Archiv für den Monat: Oktober 2015

Bewerberinnentag in Friedensau

IMG_5211

Engel waren es nun nicht, aber wer weiß? (Foto: DM)

Vorausplanung gehört zu den Tugenden guter Leitung. Das hat nun nichts mit Zukunftsschau zu tun. Es ist wie beim Autofahren: man sollte den Blick schon 500m vorausschweifen lassen, um einem eventuellen Verkehrshindernis frühzeitig auszuweichen. Was die Situation der Pastorinnen angeht (ich benutze in diesem Beitrag einmal durchgehend die weibliche Sprachform, die männliche ist selbstverständlich mitgedacht), so ist es bei der Größe unserer Freikirche nicht schwer, den Bedarf mit den Anmeldungen auf der Hochschule abzugleichen und zu sehen, dass wir in einigen Jahren einen Pastorinnenmangel haben werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, wenn die Vereinigungen sich wie heuer treffen (wie man im Süden sagt), dass das Ziehen und Zerren um die jungen Mitarbeiterinnen wieder beginnt. Da muss man nur die Zahlen deuten: sieben Vereinigungen und sechs Bewerberinnen.

Um weg vom Kuhhandel und in Richtung Fairness zu kommen, machen wir den Bewerberinnentag seit 2014 in einer Art Speeddating-Verfahren. Jedes Vereinigungsteam sitzt in einem Raum der Hochschule und verbringt 45min mit einer Bewerberin, die eine Anstellung sucht. Man lernt sich kennen, hat die Bewerbungsunterlagen vorliegen, vielleicht ist sogar der Ehepartner oder Freund mitgekommen, kurzum: ein Vorstellungsgespräch mit nettem kirchlichen Charakter. Die Bewerberinnen ziehen stündlich von Raum zu Raum, also von Vereinigung zu Vereinigung, überall gibt es Tee und Gebäck und wenn sie nicht aufpassen, fallen sie am Ende des Tages ins Kekskoma. Manche sind offensichtlich aufgeregt, andere sind locker (sie wollen eigentlich in eine andere Vereinigung), wieder andere hinterlassen den Eindruck, als säßen sie das erste Mal einem Vereinigungsteam gegenüber.

Auch der gestrige Bewerberinnentag war wieder spannend. Unterschiedliche Kandidatinnen mit unterschiedlichsten Hintergründen. Zwei aus Hansa waren dabei, die wir natürlich gut kennen. Zwei, die in Bogenhofen und Cernica (Rumänien) studiert haben – man beschnupperte sich neugierig ein erstes Mal. Ein Kandidat, der schon 2012 fertig wurde und erst noch in anderen Projekten unterwegs war. Zwei von sechs waren weibliche Bewerberinnen. Eine gute Quote, von der man sich wünscht, dass der Trend sich fortsetzt.

Der Gesamteindruck: Jede Pastorin ist so unterschiedlich wie auch jede Gemeinde. Die Vielfalt bestärkt. Das Verfahren, als gesamter Vorstand alle Kandidatinnen kennen zu lernen, überzeugt und professionalisiert die Personalplanung der Freikirche. Dadurch, dass alle Vereinigungen alle Kandidatinnen kennenlernen, werden Vorurteile und geographische Barrieren abgebaut. So schwindet auch das Bedürfnis nach Einteilung in Norddeutscher und Süddeutscher Verband. Allerdings wird sichtbar, dass die weiblichen Kandidatinnen zum Norddeutschen Verband tendieren, weil dieser schon 2012 deren Ordination beschlossen hat (was ja im Moment eine heiße Kartoffel ist).

Das zweite, was auffällt: die Hälfte der Bewerberinnen hat ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) innerhalb der Freikirche absolviert (1Year4Jesus oder der Vorgänger Jugend auf Achse). Offensichtlich ist die geistliche Erfahrung in diesen Teams prägend und intensiv.

Eine dritte und letzte Beobachtung: niemand geht ohne eine gewisse Sorge in die kirchliche Praxis: was werden die Erwartungen sein? Kann ich Dinge verändern? Für die weiblichen Kandidatinnen: wie werde ich als Frau akzeptiert werden? Oder: wie ist meine Rolle als Pastorenfrau? Man spürt fast allen Kandidatinnen die Unsicherheit ab, ob sie im System Adventgemeinde sie selber sein dürfen oder systemkonform Erwartungen erfüllen müssen. Auch das ist immer wieder Gesprächsgegenstand.

