Archiv für den Monat: Januar 2015

Späne von der theologischen Hobelbank: Was ist biblisch?

© CEphoto, Uwe Aranas / via Wikimedia Commons

© CEphoto, Uwe Aranas / via Wikimedia Commons

Ich erinnere mich noch genau. Wir sassen mit Pastoren verschiedener Konfessionen aus dem Stadtteil bei einem Gebetsfrühstück zusammen. Jemand stellte mir die Frage: “wie seht ihr Adventisten das mit der Hölle?”

Alle schauten in meine Richtung und nach einer langen, dramaturgischen Pause, sagte ich: “wir sehen das eher … biblisch.” Da sie mich kannten, waren sie zumindest ein paar Sekunden verunsichert, bevor wir alle zu lachen begannen. Warum? Sie waren alle engagierte Christen. Sie fanden auch, dass ihre Art, das Thema zu sehen, biblisch ist. Und sie begriffen meinen kleinen selbstironischen Seitenhieb.

Seitdem bin ich mit den Adjektiven biblisch und bibeltreu etwas vorsichtig. Jemand, der sagt, er sei ein bibeltreuer Christ, der will sich zunächst einmal selbst recht geben, sich den Orden der Rechtgläubigkeit mit einem schnellen Adjektiv selber anheften.

Dabei ist mir, wie vielen anderen, ganz viel daran gelegen, dass das, was ich lehre, schreibe und predige, biblisch ist. Gemeint ist ja, wenn wir das positiv betrachten: es so begriffen und wiederholt zu haben, wie die Bibel es meint. Das Problem ist: es gibt keine Unmittelbarkeit zwischen mir und dem Text der Bibel. Auch da gibt es den “garstigen, breiten Graben”, mit dem weiland G.E. Lessing die Geschichte meinte (und nicht die Bibel). Ich kann nur so treu und präzise wie möglich das wiedergeben, was ich für das Biblische halte. Es wäre aber vermessen, wenn ich nicht die Demut besässe, mir einzugestehen, dass ich auch daneben liegen kann.

Ein kleines Beispiel dafür: im letzten Jahr sass ich einmal in einer Bibelgesprächsgruppe, in der eine Teilnehmerin behauptete, dass Auslegung und Interpretation nicht nötig seien, denn die Bibel sage es deutlich genug und unmissverständlich. Da alle zustimmten, traute ich mich  nur zögerlich, zarten Widerspruch einzulegen und bemerkte, dass jedes Verstehen Interpretation ist. Als Beispiel führte die Schwester an, dass man das “du sollst nicht lügen” der Zehn Gebote nicht interpretieren, sondern nur befolgen müsse. Ich hielt mich zurück, denn man soll ja niemanden vorführen. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass da nicht “du sollst nicht lügen” steht, sondern dass das bereits ihre Auslegung des Textes ist. Ich hätte ihr sagen können, dass es heißt: “du sollt nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.” Gemeint ist die Zeugenaussage vor Gericht. Nun finde ich es aber ebenso wie sie angemessen, den Text auch auf das Reden der Wahrheit und das Verbot der Lüge anzuwenden. Aber: es ist eine Auslegung.

Warum mache ich mir Gedanken über diese Adjektive, biblisch/bibeltreu? Nun, zunächst, weil ich auch gerne biblisch und bibeltreu reden und sein möchte. Zweitens, weil ich es nicht mag, wenn wir das als Etikett an irgendeine Meinung heften, weil WIR meinen, dass es die richtige ist. Drittens, weil Demut vor allem bei der Theologie die Königstugend ist und viertens, weil ich als Pastor mit Sprache arbeite und mir wichtig ist, festzustellen, dass wir trotz aller Liebe zu den Worten biblisch und bibeltreu oftmals Worthülsen verwenden. Und schließlich, fünftens: weil ich mir wünsche, dass Leute einfach sagen, was sie denken und wie sie die Bibel verstehen und wir darüber in einen ehrlichen Dialog treten. Zum Beispiel im Bibelgespräch, das ich so liebe.

Einen schönen Sabbat euch allen!

P.S.: “Späne von der theologischen Hobelbank” ist ein Titel, den ich von dem Theologen Martin Kähler “geborgt” habe. Ich mag das Handwerkliche und Demütige an diesem Bild.

P.P.S.: Ein aktuelles Beispiel aus den eigenen Reihen dafür, dass jeder meint, er habe die “biblische” Lehre ist unsere Diskussion um die Ordination von Frauen auf Weltebene. Völlig gegenläufige Meinungen zu diesem Thema trafen in dem Studienausschuss der Generalkonferenz (TOSC) aufeinander, die alle zutiefst davon überzeugt sind, dass ihre Auslegung biblisch ist. Zu einem Ergebnis sind sie nicht gekommen.

Geistliches Blogbuch: Leistungshüten

Kein Stress erkennbar: Leistungshüten

Kein Stress erkennbar: Leistungshüten

Eine der Errungenschaften 2014 war, dass ich es tatsächlich geschafft habe, während der Heideblüte eine Wanderung in der Lüneburger Heide zu unternehmen. Das war am 24. August. Gegen Ende stießen wir auf ein Event der besonderen Art: das Niedersächsische Leistungshüten. Schäfer im Wettbewerb gegeneinander. Action wäre nicht das richtige Stichwort für diesen Wettkampf. Auf einem großen Areal muss der Schäfer mit seinen zwei Hunden eine Herde von A nach B bringen. Dazwischen: die verschiedenen Herausforderungen des Hütens: enge Passagen (enges Gehüt, Aufgabe: die Tiere zielstrebig durchführen und am Fressen hindern), weiter Raum (weites Gehüt, Aufgabe: die Tiere möglichst regelmäßig auf die Fressfläche verteilen), dazwischen eine Brücke (Aufgabe: die Schafe kommen lebend auf der anderen Seite an). Am Ende dann doch nochmal große Action: ein vorbeifahrendes Fahrzeug darf die Tiere nicht unruhig werden lassen.

