials[2]. Die Referenten waren zur Hälfte männlich und weiblich. Ich war doppelt bis dreifach so alt wie die restlichen ReferentInnen, aber das schien niemanden zu stören. Ihnen ging es um Jesus, nicht um mich. Alle mischten sich untereinander, freundlich und fröhlich. Das Erscheinungsbild war schick, aber nicht formell, nur wenige der Männer trugen Anzüge oder Krawatten. Wir befürchteten lautete Musik, die uns nicht gefallen würde und lagen falsch: es gab wundervolle Anbetung, eine Mischung aus zeitgenössischem Gospel mit Klassikern wie Amazing Grace oder Jesus Paid It All.

Nur eine Sache störte die Harmonie: die Gruppe bestand überwiegend aus Weißen. Als ich zu reden begann, sagte ich das auch und erntete Großen Applaus. Nachher sprachen die Verantwortlichen mit mir darüber und berichteten über ihre bislang fehlgeschlagenen Versuche, diesem Problem abzuhelfen und mehr ethnische Verschiedenheit hineinzubringen.

Noch immer, sechs Monate später, fühlen Noelene und ich die geistliche Beglückung von Seattle. Eines aber verstört mich: Könnte mir irgendjemand bitte erklären, was genau das Problem am The One Project ist? Es scheint mir, dass fast jeder schon gehört hat, irgendetwas stimme nicht mit dem Projekt, aber niemand kann mir sagen, was.

Also habe ich bei vielen Leuten nachgefragt, auch in Silver Springs, aber alle Antworten sind Nebelkerzen: Gerüchte, Verdächtigungen, Hörensagen, Vorschwörungstheorien. Was andere eben gesagt, gehört, gelesen oder im Internet oder auf DVD gesehen haben. Auf der anderen Seite aber sind alle, die schon ein TOP besucht haben, positiv und voll glühender Begeisterung.

Wir fühlten uns durch Seattle so gesegnet, dass wir, von den Organisatoren gebeten, doch in Sydney und Perth (Australien) mit dabei zu sein, sofort zusagten. Gerade sind wir zurück von dieser zweiwöchigen Reise. Es war wieder so wie Seattle, nur kleiner. Der gleiche Geist. Die gleiche Liebe. Jesus wieder im Zentrum. Wir kamen müde aber vollgetankt zurück. In Australien wurden andere Themen erörtert. Es ging um Jesu Lehre und Leiden. So lernten wir, was Jesus über die Dreieinigkeit lehrte, über das Ende, über Jüngerschaft, über das Reich Gottes etc. Ich hatte zwei Präsentationen: Was Jesus über die wahre Religion und was er über den Sabbat lehrte.

Diese Reise gab uns die Möglichkeit, die Leute hinter den Kulissen aus der Nähe persönlich kennenzulernen. In Sydney verzichteten wir auf ein teures Hotel und wohnten alle in einem Airbnb, um Kosten zu sparen. Noelene und ich bemerkten immer wieder, wie ermutigend die Gespräche waren und wie häufig es sich um Jesus drehte. Und natürlich, wie hart die TOP-Leute arbeiteten: schon vor dem Sonnenaufgang auf, um sich um ihre eigentliche Arbeit in den Staaten zu kümmern. Dazu noch die Zusatzaufgaben in Australien. Das One Project bringt diesen hingebungsvollen Menschen keine Zusatzeinkünfte oder Privilegien, nur mehr Arbeit, Sorge und, unglücklicherweise, ätzende Häme.

Beim letzten Treffen in Australien, in Perth an einem Sabbatnachmittag, konnten wir einen ungewöhnlichen Einblick in den Dienst dieser Menschen nehmen. Das Treffen war ein Zusatzangebot für diejenigen, die Fragen über das One Project stellen wollten. Und obgleich es ruhig und sachlich verlief, wurden doch Einblicke gewährt, die vielsagend und verstörend waren. Wir erfuhren, dass die Kritik an TOP schon ganz am Anfang begann. Ein Europäer, der mit der Freikirche seine bunte Geschichte gehabt hatte, startete einen Frontalangriff, den er überall verbreitete. Dabei waren seine Vorwürfe rasant daneben: er berief sich auf Erkenntnisse der Website the1project.com, eine nunmehr nicht mehr abrufbare Website, die nichts mit dem adventistischen the1project.org zu tun hat. Aber die falschen Anschuldigungen zirkulieren weiter. In den letzten Jahren, in denen Verschwörungstheorien immer mehr um sich griffen, wurden diese Vorwürfe schärfer, extremer. Das One Project wurde in direkte Verbindung zu Satan gestellt: ich sah eine Darstellung einer Schlange, die mit The One Project betitelt war und die Adventgemeinde verschlang. Es gab Gegner, die die Organisatoren beim Wegfahren von Veranstaltungen mit „Du Hexe/r“ beschimpften. An einem Veranstaltungsort hatten sich zwei junge Männer in Sack und Asche gekleidet und saßen vor dem Eingang des Treffens.

Und es kommt noch schlimmer. Selbst die Kinder der Veranstalter wurden zum Ziel von Feindseligkeiten auf Facebook. Wie abscheulich!

Und das passiert unter Siebenten-Tags-Adventisten? Solche Lügen, solch peinliches Gebaren machen mich wütend. Auch wütend, weil keiner was sagt.

Unter den Zuhörern der Sabbatabendveranstaltung saß auch eine Anwältin, deren Kanzlei mit derart Rechtstreitigkeiten zu tun hat. Sie merkte an, dass in Australien solche ungeheuerlichen Vorwürfe nicht rechtens seien und schlug vor, die Verleumdungen durch gerichtliche Schritte zu stoppen.

