Archiv für den Monat: Februar 2016

Der aufrechte Gang

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Von links: Werner Dullinger (Vorsteher SDV); Günter Brecht (scheidender Finanzvorstand NDV); Dieter Neef (neuer Finanzvorstand ab April 2016); Johannes Naether (Vorsteher NDV). Foto: Karl-Heinz Walter

Eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute: unsere Freikirche in Deutschland hat einen neuen Finanzvorstand gewählt. Finanzvorstand ist natürlich ein Wort mit einem gewaltigen Gähnfaktor, aber wenn man bedenkt, dass die treuen Adventisten im Jahr ca. 50 Millionen Euro spenden (Zehnten etc.), dann will man schon wissen, dass mit diesen Mitteln vernünftig und vorausschauend umgegangen wird.

Bei so einer Vakanz fängt man ja erst mal bei Null an und es beginnt das Ernennungsausschussspiel “Ich schreibe jetzt mal Namen an die Tafel, wenn ihr mir welche nennt.” Im Dezember gab es am Ende keinen eingekringelten Namen, auch wenn ein paar Personen durch plötzliche Anrufe erfolgreich erschreckt wurden. Umso skeptischer trat ich die Reise nach Darmstadt an, wo die zweite Runde eingeläutet wurde, vor mir wieder die Angst vor dem Mann mit dem Edding, der darauf wartet, dass ich Namen hineinrufe. Umso wohltuender die Erfahrung, die wir alle machen sollten. Statt “wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich ‘nen Arbeitskreis” durften wir erneut Zeugen der wichtigen geistlichen Lektion werden: “kriegst du Körbe noch und nöcher, hat Gott noch ‘nen Pfeil im Köcher”. Ob in meinem geistlichen Leben oder auf der Ebene der Freikirche in Deutschland: Gott hat schon eine Lösung, wenn wir noch suchen. Eine schöne Erfahrung, zumindest im Nachhinein.

Für Dieter Neef war unsere Not eine Gelegenheit. Er signalisierte Interesse und Bereitschaft. Bruder Neef hat jahrzehntelang für die Automobilindustrie gearbeitet, im In- und Ausland. Er ist eine ehrliche Haut, das merkt man gleich. Nun will er nicht mehr Autos, sondern Reich Gottes bauen. So einfach ist das. Er wird mit 100% der Stimmen gewählt. Solche Abstimmungsergebnisse mögen in Russland, wo er zuletzt ein Autowerk mit aufbaute, Gang und Gäbe sein, hier ist das eher ungewöhnlich.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass ich zwischendurch doch Adrenalin abbauen musste, was die Diskussion anging und die Fragen, die ihm gestellt wurden. Wegen des Untertons, der Zwischenkommentare, unseres zwischen den Zeilen sich doch immer wieder manifestierenden adventistischen (oder freikirchlichen?) Minderwertigkeitskomplexes, der wohl der Tatsache geschuldet scheint, dass es psychologisch nicht ganz einfach ist, zwischen Minderheit und Minderwertigkeit zu unterscheiden.  Natürlich ist es immer ein Wunder, wenn jemand sich für die Arbeit im Weinberg Gottes entscheidet, aber der Begriff Wunder war mir dann doch etwas zu inflationär im Sprachgebrauch jenes Tages. Das Wort Automobilindustrie scheint für den Deutschen eben einen unwillkürlichen Hoheitsreflex auszulösen, wie wenn der Engländer seiner Queen begegnet. Knicks und Buckel und unverhohlene Fassungslosigkeit, dass jemand aus dem “echten Leben”, der “echte Kohle” verdiente, sich herablässt, für unseren mickrigen Verein zu arbeiten (schlechte Bezahlung, ineffektive Strukturen, polarisierte Meinungen). So sehr sind wir unser Berufungssystem gewöhnt, bei dem Listen von oben nach unten abtelefoniert werden bis einer nicht absagt, der dann gewählt wird und mit apokalyptischem Duktus in der Stimme betont, wie schwer die Bürde ist und wie wenig er (oder sie) das wollte und dieser Canossagang jetzt als Wille Gottes anerkannt wird. “Ich kann Kanzler!” ist eben in unserem System ein “Unsatz”. Als Disclaimer: ich war ja schon selber an dieser Stelle und halte die Berufung nach wie vor für ein biblisches System. Darum soll es nicht gehen.

Aber den aufrechten Gang zu üben, das wäre schon wichtig. Ich denke, diese Kirche reisst etwas. Mit nur 36.000 Adventisten (Aktive und Passive in einem Topf) betreiben wir ein Krankenhaus, mehrere Schulen, Seniorenheime, einen Fernsehsender und und und (da haben wir noch nicht angefangen, von Hunderten von Ortsgemeinden und Pastoren und den 50 Mio zu reden). Und wenn auch hier und da jemand schlechte Erfahrung mit dem Arbeitgeber Freikirche gemacht hat, können wir doch mit Fug und Recht sagen: wir sind ein guter Arbeitgeber. Wenn ich höre, wie es in der “echten Arbeitswelt” zugeht, dann schätze ich die Freiheit, die individuelle Begleitung und die praktizierte Nächstenliebe als Angestellter doppelt. Von daher: mehr Selbstbewusstsein! Kirche ist Reich Gottes, ist sein Bau. Es ist eine hohe Berufung, es geht um das Evangelium.

Und dir, lieber Dieter, wünsche ich die besten Arbeitsjahre deines Lebens hier in unserer Freikirche. Wir bauen Reich Gottes und wenn ein Autobauer da mit neuen Kniffen um die Ecke kommt, wie man das noch besser machen kann: immer her damit. Gottes Segen!