Archiv für den Monat: November 2015

Gebetswoche 2015: Beten statt Arbeiten

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Puzzlen als Kreativübung bei der Gebetswoche. Thema: Zusammenarbeit. (Foto: DM)

Als geborener Adventist habe ich zugegeben eine ausgeprägte Hassliebe zur jährlich stattfindenden Gebetswoche. Ich sage das so ehrlich, weil sich darin die Summe der Erfahrungen mit dieser uralten adventistischen Institution widerspiegelt. All die Abende, die man als Kind besuchte und zu Tode gelangweilt wurde durch Lesungen, die man nicht verstand oder stotternd vorlesen musste. Die notorischen Endlosbeter, die immer das gleiche sagten, die drückende Stille, wenn nach Gebetsanliegen gefragt wurde. Die Spendenumschläge, die vor versammelter Gemeinde geöffnet und die Menge ihres Inhaltes kundgegeben wurde.

Ein Abend hat sich mir eingegraben. Ich ging zum Treffen um 18 Uhr. Leider war ich drei Minuten zu spät. Die Lesung war schon in vollem Gange. Alles wurde so wie immer gemacht. Erst wird alles gelesen, dann die Fragen dazu gestellt. Bei den Fragen meldete sich niemand (es waren ca. 15 Personen anwesend). Dann eben beten. Ich warf ein, ob wir nicht in kleineren Einheiten beten könnten, um es persönlicher zu machen (im stillen hoffte ich auch, es dadurch zu verkürzen). Antwort: das haben wir noch nie so gemacht. Also wieder 25 Minuten Marathonbeter durchgestanden. Um 19 Uhr dann Musik mit (nicht-christlichen) Freunden von mir. Einer der Freunde erklärt, dass seine Frau ihn gerade verlassen habe. Er weint. Wir reden über seine Situation, versuchen, Mut zu machen. Musik machen wir nicht. Ich gehe nach Haus und überlege, wo ich gerade echte Gemeinschaft/Gemeinde erlebt habe …

Und dann auf der anderen Seite die Freude als Kind, die Plastikdose mit den gesammelten Gebetsgaben nach vorne zu bringen. Später als Pastor dann die durchaus auch gelungenen Abende mit Gemeinden, die ganz besonders liebevoll gestalteten Treffen und die vielen Versuche, eine Tradition zu entkrusten und wirklich zu beten, echte Gemeinschaft zu haben.

Innerlich war ich immer hin- und hergerissen zwischen “das müssen wir abschaffen” und “das müssen wir gestalten.” Im letzten Jahr passierte dann noch etwas anderes. Dadurch, dass ich als Vorsteher keine Gemeinde mehr habe, mir der ich die Gebetswoche plane und auch sonst recht geschäftig bin, bekam ich erst mit, das Gebetswoche ist, als ich gefragt wurde, ob ich am Sabbat in der Predigt darauf eingehen würde. Irgendwie fehlte dann doch etwas.

Es ging den Mitarbeitern im Büro nicht viel anders. Also entschieden wir uns schon Anfang dieses Jahres, so gut wie möglich die Gebetswoche im November von Terminen frei zu halten. Wir wollten jeden Vormittag miteinander geistliche Zeit verbringen, die Lesung erarbeiten, Beten, kreative Elemente haben. Und genauso haben wir es letzte Woche gemacht. Es war eine wunderschöne Woche. Das Team ist zusammengewachsen, wir haben viele Dinge thematisiert, haben gebetet, gelesen, gelacht, gegessen. Unser Fazit: das machen wir nächstes Jahr wieder. Was zählt ist die Qualität des Miteinanders, nicht die Quantität der Gebete.