Unser Besuch in Australien war herrlich inspirierend, aber wir kamen mit einer bangen Frage im Herzen zurück. In Sydney kamen etwa 170 TeilnehmerInnen, in Perth um die 100. Alle, die kamen, hatten davon durch private Kanäle erfahren. Von Silver Springs war die Order ergangen, dass das One Projekt in den offiziellen Organen der Kirche keine Erwähnung bekommen solle. Wir lernten Menschen kennen, die schon lange nicht mehr zur Gemeinde kamen, aber nach einem Besuch des TOP der Sache eine neue Chance geben wollten. Andere hatten schlechte Gerüchte über das Treffen gehört und waren nur zögerlich gekommen, erlebten aber großen Segen usw. Ich freue mich über diese Berichte, aber was ist mit den Hunderten anderer, die vielleicht gekommen wären, wenn die offiziellen Medien der Kirche sie darüber informiert hätten?

Vor über einem Jahr haben die Leiter des TOP die Kirchenleitung gebeten, ihnen zu sagen, wo sie daneben liegen (wenn sie daneben liegen), damit sie das korrigieren können. Bis jetzt warten sie auf eine Antwort.

[Anmerkung der Spectrum-Redaktion: Spectrum hat durch mehrere Quellen in Erfahrung gebracht, dass das The One Project einer internen von der Generalkonferenz initiierten theologischen Untersuchung durch das Biblical Research Committee unterzogen worden ist, welches aber nichts Verwerfliches in der theologischen Botschaft des The One Projects finden konnte.]

So etwas ist nicht in Ordnung.

Meine geliebte Gemeinde leidet an einer Krankheit. Wir haben es erlaubt, dass extreme Ansichten die Kontrolle übernehmen. Ansichten, die mit Angst arbeiten, die Verschwörungsszenarien um Endzeitereignisse stricken und die Herzen der Gläubigen verunsichern. Diese Ansichten sind Lichtjahre entfernt von den gesunden, besonnenen Lehren über das Ende, die wir in der Schrift und bei Ellen White finden. Einige dieser Ansichten werden durch Bücher, das Internet und DVDs verbreitet, die unabhängige Missionswerke herausgeben. Im Großen und Ganzen bin ich ein starker Befürworter von unabhängigen Missionswerken, aber nur so lange sie nicht mit der Angst von treuen Gemeindegliedern ihr Geld verdienen.

Wohin entwickeln wir uns in dieser Kirche? Bin ich der einzige, der wütend ist?

Der 13-Stunden-Flug von Sydney nach Los Angeles zieht sich unendlich hin. Hier in 12 km Höhe, in der Dunkelheit über dem endlosen Pazifik habe ich Zeit zum Nachdenken. Das Gefühl überwältigender Gnade überkommt mich, Dankbarkeit für die wunderbaren Nachfolger Christi, die wir zum ersten Mal kennenlernen konnten oder mit denen wir zusammenarbeiten durften. Und am meisten für Jesus, den Unvergleichlichen, dessen Liebe niemals endet.

Doch zusammen mit diesen segensreichen Gedanken beschleicht mich das Gefühl unglaublicher Ironie. Geschmäht für nichts Anderes als Jesus ohne Wenn und Aber zu verkünden? Geschmäht, nicht durch Ungläubige, sondern von Mitgliedern der Siebenten-Tags-Adventisten? Unglaublich!

Vielleicht aber auch nicht. Wo immer und wann immer Jesus und seine Gerechtigkeit verkündet wird, passieren neben den guten Dingen auch hässliche. Wie damals in den Tagen von Paulus in Galatien. Oder in Minneapolis 1888.

Oder 2016.

William G. Johnsson war vor seinem Ruhestand Chefredakteur von Adventist Review und Adventist World. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, u.a. des erst kürzlich erschienenen zweibändigen Werks über Jesus von Nazareth, dessen erster Teil im Advent-Verlag auf deutsch erhältlich ist.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und www.spectrummagazine.org: Dennis Meier (September 2016)

Text als pdf: William Johnsson – The One Project

[1] Anm. d. Übers.: Silver Springs ist der Sitz der Generalkonferenz

[2] Anm. d. Übers.: Als Baby-Boomer bezeichnet man die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 40er bis Mitte der 60er Jahre; Millennials bezeichnen wir in Deutschland als Generation Y (ca. 1980-2000).

Glauben.Hoffen.Ringen

 

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Wer glauben, hoffen und singen kann, der kann mit dem neuen Liederbuch der Zukunft gut gelaunt entgegensehen. (Foto: TM)

Kurz vor dem Erscheinen des neuen Glauben-Hoffen-Singen kursierte der Witz in den Gemeinden, was denn das neue Liederbuch und Jesus gemeinsam hätten? Antwort: sie kommen bald. Wir haben also als Gemeinde nicht den Humor verloren und inzwischen halten wir ein neues Liederbuch in den Händen.

Für die einen eine überfällige Notwendigkeit, für die anderen freudig erwartet und für wieder andere ein weiterer Nagel im Sarg des deutschen Adventismus (was auch immer das ist). Zwischen diesen Polen lassen sich treffliche Diskussionen um Musik und Musikstile führen, denn Streiten gehört zu uns wie Potluck und Vegetarismusdebatten.

Die Aktualität und Relevanz dieser meist durch Erwachsene geführten Diskussionen wurde gleich durch eines meiner Kinder lässig ad absurdum geführt. Es berichtete mir, dass im Gottesdienst nun zum ersten Mal aus dem neues Liederbuch gesungen worden sei, und zwar die gleichen (man lese zwischen den Zeilen: langweiligen, alten) Lieder wie immer, nur halt neu gedruckt. So schwer beeindruckt ist die Jugend von den Sorgen um ein neues Liederbuch und dessen Orthodoxie.

Jetzt an Pfingsten wurden wir zu einem landeskirchlichen Gottesdienst in die barocke Schlosskirche auf der Insel Mainau eingeladen und wir gingen hin (schon wegen der damit verbundenen Freikarten für die Blumeninsel). In diesem historischen Ambiente (Putten allenthalben) bemühte sich der Pastor redlich um modernes Liedgut und schrammelte mutig auf seiner Gitarre Liedgut aus den 70ern („Danke, für diesen guten Morgen“ etc.). Da fühlten wir uns in unsere Jugendzeit versetzt, als das rhythmische Bearbeiten eines mit Saiten versehenen Klangkörpers im Gottesdienst noch irgendwas zwischen Avantgarde und Rebellion war. Es war halt unsere Musik und wir fühlten etwas, das die Großen nicht empfinden konnten. Sie sollten es auch nicht, das war ja der Sinn der Sache. Hauptsache, unsere Eltern machten sich Sorgen und verneinten, dass diese Geräusche überhaupt der Definition von Musik genügten.

