Archiv für den Monat: April 2015

Osterkonfusion

1-DSC_0017-002

Egal, was man an Ostern versteckt, es sollte nicht die Botschaft vom Kreuz und leeren Grab sein. Foto: DM

Als ich Freitag letzter Woche, dem Karfreitag, mir die Zeit nehmen wollte, mich auf das Bibelgespräch am nächsten Tag vorzubereiten, ging es mir sicherlich wie manch einem anderen von Euch. Mit einem an Empörung grenzenden Erstaunen sah ich mich eingeladen, für das Gruppengespräch am Karsamstag die Geburtsgeschichte Jesu aus Lukas 1 und 2 vorzubereiten. Als Theologe kenne ich natürlich alle Tricks einer kunstvollen Brücke, um von jedem erdenklichen Thema auf jedes gewünschte zu gelangen. Von daher ließe sich trefflich eine innere Verbindung zwischen Weihnachten und Ostern aufzeigen. Aber ich war dann doch einfach nur trotzig, klappte zu und dachte: nicht mit mir!

Wahrscheinlich lag es daran, dass ich schon in der Woche vorher die Gemeinde, in der ich eingeteilt war, gefragt hatte, welche österlichen Dinge vorbereitet seien, um dafür die rechte Predigt zu erarbeiten. Die diplomatische Antwort war, dass man sich auf mich und meine Verkündigung freue. Das tat mir natürlich gut, aber es hieß eben auch: nichts, wenn DU nichts dazu machst.

Am Osterwochenende habe ich dann über unser adventistisches Verhältnis zu Ostern nachgedacht und auch ein wenig geforscht. Ich würde es, auf ein Wort gebracht, als “Hassliebe” bezeichnen.

Da sind zum Beispiel unsere Traditionen. Ich bin in einer Adventistenfamilie gross geworden, umgeben von Pastoren. Da hörte ich immer, dass so ziemlich alles, was kirchlich daherkommt, heidnische Wurzeln habe; und wenn nicht das, dann zumindest katholische (der Unterschied schien mir nur marginal zu sein). Das führte zu der im Rückblick sicherlich als skurril zu bezeichnenden Situation, dass ich erst sehr spät gelernt habe, dass für Christen Ostern ein Nachleben und Nachdenken des letzten Weges Christi ist, aber gleichzeitig damit groß wurde, dass Ostern für meine Oma (eine Pastorenfrau) bedeutete, dass die lieben Kinderchen im Garten Ostereier suchen und ihnen Osterhasengeschichten vorgelesen wurden (nicht Passionsgeschichten oder Bibeltexte).

Schaut man in die adventistischen Publikationen, also mit einem theologischen Interesse, dann bekommt man nur die kurze Antwort (z.B. hier): es gebe in der Heiligen Schrift für uns nur eine heilige Zeit und das sei der Sabbat. Da aber alle Welt Weihnachten und Ostern feiere, sei das eine gute Gelegenheit, die zentrale christliche Botschaft zu verkündigen. Genau darin zeigt sich das gespaltene Verhältnis: verkündigen, ohne beim Feiern erwischt zu werden! Das ist gar nicht so leicht.

Nun gibt es, was das Osterfest angeht, nicht einmal im Christentum eine Einigung über das Datum. Die Westkirche feierte letztes Wochenende, die Ostkirchen (dem julianischen Kalender folgend) haben es am nächsten Wochenende noch vor sich. Als ich heute morgen bei einer überkonfessionellen Veranstaltung war, fand ich es berührend, als der syrisch-orthodoxe Geistliche uns allen Süßigkeiten mitbrachte, obschon seine Fastenzeit noch nicht zu Ende war und auch der Katholik zog irgendwo aus seiner Soutane ein paar Schokoladeneier und verteilte sie allen, bevor wir in ein gemeinsames Hallelujah einstimmten.

Um nicht missverstanden zu werden: mir geht es nicht um ein ökumenisches Plädoyer für das Osterfest oder um einen Theologenstreit darum, welche Feste verbindlich zu feiern sind (als müsse immer alles irgendwie verbindlich sein). Ich habe nur diese Frage: ist die Woche die einzige adventistische Zeiteinheit, die wir haben? Gleicht unsere liturgische Landschaft eher der norddeutschen Tiefebene mit regelmässigen (Betonung auf “mässig”) Erhöhungen oder gibt es auch Gebirge? De iure (also nach der Theologie) haben wir kein Kirchenjahr, keinen offiziellen Zyklus und wollen es auch nicht. De facto (also in Wirklichkeit) haben wir es schon, denn als Pastor einer großen Gemeinde habe ich beim Erstellen des Jahresplanes schnell gelernt, dass der Jahresabschlussgottesdienst (auch das Datum des Beginns des  Jahres ist heidnischen Ursprungs) und ein Frühlingsfest oder Sommerfest und der Muttertag und das Erntedankfest fest im Kalender verankert sind. Zu Christus haben diese Feste keinen direkten Bezug. Dem zentralen Artikel unseres Glaubens, dass nämlich Christus für uns gestorben und auferstanden ist, ist kein Fest gewidmet. Wir können natürlich sagen, dass wir das jeden Sabbat feiern, aber das wäre so ehrlich wie jede Woche Geburtstag feiern.

Christus ist für mich gestorben und auferstanden. Darüber intensiv nachzudenken, die darüber komponierten Musiken zu hören, die gemeinschaftliche Stille zu genießen, mir sein Leiden und Sterben zu Herzen gehen zu lassen und als Gemeinde die Freude der Auferstehung ausgiebig zu feiern: das würde ich gerne, und zwar ohne erst zu schauen, wo es das gibt, weil es nicht bei uns ist. Und vielleicht bekomme ich dann beim nächsten Mal, wenn ich am Ostersonntagmorgen fröhlich ein “Christus ist auferstanden” in das Telefon hineinrufe, eine bessere Antwort als das diesjährige: “Wer bitte ist da?”

Frohe Ostern

Euer Dennis

P.S: Erstens: Ich weiss, dass es in vielen Gemeinden auch andere Beispiele gibt. Zweitens: Seht dies bitte als Einladung zu einer Diskussion über dieses Thema.