Dabei fühlt jede auf ihre Art die Berufung durch Gott und das macht diesen Beruf so einzigartig. Weshalb ich an dieser Stelle nochmal für alle Jugendlichen den Werbeblock einfügen möchte, darüber nachzudenken, Pastorin oder Pastor zu werden. Ich jedenfalls halte das immer noch für einen tollen Beruf, auch wenn ich mir dann im Himmel einen neuen suchen muss …

Späne von der theologischen Hobelbank: Plain Reading

Bibeln

Gäbe es ein “plain reading”, dann bräuchten wir keine unterschiedlichen Übersetzungen (Foto: DM)

Es ist wieder an der Zeit, auf theologischen Gedanken “herumzukauen”. Das nun seit vielen Jahren in aller Munde sich wiederholende Wort in der Theologie lautet Hermeneutik. Dabei geht es um Auslegung und Interpretation der Bibel. Genauer gesagt geht es um den Vorgang des Verstehens. So fragt Philippus den afrikanischen Kämmerer (Apg 8,30): “Verstehst du auch, was du liest?” Und bei der diesjährigen Generalkonferenz unserer Freikirche in San Antonio wurde nach den Meinungsverschiedenheiten um die Frauenordination der Ruf nach einer Hermeneutik laut. Beide Seiten hatten ja mächtig die Bibel bemüht und waren dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt.

In diesem Zusammenhang war immer wieder vom “plain reading” die Rede. Schon der Begriff ist eine hermeneutische Herausforderung, denn er lässt sich nur schwer übersetzen. Es meint den offensichtlichen Sinn, die einfachste Lesart oder einfach nur, den Text wörtlich/buchstäblich zu nehmen.

In zwei kurzen Durchgängen möchte ich darlegen, warum es ein “plain reading” gar nicht geben kann. Ein offensichtlicher Sinn nämlich suggeriert die Möglichkeit einer Unmittelbarkeit zum Text. Als wäre ein Verstehen ohne Interpretation, ohne Auslegung möglich und damit ein direkter Zugang zum Sinn des Textes herzustellen. Warum ist dem nicht so?

  1. Sprache: Text ist Sprache und die Bibel ist ein Text, der sogar in konkreten Sprachen vorliegt (hebräisch, aramäisch, griechisch). Nun ist Sprache immer komplex, vielschichtig, doppeldeutig, ironisch oder erzählend. Der Sinn ergibt sich niemals nur aus den Worten allein, sondern aus dem konkreten Sprachgebrauch, dem konkreten Wortsinn etc. Nehmen wir als konkretes Beispiel die ersten Worte der Bibel, wo von Himmel und Erde die Rede ist. Was genau ist gemeint? Ist mit Himmel die Atmosphäre gemeint? Ist damit nur oben (und unten) gemeint? Ist damit der Ort gemeint, wo Gott wohnt? Auch der Begriff Erde kann im Hebräischen viele Dinge bedeuten: Land, Boden, Heimat, Erde (wie in Blumenerde), Welt. Wie ist zu übersetzen? Ist der Planet Erde gemeint? Hatte man damals überhaupt schon eine Vorstellung von einem Planeten Erde? Die Übersetzerin muss sich entscheiden. Eine Unmittelbarkeit zum Text ist nicht gegeben. Dafür ein Nachdenken über den Text.
  2. Geschichte: Zwischen den Texten der Bibel und uns liegen viele tausend Jahre. G.E. Lessing nannte das den “garstigen Graben der Geschichte”, der wie eine Mauer zwischen uns und den Texten steht. Wir lesen zwar Wörter, aber meinen sie noch dasselbe wie damals? Empfinden wir noch so? Erkennen wir die Poesie, die Doppeldeutigkeit, die Ironie?

Neben diesen beiden schlechten Nachrichten gibt es aber auch eine gute: Verstehen ist möglich. Es ist aber anstrengend. Man muss sich und sein Verständnis in Frage stellen. Man muss immer wieder von Neuem beginnen. Es gibt keinen Umweg um das Studieren und graben und forschen.

Und dann gibt es doch immer wieder Momente der Unmittelbarkeit, wenn wir nämlich beim Lesen oder Hören der Bibel einmal mehr von Gott selber ergriffen werden, er zu uns spricht, uns anfüllt, uns Aha-Erlebnisse gibt. Dass es kein “plain reading” gibt macht also gar nichts, denn es gibt Gott, der zu uns sprechen will. Und dazu benutzt er auch die alten Texte der Bibel, immer wieder. Also niemals aufgeben.

Euer Dennis