Insofern ist aus pädagogischer Sicht ein neues Liederbuch (mit einem Anteil von tatsächlich neuen Liedern) ein Zeichen für einen unvermeidbaren und doch notwendigen Generationswechsel, der sich in unserer Freikirche vollzieht. Jetzt bestimmt die Generation, die damals die Gitarren und wenn es ganz schlimm kam selbst ein Schlagzeug in den Gottesdienst brachte, was gesungen wird (heute gibt es mit der Cajon das Schlagzeug light).

Die Aufregung hat aber auch etwas Gutes. Ich habe mein neues Liederbuch gegriffen und mich an die Tasten gesetzt mit dem Entschluss, es einmal von 1 bis 600irgendwas durchzuspielen. Diesen Impuls habe ich vorher nie gehabt. Im Moment bin ich bei den 200ern und es geht meinem Glauben prima. Ich entdecke tolle Lieder und olle Lieder, singbare und herausfordernde, gesetzte und gut gesetzte. Es ist wie das pralle Leben. Aber vor allem wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um unvollkommenes, mal gestottertes, mal geträllertes Lob Gottes aus dem Mund von Menschen. Einfach wunderbar.

Tête-à-Ted

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Mehr als nur auf der Durchreise. Ted Wilson im Gespräch mit der deutschen Kirchenleitung. Foto: DM

Es gibt doch kaum etwas Lehrreicheres als an einem Ereignis teilgehabt zu haben, das von denen kommentiert wird, die nicht mit dabei waren. So jüngst geschehen bei einem Treffen von Bruder Ted Wilson mit den deutschen Vorstehern am 8. März (einem geschichtsträchtigen Datum, nicht nur weil es der Internationale Frauentag war – ups – sondern auch mein 36ster Tauftag), im Zentrum der Macht: Mörfelden bei Frankfurt, jenem „Maurerdorf“ genannten Ort, dessen letztes Großereignis die Inbetriebnahme der Riedbahn im Jahre 1879 war.

Neben eigenen Berichten der Teilnehmer jenes Treffens ist das offizielle Zeitdokument ein Foto gutaussehender Männer, die auch deshalb so fröhlich lachen, weil die einzige Frau weit und breit, die attraktive Hotelangestellte Angelika K. (Name geändert) sich bereit erklärte, das Iphone 6S zu bedienen (nicht das Foto hier oben). Es war klar, dass diese Steilvorlage von humoraffinen Zeitgenossen und Berufszynikern dankbar angenommen wurde und es in „geschlossenen Facebookgruppen“ (ein Oxymoron) zu heftigen Kommentierungen der unbekannten Inhalte kommen musste. Die Kommentare zu dem Treffen unter der Newsmeldung von spectrummagazine.org internationalisierten die Spekulation und so erfuhr ich viele Dinge, die mir wohl an dem Tag völlig entgangen waren. Obwohl: das mit den Männern hatte ich wohl bemerkt. Das konnte selbst mein Zopf nicht rausreißen.

Um der Sache den Anschein einer Bilderberg-Konferenz oder des Phoebuskartells zur geheimen Begrenzung der Lebensdauer von Glühbirnen zu nehmen, hier mein tendenziöser Augenzeugenbericht über das Tête-à-Ted.

Das eigentlich Besondere an jenem Treffen war seine allseits zugestandene Überfälligkeit. Im Nachgang besteht der Gewinn dieser Unterredung weniger in den besprochenen Inhalten als in der Tatsache des Stattfindens. Nicht, was verhandelt wurde, sondern dass man sich traf. In einem ersten Durchgang am Vormittag bekam jede Entität (wenn wir Adventisten von Entität reden, denken wir weniger an Kant und das Ding an sich, also den Grundbegriff aus der Lehre von der Ontologie, sondern meinen damit nüchtern eine Vereinigung oder einen Verband etc.) die Gelegenheit, sich in wenigen Minuten vorzustellen, und zwar unter den beiden Polen Herausforderungen und Positives. Schon hier sah man, dass Ted Wilson hielt, was er versprochen hatte: nämlich aufmerksam hinzuhören. So machte er sich fleißig Notizen, um ein Bild der Situation in Deutschland zu bekommen, unterbrochen von der einen oder anderen Kuchen(diagramm)pause.

Der Name Ted Wilson, und damit verrate ich kein Geheimnis, evoziert ja die unterschiedlichsten Reaktionen, meist Augenreaktionen. Der einen Augen fangen an zu leuchten, weil sich wie weiland der Glanz der reinen adventistischen Lehre wie der Tau des Hermon auf die postmodern geschundene und missionarisch erfolglose Seele legt; bei den anderen fangen die Augen unwillkürlich an zu rollen, dass einem blümerant wird. In so einer Situation ist ein von-Aug-zu-Aug ohne Licht- und Rolleffekte das Gebot der Stunde. Genauso wie das Gebot, dass man zunächst einmal den Menschen sieht. Wenn sich auch einige dieser Erkenntnis widersetzen werden, aber: Ted Wilson ist im Gespräch um den Tisch und im persönlichen Miteinander verbindlich, freundlich und tief geistlich. Es macht Freude, sich mit ihm zu unterhalten. Das gilt auch für kontroverse Themen.