Spannend ist natürlich die Interaktion von Hirte und Hunden, denn besonders interessant ist es, die Hirtenhunde bei der Arbeit zu sehen. Hier gilt, entgegen meiner ersten Annahme: je weniger der Hirte dem Hund Befehle geben muss, umso mehr Punkte erreicht er. Gewonnen hat für den Zuschauer wohl derjenige, bei dem — von außen betrachtet — am wenigstens passiert. Außer eben, dass die Herde sicher und satt von A nach B gekommen ist.

Schäfer beim Hütewettbewerb beobachten die Konkurrenz

Schäfer beim Hütewettbewerb beobachten die Konkurrenz

Wer — wie ich — Pastor ist, der trägt in seiner Berufsbezeichnung den Hirtenberuf (pastor = Hirte). Klar, dass sich hier Vergleiche nahelegen und man könnte trefflich so manches Aha-Erlebnis vom Zaunesrand metaphorisch ausschlachten. Aber ich denke zuerst an Jesus, meinen Hirten. Das Bild ist so überdauernd und überkulturell, dass es mich immer wieder erstaunt. Neulich gab ich einer Person, die die Bibel überhaupt nicht kennt und kaum Hintergrund im christlichen Glauben hat, in einer Bibelstunde die Aufgabe, die Psalmen zu lesen (nicht alle, aber so’n büsch’n kreuz und quer). Und was war die Rückmeldung? Psalm 23 hat mir am besten gefallen! Meine Frage: kanntest du den vorher schon? Antwort: nein, nie von gehört. Irgendwas schwingt mit, wenn wir hören, dass Gott unser Hirte ist. Obwohl wir alle Autonomiefreaks sind und selber unser Leben “hüten” wollen, tut es uns gut, zu wissen, dass da ein Hirte ist, der uns beschützt, uns führt, uns versorgt.

Und ich mit meinem Hirtenberuf? Im Rückblick auf die Szene in der Lüneburger Heide ist der Schäfer/die Schäferin natürlich die Überfigur. So fühle ich mich nicht. Ich konnte mich ganz gut mit einem von den Hunden identifizieren. Immer hin- und herhecheln, manchen in die Wade kneifen, damit sie sich bewegen, andere am Wegrennen hindern oder dafür sorgen, dass sie über die Brücke gehen und nicht in den (imaginären) Bach stürzen. Und ständig am Wetzen von vorne nach hinten.

Bilder sollen man nun nicht überfordern oder überreizen. Wichtig ist die innere Gewissheit: ob ich grasendes Schäfchen bin oder hechelnder Hund oder überhaupt keine Tiervergleiche mag: Jesus ist der, der auch in diesem Jahr die Richtung angibt und auf den ich vertraue, dass es gut werden wird und ich genug von dem habe, was ich zum Leben brauche. Diese Sorglosigkeit, zu der die Bibel uns immer wieder ermahnt, ist aber nicht Selbstzweck, sondern wirkt weiter auf meine Mitmenschen. Ich brauche mich nicht um mich selber zu sorgen: also kann ich Sorge für andere tragen.

Euer Dennis

Willkommen!

Herzlich willkommen zum ersten Blog-Eintrag. Mit diesem Blog will ich versuchen, denen, die es interessiert, Anteil an mir und meiner Arbeit, meinen Gedanken über die Gemeinde, den Glauben und das Leben, zu ermöglichen. Seit ich Vorsteher bin, suche ich nach Möglichkeiten der Multiplikation. Nicht nur von mir selber, sondern von all den guten Dingen, die in den Gemeinden und von meinen Kollegen durchgeführt werden. Leiten bedeutet Einfluss zu nehmen und zu prägen. Es bedeutet, klar zu kommunizieren, wohin man möchte und was man sich vorstellt. Dieser Blog ist ein Versuch, diese Aufgabe anzugehen.

Ziel ist es aber auch, den Menschen hinter dieser Aufgabe hervortreten zu lassen, also “den Meier”. Die Ideale sind das eine: klare Kommunikation, eine leidenschaftliche Vision, gute Leiterschaft und all die schönen Kombinationen von Adjektiven und Substantiven, die sich gut anhören. Dann ist da aber auch die Realität, der Mensch Dennis Meier, der Angesichts von Problemen nicht gleich die Lösung hat, der Fehler macht, der auch mal hilflos und ratlos ist oder einfach neugierig und suchend. Wenn es in unserem Glauben um Menschen geht, brauchen wir mehr Platz für das Menschliche. Das kann nur bei mir selber anfangen und beinhaltet, dass ich auch über meine Fragezeichen rede und vielleicht sogar über das Scheitern und das Dazulernen. Das in der Öffentlichkeit zu tun ist das eigentliche Risiko eines Blogs, denn er wird vielleicht auch von denen gelesen, die auf der Suche nach eben diesen Fehlern sind.  Ich will das Risiko eingehen und zähle in der Summe auf mehr Wohlwollen als Misstrauen.

Euch allen wünsche ich ein gesegnetes Jahr 2015, das voll sein soll von Lachen und von Lieben, von Entschlossenheit und Glaubenserfahrungen, von wunderschön melancholischen Augenblicken und Explosionen der Ehrlichkeit. Das schönste wäre, wenn wir am Ende dieses Jahres sagen können: 2015 hat mich/uns weitergebracht. Es war ein Jahr des Wachstums in jeder Hinsicht.

Euer Dennis