Archiv für den Monat: Januar 2016

Halbzeit

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Bei der letzten Pastorentagung wurde ich überrascht. Eigentlich ist es ja meine Aufgabe, Kollegen zu einem Dienstjubiläum zu beglückwünschen. Als mich dann alle anstarrten und der Sekretär mit einem Blumenstrauß und einer Urkunde plötzlich vor mir stand, musste ich kurz mal nachrechnen: 2015-1995=20. Zwanzig Jahre Pastor! Zwei Erinnerungen vermischen sich da: in der ersten sitze ich als junger Prediger in einer Pastorentagung und sehe, wie einem anderen Kollegen zum Dienstjubiläum gratuliert wird. Ich dachte damals: zwanzig Jahre ist noch eine Ewigkeit hin. Nun, es war eine kurze Ewigkeit. Die zweite Erinnerung (da war ich so bei 10): ein Kollege sitzt mit mir im Auto und sagt: ich hab jetzt 20 Jahre um und kann mir nicht so recht vorstellen, das bis zu meiner Rente weiter zu machen. Hat er auch nicht. Seitdem hatte ich ein wenig Bammel vor der 20!

Sowohl von meinem Lebens- als auch vom Dienstalter bin ich jetzt ungefähr bei Halbzeit (so mir denn noch eine zweite Hälfte vergönnt ist. Das Leben ist ja kein Fußballspiel). Was mich beim Gedanken daran überwältigt, ist das enorme Gefühl von Dankbarkeit und Segen, und zwar auf mehreren Gebieten, die alle nicht selbstverständlich sind:

  • Ich bin dankbar dafür, dass ich in der Adventgemeinde bin: unsere Freikirche ist ein guter Arbeitgeber. Klar gibt es Menschen, die mit unserer Freikirche schlechte Erfahrungen gemacht haben. Bei allem Gejammer über die Strukturen kann man sich in der Adventgemeinde aber als Pastor trefflich entfalten. Gabs mal Ärger mit der Vereinigung, stellte sich die Gemeinde vor mich. War es umgekehrt, wurde ich von der Vereinigung geschützt. Der Fall, dass es mit beiden gleichzeitig Probleme gab, blieb mir erspart. Als Ortspastor hat man erstaunliche Freiheiten. Zum Beispiel: wenn ich an meinem freien Tag sehe, dass das Wetter schlecht ist, na dann arbeite ich halt. Umgekehrt ist es auch möglich, mit ein bisschen Umplanung.
  • Ich bin dankbar für Hansa und seine Menschen: Ich habe hier in Hansa, innerhalb und außerhalb der Gemeinde so großartige Menschen kennenlernen dürfen, dass ich kaum glaube, das jemals in einem anderen Beruf so erlebt haben hätte zu können dürfen (Dankbarkeit und Grammatik funktioniert schon bei den Oscar-Verleihungen nicht …).
  • Ich bin dankbar dafür, dass ich mir nicht die Sinnfrage stellen muß (klingt blöd für einen Pastor, aber: s.o.). Die Vorstellung, das bis zu meiner Rente weiter zu machen, ist für mich immer noch Ziel, nicht Bedrohung. Warum mir das so geht und anderen nicht, kann ich nicht beantworten.
  • Ich bin dankbar für Wachstum: sowohl Menschen als auch Gemeinden verändern sich langsam. Aber allen Unkenrufen zum Trotz, dass alles schlechter wird (s. meinen Blog zu dem Thema “Der Mythos der guten alten Zeit”) kann ich im Rückblick sagen: Adventgemeinde hat sich positiv verändert. Und mir selber geht es nicht anders: meine Ansichten zu vielen Dingen haben sich entwickelt, sind gewachsen. Damit will ich nur sagen: wer um persönliches Wachstum betet, der darf auch damit rechnen, dass das Gebet erhört wird.
  • Ich bin dankbar für den inneren Zirkel: meine Frau, meine Kinder, meine Familie (beide Seiten). Alles Sechser im Lotto, wie wir zuhause sagen.

Das Problem an der Aufzählung von Segen ist, dass man gar nicht weiß, wann man aufhören soll. Also mache ich das prompt und effektiv jetzt.

Nun rollen die nächsten zwanzig Jahre auf mich zu und ich bin geneigt, ihnen mein (gut adventistisches) Lebensmotto zuzurufen: ICH BIN BEREIT!

 

Aber am dankbarsten bin ich Gott! Das musste noch gesagt werden.