So ist mein Fazit und das meiner Kollegen, dass hier etwas erreicht wurde, das aus Mangel an was-auch-immer überfällig war, nämlich ein gutes Gespräch unter Kollegen, gemeinsame Gebete, das ehrliche Ansprechen von Differenzen und die Versicherung, dass die Deutschen nicht den Anspruch erheben, der adventistische Nabel der Welt zu sein, nur weil vor 500 Jahren Martin Luther im Wittenberger Patentamt die Erfindung „Reformation“ unter der Nummer AD1517/95 zum deutschen Staatseigentum machte. Jüngstgeschichtlich gesehen sind wir ja bekanntlich in einer recht begründeten Außenseiterposition, andern vorzugeben, wo denn der Hase langzulaufen habe. Trotzdem stoße ich regelmäßig auf an der Kirche leidende Individuen, die nicht begreifen können, dass die weltweite Adventgemeinde nicht auf ihren Kurs einschwenken will. Gemeinde ist eben auch, wenn ich trotzdem dazugehöre.

Gerne kann noch etwas zu den Inhalten gesagt werden, die am Nachmittag zur Sprache kamen:

  • Strukturreform, also die Frage nach einem deutschen Verband. Ted Wilson dazu: wenn man nur die Zahlen betrachtet, macht das Sinn. Aber eine Heirat sollte immer eine Liebesheirat sein. Die GK hat da ein bewährtes Prozedere der Prüfung. Diesen Weg wollen wir gemeinsam gehen.
  • Kommunikation: wie vermeiden wir, dass bei der GK das Bild vom deutschen Adventismus dadurch negativ geprägt wird, dass Einzelne oder auch Gruppen erfolgreich die hanebüchensten Gerüchte oder Halbwahrheiten in frommer Betroffenheit zur Leitung durchmelden (Mythen wie: Verteilverbot Großer Kampf; Maulkorb durch Ökumenemitarbeit; Predigtverbote etc.)? Wir vereinbarten direkte, offene und verstärkte Kommunikation, wenn Fragen zu klären sind. Wir wollen miteinander, nicht übereinander reden.
  • Regulationsdruck: Zu jedem Randgebiet ethischer Minderheitenphänomene scheint es ein Statement der Kirche geben zu müssen. Die Arbeitsrichtlinien (Working Policy) umfassen mittlerweile 1000 Seiten (!). Nicht mehr lange, dann sind sie dicker als die Bibel. Könnte man nicht einfach mehr einander und den Gemeinden vertrauen, auch wenn Einzelfragen regional unterschiedlich gehandhabt werden? Diese Arbeitsrichtlinien, so die Antwort, seien der Tatsache geschuldet, dass die GK Anfragen auch normativ beantworten müsse. Die Antwort „findet es selber heraus“ scheint nicht zum Repertoire zu gehören, so mein Fazit. Das mag auf einen kulturell unterschiedlich verstandenen Bildungsauftrag zurückgehen.
  • Frauenordination: aus den Diskussionen über dieses Treffen könnte sich glatt der falsche Eindruck ergeben, es sei hier nur um die Gelegenheit gegangen, Ted Wilson darüber aufzuklären, dass und wie heftig wir gegen den Beschluss von San Antonio sind, so als übermittle man ihm damit eine neue und sensationelle Information, unter deren Druck er nicht anders könne als reuig die Beschlusslage der Weltsynode zurückzunehmen und zu sagen: „wenn ich das gewusst hätte“ … Wenn die Ansichten unterschiedlich sind und der Beschluss protokolliert, hilft eben keine Betroffenheitsshow, sondern wieder nur das offene Gespräch und die Benennung des Konfliktes und der schmerzlichen Verwerfungen, die er an unserer Basis verursacht. In der Sache sind wir als deutsches Feld einig, aber im Umgang mit der Entscheidung von 2015 müssen wir erst noch kräftig miteinander reden, was die unterschiedliche Beschlusslage in den beiden deutschen Verbänden deutlich macht. So wurden in einer guten Stunde nochmal die Wünsche auf beiden Seiten höflich wiederholt und wir schritten zum Foto, das die Symptomatik dann doch besser ausdrückte als theologischer Schlagabtausch, Verweise auf kulturelle Unterschiede oder die Nadel auf dem globalen Kompass, die mittlerweile nach Süden zeigt.

Kurzum, bei aller Liebe zu blumigen Ausführungen und humorvollen Kommentaren, die ich zugebe, mit anderen zu teilen: eine überfällige und segensreiche Erfahrung, die einmal mehr deutlich macht, dass ein lustlos hingeworfenes „gut, dass wir mal drüber geredet haben“ übersieht, dass es genau das ist, was meistens fehlt: sich respektvoll und trotzdem schwesterlich (um den Frauen wenigstens sprachlichen Raum zu geben, bei aller globalen Enge für sie) zu begegnen und genauso heftig in der Sache zu sein wie in der Liebe zueinander. Hätten wir mehr auf die Frauen gehört, hätten wir das früher gelernt. So werde ich weiter dafür kämpfen und beten, dass irgendwann einmal bei einem Treffen von Kirchenleitungen der Adventgemeinde Frauen mit im Bild sind.

Der aufrechte Gang

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Von links: Werner Dullinger (Vorsteher SDV); Günter Brecht (scheidender Finanzvorstand NDV); Dieter Neef (neuer Finanzvorstand ab April 2016); Johannes Naether (Vorsteher NDV). Foto: Karl-Heinz Walter

Eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute: unsere Freikirche in Deutschland hat einen neuen Finanzvorstand gewählt. Finanzvorstand ist natürlich ein Wort mit einem gewaltigen Gähnfaktor, aber wenn man bedenkt, dass die treuen Adventisten im Jahr ca. 50 Millionen Euro spenden (Zehnten etc.), dann will man schon wissen, dass mit diesen Mitteln vernünftig und vorausschauend umgegangen wird.

Bei so einer Vakanz fängt man ja erst mal bei Null an und es beginnt das Ernennungsausschussspiel „Ich schreibe jetzt mal Namen an die Tafel, wenn ihr mir welche nennt.“ Im Dezember gab es am Ende keinen eingekringelten Namen, auch wenn ein paar Personen durch plötzliche Anrufe erfolgreich erschreckt wurden. Umso skeptischer trat ich die Reise nach Darmstadt an, wo die zweite Runde eingeläutet wurde, vor mir wieder die Angst vor dem Mann mit dem Edding, der darauf wartet, dass ich Namen hineinrufe. Umso wohltuender die Erfahrung, die wir alle machen sollten. Statt „wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich ’nen Arbeitskreis“ durften wir erneut Zeugen der wichtigen geistlichen Lektion werden: „kriegst du Körbe noch und nöcher, hat Gott noch ’nen Pfeil im Köcher“. Ob in meinem geistlichen Leben oder auf der Ebene der Freikirche in Deutschland: Gott hat schon eine Lösung, wenn wir noch suchen. Eine schöne Erfahrung, zumindest im Nachhinein.

