Archiv für den Monat: Mai 2015

Pfingsten: es geht um Gott

Zwei Begriffe gehören zusammen, die wir heute innerlich zu trennen versucht sind: Kirche* und Heiliger Geist. So wird das Pfingstfest manchmal auch als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Wir erinnern uns an die Geschichte einer Gemeinde, die erst noch eine werden sollte. Im Obergemach, wie der Text sagt, warteten sie und beteten. 10 Tage. Dann begann das Brausen vom Himmel und der Heilige Geist wurde ausgeschüttet.

Zwei Gedanken sind mir für Pfingsten wichtig:

1. Es geht um Gott. Wenn wir Heiliger Geist sagen, dann meinen wir natürlich Gott. Gott gibt sich der Gemeinde. Er füllt seine Nachfolgerinnen und Nachfolger an. Mit sich selber. Es geht nicht um Streitereien um irgendwelche Manifestationen, Wunder, übernatürliche Kräfte oder charismatische Geistesgaben. Nicht darum, ob der Heilige Geist Kraft oder Person ist. Auch um Mission geht es erst in der Folge. An Pfingsten geht es um Gott. An Ostern gab sich Gott im Sohn den Menschen, an Pfingsten im Geist. Es ist ein und derselbe Vorgang: Das Kommen Gottes zu den Menschen, der Advent. Bei allem Reden von und über Kirche, ihren Auftrag, ihre Menschen und Lehre dürfen wir eben nicht vergessen, dass es in erster Linie um Gott geht. Hier offenbart er sich als kommender, bereichernder, ermutigender und inspirierender Geber aller Gaben, die menschliches Miteinander lebenswert und ansteckend machen und Grenzen überwinden. Pfingsten feiern heißt Gott zu feiern.

2. Pfingsten ist geschehen: Wenn ich nun oben gesagt habe, dass es an Pfingsten um Gott geht, so muss ich präzisieren: nicht AN Pfingsten, sondern SEIT Pfingsten. Bei allem berechtigten Beten um den Heiligen Geist und seine Gaben, um Reformation und Erneuerung, ja um Spätregen, gilt nach wie vor: der Heilige Geist IST ausgeschüttet. Gott ist mitten unter uns, in unseren Gemeinden, in unserem, in meinem Leben. In Krisen und Niedergeschlagenheit hilft es mir, mich an das zu erinnern, was gegeben ist. Selbst wenn ich Gott nicht fühle, habe ich immer noch das Wort, die Zusage. Nur WEIL der Heilige Geist ausgeschüttet wurde, kann ich jetzt wieder darum bitten, ihn zu empfangen. Da er aber sowieso freizügig ausgegeben worden ist (für die Gemeinde damals, für den Gläubigen/die Gläubige in der Taufe), liegt es eher an mir, dass ich mich ihm öffne und mit ihm rechne. Im Beten um den Heiligen Geist geht es somit mehr um meine Veränderung als dass ich Gott um etwas bäte, das er mir sonst vorenthält.

Diese beiden Punkte mögen sich vielleicht theoretisch oder theologisch anhören. Wie übersetze ich sie ins Leben? Hier sind meine Tipps für Pfingsten:

  • Solltest du an Pfingsten in eine Gemeinde gehen, so mache folgende Übung (egal, ob es Deine oder eine Gastgemeinde ist): schau dich um, nimm alle Personen bewusst wahr, die anwesend sind und mache dir klar: Gott hat dir eine Gemeinschaft geschenkt. Du bist nicht allein. Sie mögen schräg oder krass oder liebenswürdig sein, aber es ist deine Familie.
  • Wenn ihr eine Gemeinde oder Gruppe seid, die sich klein und schwach und entmutigt fühlt, dann erinnert euch an Apostelgeschichte, Kapitel 2: das ist EURE Geschichte, nicht nur ihre von damals. Der gleiche Gott ist mit seinem Geist da. Erzählt euch, wo ihr das erlebt.
  • Fasse einen persönlichen Entschluss, dem Heiligen Geist nicht im Wege zu stehen, für ihn offen zu sein. Manche Menschen öffnen beim Beten die Hände, um zu signalisieren: ich halte nichts fest und bin bereit zum Empfangen. Ich will Veränderung in meinem Leben!
  • Hast du gerade eine schwierige Phase, Enttäuschung oder Krise: lies das Pfingstkapitel (Apg. 2) als DEINE Geschichte. Dort steht, dass die Gemeinde betete (Apg. 1,14), alles andere bewirkte Gott.
  • Wenn du weisst, dass in irgendeinem Bereich deines Lebens ein Neuanfang dran ist, dann beginne an Pfingsten damit. Sage es Gott und einem Menschen deines Vertrauens.

Dass Gott sich an Pfingsten selbst in die Gemeine “gießt”, ist nun gerade deshalb nicht einfach ein netter Gedanke oder Theorie, weil er ganz praktische Gaben gibt, die Gaben des Geistes (charismata). Dazu ein schönes (wenn auch sprachlich dichtes) Zitat zum Abschluss: Die Charismata sind keineswegs nur in den “besonderen Diensten” der versammelten Gemeinde zu sehen. Jedes Glied der messianischen Gemeinde ist ein Charismatiker … Die Berufung zur Christusgemeinschaft und die Gabe des Heiligen Geistes machen Knechtschaft und Freiheit, Ehe und Ehelosigkeit, Mannsein und Frausein, jüdische und heidnische Existenz zum Charisma. Denn die Berufung stellt die jeweils besondere Situation eines Menschen in den Dienst der neuen Schöpfung. Der Geist macht die ganze biologische, kulturelle und religiöse Lebensgeschichte eines Menschen charismatisch** lebendig: “Jeder, wie ihm der Herr zuteilte” – “jeder, wie ihn der Herr berief” (1. Kor. 7,17.20.24). (J. Moltmann: Kirche in der Kraft des Geistes, 1975, S. 323).

Ich wünsche Euch allen die reiche Erfahrung des Heiligen Geistes!

Euer Dennis

Pfingsten: der Heilige Geist lüftet, ob es die Gemeinde oder das eigene Herz ist.  Foto: DWM

Pfingsten: der Heilige Geist lüftet, ob es die Gemeinde oder das eigene Herz ist. Foto: DWM

 

*Ich benutze das Wort Kirche im theologisch-biblischen Sinne, wohl wissend, dass für manche leider der Begriff Kirche zu einem Gegenbegriff für Gemeinde geworden ist, was weder sprachlich noch theologisch Sinn macht.

**Auch das Wort charismatisch wird in der Theologie immer als auf die Gnadengaben (charis=Gnadi; charisma=Gnadengabe) bezogen benutzt und nicht als konfessionelle (Selbst)bezeichnung oder gar als negatives Etikett.