Archiv für den Monat: März 2015

Tarnkappe

Ein kleines geistliches Wort zum Wochenende.

Heute morgen war ich wieder joggen um die Alster. Auf einmal sah ich Oliver. Er kam mir entgegen. Ich habe ihn letztes Jahr getraut. Er sah mich nicht. Ich unterließ es, ihn aus dem Rhythmus zu bringen. Regelmässig sehe ich Doris, auch eine Bekannte und fleißige Alster-Läuferin. Auch sie sieht mich nicht, wenn ich an ihr vorüberlaufe. Überhaupt habe ich festgestellt, dass mir das ständig passiert und zwar immer dann, wenn ich eine Kopfbedeckung trage. Ich nenne das mittlerweile den Tarnkappeneffekt. Dutzende Male ist es mir passiert, dass ich Gemeindeglieder oder Freunde auf der Strasse sehe und sie erkennen mich nicht, weil ich eine Mütze trage. Es mag daran liegen, dass man mich nur noch von hinten erkennt, wegen meiner Haartracht. Oder dass ich nach dem Aufsetzen einer Kopfbedeckung nur noch ein Allerweltsgesicht habe. Manchmal ist mir das auch ganz recht, nicht erkannt zu werden, ungestört meine Wege gehen zu können. Wer könnte das nicht verstehen?

Menschen haben schon immer von einer Tarnkappe geträumt, die sie unsichtbar macht. Im Nibelungenlied erringt der kühne Siegfried so eine von dem Zwerg Alberich (der Name ist für Tatort-Münster-Fans unter Umständen ein Aha-Erlebnis). Dort ist es noch keine Kopfbedeckung, sondern ein Cape, ein Umhang (daher: Kappe). Als Kind habe ich mir vorgestellt, wie cool so etwas sein muss. Meine Vorstellungskraft für den Verwendungszweck solch einer Kappe war noch naiv: ich malte mir aus, damit an der Kasse vorbei in den Kinosaal gehen zu können. Eine eher lässliche Sünde und ein herrlich pazifistischer Verwendungszweck. Menschen mit größeren Allmachtsfantasien denken eher an die militärische Nutzung (Stichwort Tarnkappenflugzeug) und die Typen von der NSA gähnen gelangweilt bei dem Thema.

Das Bibelwort, das mir spontan zu dem Gedanken der Tarnkappe einfiel, war der Satz von Paulus aus 1. Kor 13: “Jetzt erkenne ich stückweise. Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin”. Gut, da geht es nicht um die Tarnkappe. Da geht es um einen Spiegel, durch den Paulus die göttliche Dimension nur verschwommen wahrnehmen kann. Die Spiegel damals waren nachweislich noch entwicklungsbedürftig (dafür hatten die Leute weniger Essstörungen).

So ist auf der einen Seite unsere Sehnsucht, mal wie ein Mäuschen unerkannt unter der Tarnkappe durch die Welt zu spazieren und Dinge zu erkennen, zu sehen, die uns sonst vorenthalten sind. Der UFO-Adept würde gerne die Area 51 betreten, der Verschwörungstheorienjunkie eine Freimaurerloge oder den Vatikan, der HSV-Fan die Halbzeitpredigt des Trainers in der Kabine usw.

Auf der anderen Seite macht uns vielleicht der Gedanke Angst, dass Gott uns IMMER und ÜBERALL sieht (will ich das?) oder wir haben das Bedürfnis, uns zumindest vorübergehend allen Anforderungen und Ansprüchen zu entziehen, uns vor allen Pflichten wegzutarnen. Einmal mit der Tarnkappe nur wir selber sein, unbeobachtet, geschützt (daher ist es wohl usprünglich ein Umhang). Schutz ist also das zweite Stichwort.

Der Text verspricht uns, dass wir erkennen werden (1. Aspekt), so wie wir erkannt sind (2. Aspekt), und zwar jenseits unserer Ängste. Paulus träumt den Moment herbei, wo er und Gott sich gegenüberstehen und begegnen. Erkennen heißt hier nicht Wissen, sondern bejaht werden, angenommen sein. Und zwar sichtbar. Und das macht Gott. So hat Jesus gelebt: die Menschen bejaht. Teilweise hatte Jesus Hintergrundinformationen über Menschen, die fast erkennungsdienstlichen Charakter hatten, aber sie haben den Leuten keine Angst gemacht. Sie waren schon längst erkannt, gewollt und fühlten sich geborgen. Sie fühlten sich geschützt, nicht ausgeliefert.

Ich wünsche Dir, dass du Gott, Glaube, Gemeinde und Beziehungen so erlebst, dass diese Geborgenheit eintritt, ohne dass es einer Tarnkappe bedarf. Was müsste passieren, dass das möglich ist?

Einen schönen Sabbat wünscht

Dennis

Selfie mit Mütze auf dem Deich! Foto: Dennis Meier

Selfie mit Mütze auf dem Deich! Foto: Dennis Meier