Für Dieter Neef war unsere Not eine Gelegenheit. Er signalisierte Interesse und Bereitschaft. Bruder Neef hat jahrzehntelang für die Automobilindustrie gearbeitet, im In- und Ausland. Er ist eine ehrliche Haut, das merkt man gleich. Nun will er nicht mehr Autos, sondern Reich Gottes bauen. So einfach ist das. Er wird mit 100% der Stimmen gewählt. Solche Abstimmungsergebnisse mögen in Russland, wo er zuletzt ein Autowerk mit aufbaute, Gang und Gäbe sein, hier ist das eher ungewöhnlich.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass ich zwischendurch doch Adrenalin abbauen musste, was die Diskussion anging und die Fragen, die ihm gestellt wurden. Wegen des Untertons, der Zwischenkommentare, unseres zwischen den Zeilen sich doch immer wieder manifestierenden adventistischen (oder freikirchlichen?) Minderwertigkeitskomplexes, der wohl der Tatsache geschuldet scheint, dass es psychologisch nicht ganz einfach ist, zwischen Minderheit und Minderwertigkeit zu unterscheiden.  Natürlich ist es immer ein Wunder, wenn jemand sich für die Arbeit im Weinberg Gottes entscheidet, aber der Begriff Wunder war mir dann doch etwas zu inflationär im Sprachgebrauch jenes Tages. Das Wort Automobilindustrie scheint für den Deutschen eben einen unwillkürlichen Hoheitsreflex auszulösen, wie wenn der Engländer seiner Queen begegnet. Knicks und Buckel und unverhohlene Fassungslosigkeit, dass jemand aus dem „echten Leben“, der „echte Kohle“ verdiente, sich herablässt, für unseren mickrigen Verein zu arbeiten (schlechte Bezahlung, ineffektive Strukturen, polarisierte Meinungen). So sehr sind wir unser Berufungssystem gewöhnt, bei dem Listen von oben nach unten abtelefoniert werden bis einer nicht absagt, der dann gewählt wird und mit apokalyptischem Duktus in der Stimme betont, wie schwer die Bürde ist und wie wenig er (oder sie) das wollte und dieser Canossagang jetzt als Wille Gottes anerkannt wird. „Ich kann Kanzler!“ ist eben in unserem System ein „Unsatz“. Als Disclaimer: ich war ja schon selber an dieser Stelle und halte die Berufung nach wie vor für ein biblisches System. Darum soll es nicht gehen.

Aber den aufrechten Gang zu üben, das wäre schon wichtig. Ich denke, diese Kirche reisst etwas. Mit nur 36.000 Adventisten (Aktive und Passive in einem Topf) betreiben wir ein Krankenhaus, mehrere Schulen, Seniorenheime, einen Fernsehsender und und und (da haben wir noch nicht angefangen, von Hunderten von Ortsgemeinden und Pastoren und den 50 Mio zu reden). Und wenn auch hier und da jemand schlechte Erfahrung mit dem Arbeitgeber Freikirche gemacht hat, können wir doch mit Fug und Recht sagen: wir sind ein guter Arbeitgeber. Wenn ich höre, wie es in der „echten Arbeitswelt“ zugeht, dann schätze ich die Freiheit, die individuelle Begleitung und die praktizierte Nächstenliebe als Angestellter doppelt. Von daher: mehr Selbstbewusstsein! Kirche ist Reich Gottes, ist sein Bau. Es ist eine hohe Berufung, es geht um das Evangelium.

Und dir, lieber Dieter, wünsche ich die besten Arbeitsjahre deines Lebens hier in unserer Freikirche. Wir bauen Reich Gottes und wenn ein Autobauer da mit neuen Kniffen um die Ecke kommt, wie man das noch besser machen kann: immer her damit. Gottes Segen!

Halbzeit

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Bei der letzten Pastorentagung wurde ich überrascht. Eigentlich ist es ja meine Aufgabe, Kollegen zu einem Dienstjubiläum zu beglückwünschen. Als mich dann alle anstarrten und der Sekretär mit einem Blumenstrauß und einer Urkunde plötzlich vor mir stand, musste ich kurz mal nachrechnen: 2015-1995=20. Zwanzig Jahre Pastor! Zwei Erinnerungen vermischen sich da: in der ersten sitze ich als junger Prediger in einer Pastorentagung und sehe, wie einem anderen Kollegen zum Dienstjubiläum gratuliert wird. Ich dachte damals: zwanzig Jahre ist noch eine Ewigkeit hin. Nun, es war eine kurze Ewigkeit. Die zweite Erinnerung (da war ich so bei 10): ein Kollege sitzt mit mir im Auto und sagt: ich hab jetzt 20 Jahre um und kann mir nicht so recht vorstellen, das bis zu meiner Rente weiter zu machen. Hat er auch nicht. Seitdem hatte ich ein wenig Bammel vor der 20!

Sowohl von meinem Lebens- als auch vom Dienstalter bin ich jetzt ungefähr bei Halbzeit (so mir denn noch eine zweite Hälfte vergönnt ist. Das Leben ist ja kein Fußballspiel). Was mich beim Gedanken daran überwältigt, ist das enorme Gefühl von Dankbarkeit und Segen, und zwar auf mehreren Gebieten, die alle nicht selbstverständlich sind:

  • Ich bin dankbar dafür, dass ich in der Adventgemeinde bin: unsere Freikirche ist ein guter Arbeitgeber. Klar gibt es Menschen, die mit unserer Freikirche schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bei allem Gejammer über die Strukturen kann man sich in der Adventgemeinde aber als Pastor trefflich entfalten. Gabs mal Ärger mit der Vereinigung, stellte sich die Gemeinde vor mich. War es umgekehrt, wurde ich von der Vereinigung geschützt. Der Fall, dass es mit beiden gleichzeitig Probleme gab, blieb mir erspart. Als Ortspastor hat man erstaunliche Freiheiten. Zum Beispiel: wenn ich an meinem freien Tag sehe, dass das Wetter schlecht ist, na dann arbeite ich halt. Umgekehrt ist es auch möglich, mit ein bisschen Umplanung.
  • Ich bin dankbar für Hansa und seine Menschen: Ich habe hier in Hansa, innerhalb und außerhalb der Gemeinde so großartige Menschen kennenlernen dürfen, dass ich kaum glaube, das jemals in einem anderen Beruf so erlebt haben hätte zu können dürfen (Dankbarkeit und Grammatik funktioniert schon bei den Oscar-Verleihungen nicht …).
  • Ich bin dankbar dafür, dass ich mir nicht die Sinnfrage stellen muß (klingt blöd für einen Pastor, aber: s.o.). Die Vorstellung, das bis zu meiner Rente weiter zu machen, ist für mich immer noch Ziel, nicht Bedrohung. Warum mir das so geht und anderen nicht, kann ich nicht beantworten.
  • Ich bin dankbar für Wachstum: sowohl Menschen als auch Gemeinden verändern sich langsam. Aber allen Unkenrufen zum Trotz, dass alles schlechter wird (s. meinen Blog zu dem Thema „Der Mythos der guten alten Zeit“) kann ich im Rückblick sagen: Adventgemeinde hat sich positiv verändert. Und mir selber geht es nicht anders: meine Ansichten zu vielen Dingen haben sich entwickelt, sind gewachsen. Damit will ich nur sagen: wer um persönliches Wachstum betet, der darf auch damit rechnen, dass das Gebet erhört wird.
  • Ich bin dankbar für den inneren Zirkel: meine Frau, meine Kinder, meine Familie (beide Seiten). Alles Sechser im Lotto, wie wir zuhause sagen.

Das Problem an der Aufzählung von Segen ist, dass man gar nicht weiß, wann man aufhören soll. Also mache ich das prompt und effektiv jetzt.

Nun rollen die nächsten zwanzig Jahre auf mich zu und ich bin geneigt, ihnen mein (gut adventistisches) Lebensmotto zuzurufen: ICH BIN BEREIT!

 

Aber am dankbarsten bin ich Gott! Das musste noch gesagt werden.

Gebetswoche 2015: Beten statt Arbeiten

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Als geborener Adventist habe ich zugegeben eine ausgeprägte Hassliebe zur jährlich stattfindenden Gebetswoche. Ich sage das so ehrlich, weil sich darin die Summe der Erfahrungen mit dieser uralten adventistischen Institution widerspiegelt. All die Abende, die man als Kind besuchte und zu Tode gelangweilt wurde durch Lesungen, die man nicht verstand oder stotternd vorlesen musste. Die notorischen Endlosbeter, die immer das gleiche sagten, die drückende Stille, wenn nach Gebetsanliegen gefragt wurde. Die Spendenumschläge, die vor versammelter Gemeinde geöffnet und die Menge ihres Inhaltes kundgegeben wurde.

Ein Abend hat sich mir eingegraben. Ich ging zum Treffen um 18 Uhr. Leider war ich drei Minuten zu spät. Die Lesung war schon in vollem Gange. Alles wurde so wie immer gemacht. Erst wird alles gelesen, dann die Fragen dazu gestellt. Bei den Fragen meldete sich niemand (es waren ca. 15 Personen anwesend). Dann eben beten. Ich warf ein, ob wir nicht in kleineren Einheiten beten könnten, um es persönlicher zu machen (im stillen hoffte ich auch, es dadurch zu verkürzen). Antwort: das haben wir noch nie so gemacht. Also wieder 25 Minuten Marathonbeter durchgestanden. Um 19 Uhr dann Musik mit (nicht-christlichen) Freunden von mir. Einer der Freunde erklärt, dass seine Frau ihn gerade verlassen habe. Er weint. Wir reden über seine Situation, versuchen, Mut zu machen. Musik machen wir nicht. Ich gehe nach Haus und überlege, wo ich gerade echte Gemeinschaft/Gemeinde erlebt habe …

Und dann auf der anderen Seite die Freude als Kind, die Plastikdose mit den gesammelten Gebetsgaben nach vorne zu bringen. Später als Pastor dann die durchaus auch gelungenen Abende mit Gemeinden, die ganz besonders liebevoll gestalteten Treffen und die vielen Versuche, eine Tradition zu entkrusten und wirklich zu beten, echte Gemeinschaft zu haben.

Innerlich war ich immer hin- und hergerissen zwischen „das müssen wir abschaffen“ und „das müssen wir gestalten.“ Im letzten Jahr passierte dann noch etwas anderes. Dadurch, dass ich als Vorsteher keine Gemeinde mehr habe, mir der ich die Gebetswoche plane und auch sonst recht geschäftig bin, bekam ich erst mit, das Gebetswoche ist, als ich gefragt wurde, ob ich am Sabbat in der Predigt darauf eingehen würde. Irgendwie fehlte dann doch etwas.

Es ging den Mitarbeitern im Büro nicht viel anders. Also entschieden wir uns schon Anfang dieses Jahres, so gut wie möglich die Gebetswoche im November von Terminen frei zu halten. Wir wollten jeden Vormittag miteinander geistliche Zeit verbringen, die Lesung erarbeiten, Beten, kreative Elemente haben. Und genauso haben wir es letzte Woche gemacht. Es war eine wunderschöne Woche. Das Team ist zusammengewachsen, wir haben viele Dinge thematisiert, haben gebetet, gelesen, gelacht, gegessen. Unser Fazit: das machen wir nächstes Jahr wieder. Was zählt ist die Qualität des Miteinanders, nicht die Quantität der Gebete.

 

 

Bewerberinnentag in Friedensau

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Engel waren es nun nicht, aber wer weiß? (Foto: DM)

Vorausplanung gehört zu den Tugenden guter Leitung. Das hat nun nichts mit Zukunftsschau zu tun. Es ist wie beim Autofahren: man sollte den Blick schon 500m vorausschweifen lassen, um einem eventuellen Verkehrshindernis frühzeitig auszuweichen. Was die Situation der Pastorinnen angeht (ich benutze in diesem Beitrag einmal durchgehend die weibliche Sprachform, die männliche ist selbstverständlich mitgedacht), so ist es bei der Größe unserer Freikirche nicht schwer, den Bedarf mit den Anmeldungen auf der Hochschule abzugleichen und zu sehen, dass wir in einigen Jahren einen Pastorinnenmangel haben werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, wenn die Vereinigungen sich wie heuer treffen (wie man im Süden sagt), dass das Ziehen und Zerren um die jungen Mitarbeiterinnen wieder beginnt. Da muss man nur die Zahlen deuten: sieben Vereinigungen und sechs Bewerberinnen.

Um weg vom Kuhhandel und in Richtung Fairness zu kommen, machen wir den Bewerberinnentag seit 2014 in einer Art Speeddating-Verfahren. Jedes Vereinigungsteam sitzt in einem Raum der Hochschule und verbringt 45min mit einer Bewerberin, die eine Anstellung sucht. Man lernt sich kennen, hat die Bewerbungsunterlagen vorliegen, vielleicht ist sogar der Ehepartner oder Freund mitgekommen, kurzum: ein Vorstellungsgespräch mit nettem kirchlichen Charakter. Die Bewerberinnen ziehen stündlich von Raum zu Raum, also von Vereinigung zu Vereinigung, überall gibt es Tee und Gebäck und wenn sie nicht aufpassen, fallen sie am Ende des Tages ins Kekskoma. Manche sind offensichtlich aufgeregt, andere sind locker (sie wollen eigentlich in eine andere Vereinigung), wieder andere hinterlassen den Eindruck, als säßen sie das erste Mal einem Vereinigungsteam gegenüber.

Auch der gestrige Bewerberinnentag war wieder spannend. Unterschiedliche Kandidatinnen mit unterschiedlichsten Hintergründen. Zwei aus Hansa waren dabei, die wir natürlich gut kennen. Zwei, die in Bogenhofen und Cernica (Rumänien) studiert haben – man beschnupperte sich neugierig ein erstes Mal. Ein Kandidat, der schon 2012 fertig wurde und erst noch in anderen Projekten unterwegs war. Zwei von sechs waren weibliche Bewerberinnen. Eine gute Quote, von der man sich wünscht, dass der Trend sich fortsetzt.

Der Gesamteindruck: Jede Pastorin ist so unterschiedlich wie auch jede Gemeinde. Die Vielfalt bestärkt. Das Verfahren, als gesamter Vorstand alle Kandidatinnen kennen zu lernen, überzeugt und professionalisiert die Personalplanung der Freikirche. Dadurch, dass alle Vereinigungen alle Kandidatinnen kennenlernen, werden Vorurteile und geographische Barrieren abgebaut. So schwindet auch das Bedürfnis nach Einteilung in Norddeutscher und Süddeutscher Verband. Allerdings wird sichtbar, dass die weiblichen Kandidatinnen zum Norddeutschen Verband tendieren, weil dieser schon 2012 deren Ordination beschlossen hat (was ja im Moment eine heiße Kartoffel ist).

Das zweite, was auffällt: die Hälfte der Bewerberinnen hat ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) innerhalb der Freikirche absolviert (1Year4Jesus oder der Vorgänger Jugend auf Achse). Offensichtlich ist die geistliche Erfahrung in diesen Teams prägend und intensiv.

Eine dritte und letzte Beobachtung: niemand geht ohne eine gewisse Sorge in die kirchliche Praxis: was werden die Erwartungen sein? Kann ich Dinge verändern? Für die weiblichen Kandidatinnen: wie werde ich als Frau akzeptiert werden? Oder: wie ist meine Rolle als Pastorenfrau? Man spürt fast allen Kandidatinnen die Unsicherheit ab, ob sie im System Adventgemeinde sie selber sein dürfen oder systemkonform Erwartungen erfüllen müssen. Auch das ist immer wieder Gesprächsgegenstand.

Dabei fühlt jede auf ihre Art die Berufung durch Gott und das macht diesen Beruf so einzigartig. Weshalb ich an dieser Stelle nochmal für alle Jugendlichen den Werbeblock einfügen möchte, darüber nachzudenken, Pastorin oder Pastor zu werden. Ich jedenfalls halte das immer noch für einen tollen Beruf, auch wenn ich mir dann im Himmel einen neuen suchen muss …

Späne von der theologischen Hobelbank: Plain Reading

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Gäbe es ein „plain reading“, dann bräuchten wir keine unterschiedlichen Übersetzungen (Foto: DM)

Es ist wieder an der Zeit, auf theologischen Gedanken „herumzukauen“. Das nun seit vielen Jahren in aller Munde sich wiederholende Wort in der Theologie lautet Hermeneutik. Dabei geht es um Auslegung und Interpretation der Bibel. Genauer gesagt geht es um den Vorgang des Verstehens. So fragt Philippus den afrikanischen Kämmerer (Apg 8,30): „Verstehst du auch, was du liest?“ Und bei der diesjährigen Generalkonferenz unserer Freikirche in San Antonio wurde nach den Meinungsverschiedenheiten um die Frauenordination der Ruf nach einer Hermeneutik laut. Beide Seiten hatten ja mächtig die Bibel bemüht und waren dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt.

In diesem Zusammenhang war immer wieder vom „plain reading“ die Rede. Schon der Begriff ist eine hermeneutische Herausforderung, denn er lässt sich nur schwer übersetzen. Es meint den offensichtlichen Sinn, die einfachste Lesart oder einfach nur, den Text wörtlich/buchstäblich zu nehmen.

In zwei kurzen Durchgängen möchte ich darlegen, warum es ein „plain reading“ gar nicht geben kann. Ein offensichtlicher Sinn nämlich suggeriert die Möglichkeit einer Unmittelbarkeit zum Text. Als wäre ein Verstehen ohne Interpretation, ohne Auslegung möglich und damit ein direkter Zugang zum Sinn des Textes herzustellen. Warum ist dem nicht so?

  1. Sprache: Text ist Sprache und die Bibel ist ein Text, der sogar in konkreten Sprachen vorliegt (hebräisch, aramäisch, griechisch). Nun ist Sprache immer komplex, vielschichtig, doppeldeutig, ironisch oder erzählend. Der Sinn ergibt sich niemals nur aus den Worten allein, sondern aus dem konkreten Sprachgebrauch, dem konkreten Wortsinn etc. Nehmen wir als konkretes Beispiel die ersten Worte der Bibel, wo von Himmel und Erde die Rede ist. Was genau ist gemeint? Ist mit Himmel die Atmosphäre gemeint? Ist damit nur oben (und unten) gemeint? Ist damit der Ort gemeint, wo Gott wohnt? Auch der Begriff Erde kann im Hebräischen viele Dinge bedeuten: Land, Boden, Heimat, Erde (wie in Blumenerde), Welt. Wie ist zu übersetzen? Ist der Planet Erde gemeint? Hatte man damals überhaupt schon eine Vorstellung von einem Planeten Erde? Die Übersetzerin muss sich entscheiden. Eine Unmittelbarkeit zum Text ist nicht gegeben. Dafür ein Nachdenken über den Text.
  2. Geschichte: Zwischen den Texten der Bibel und uns liegen viele tausend Jahre. G.E. Lessing nannte das den „garstigen Graben der Geschichte“, der wie eine Mauer zwischen uns und den Texten steht. Wir lesen zwar Wörter, aber meinen sie noch dasselbe wie damals? Empfinden wir noch so? Erkennen wir die Poesie, die Doppeldeutigkeit, die Ironie?

Neben diesen beiden schlechten Nachrichten gibt es aber auch eine gute: Verstehen ist möglich. Es ist aber anstrengend. Man muss sich und sein Verständnis in Frage stellen. Man muss immer wieder von Neuem beginnen. Es gibt keinen Umweg um das Studieren und graben und forschen.

Und dann gibt es doch immer wieder Momente der Unmittelbarkeit, wenn wir nämlich beim Lesen oder Hören der Bibel einmal mehr von Gott selber ergriffen werden, er zu uns spricht, uns anfüllt, uns Aha-Erlebnisse gibt. Dass es kein „plain reading“ gibt macht also gar nichts, denn es gibt Gott, der zu uns sprechen will. Und dazu benutzt er auch die alten Texte der Bibel, immer wieder. Also niemals aufgeben.

Euer Dennis

Adventistischer Führungskongress 2015

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Gestern ging es schon um sechs Uhr morgens zusammen im Kleinbus 600km gen Süden zum dritten adventistischen Führungskongress in Schwäbisch-Gmünd. Das Tagungszentrum Haus Schönblick hat den Vorteil, für einen Kongress dieser Größe (300-500 geschätzte Teilnehmer) sowohl Tagungsräume als auch Unterbringung an einem Ort zu bieten.

Ich bin das zweite mal dabei und schon am zweiten Tag begeistert. Workshops, Musik, Anspiele und Referate beeindrucken und bringen weiter. Es begeistert mich einmal mehr, wie viele Ehrenamtliche Urlaub nehmen und hier bei der Musik mitmachen oder als TeilnehmerInnen in ihren Führungskompetenzen wachsen wollen.

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Foto: DM

Ein Gedanke von heute hat mich tief berührt. Er war aus dem Anspiel der Theatergruppe, die hier über sich selbst hinauswächst. Da unterhält sich Jesus, der eine Gemeinde überraschend besucht, mit einer (anscheinend) alleinerziehenden Mutter, die gestresst die Gemeinde putzt, nachher noch zur Tafel muss und dabei ihre Kinder um sich hat, weil sie keinen Babysitter finden konnte.

Jesus fragt sie, warum sie nicht beim Leitungskongress dabei sei und sie antwortet: weil ich keine Leiterin bin, ich habe kein Leitungsamt, ich bin keine Führungspersönlichkeit. Jesus, ja der sei ja der beste Leiter gewesen, denn er habe Menschen essen gegeben, sie geheilt und ihnen vom Reich Gottes erzählt. Jesus sagt zu dieser Frau: aber das machst du doch auch alles. Leiter sind Diener und du dienst. Also bist du eine Leiterin.

Wahrscheinlich hat mich die Szene deshalb berührt, weil sie gut dargebracht wurde. Und weil ich mich ein wenig geschämt habe. Als ich gestern aufgefordert wurde, meine Beweggründe für die Teilnahme an diesem Kongress in mein Tagungsheft zu notieren, schrieb ich: ich bin hier, weil ich als Leiter einen Führungskongress unterstützen will. Heute schon schäme ich mich für diese Worte. Anderen wie z.B. meiner Familie habe ich dasselbe gesagt: ich muss dahin, weil ich ja auch Leiter bin. Ich habe nicht gesagt: weil ich ein besserer Leiter werden will, oder: weil ich lernen will, wie ich besser auf mich achte oder: weil ich der Sache Gottes damit besser dienen kann. Ich habe immer so getan, als ob ich dahin muss, nicht, dass ich will und schon gar nicht, dass ich besser sollte.

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Das Anspielteam bei der Arbeit (Foto: DM)

Seit heute morgen denke ich: viel mehr Gemeindeglieder sollten sich als LeiterInnen sehen und bei so einem Kongress mit dabei sein. Warum? Ganz einfach: um besser zu werden im Dienst. Um besser für sich und andere zu sorgen. Um glücklicher den Dienst in den Gemeinden zu verrichten. Wir sind alle berufen, jeder auf seine Art und Weise. Und es gibt so viele Angebote, zu wachsen. Mal sehen, was ich noch alles lernen werde …