Archiv für den Monat: März 2016

Tête-à-Ted

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Mehr als nur auf der Durchreise. Ted Wilson im Gespräch mit der deutschen Kirchenleitung. Foto: DM

Es gibt doch kaum etwas Lehrreicheres als an einem Ereignis teilgehabt zu haben, das von denen kommentiert wird, die nicht mit dabei waren. So jüngst geschehen bei einem Treffen von Bruder Ted Wilson mit den deutschen Vorstehern am 8. März (einem geschichtsträchtigen Datum, nicht nur weil es der Internationale Frauentag war – ups – sondern auch mein 36ster Tauftag), im Zentrum der Macht: Mörfelden bei Frankfurt, jenem “Maurerdorf” genannten Ort, dessen letztes Großereignis die Inbetriebnahme der Riedbahn im Jahre 1879 war.

Neben eigenen Berichten der Teilnehmer jenes Treffens ist das offizielle Zeitdokument ein Foto gutaussehender Männer, die auch deshalb so fröhlich lachen, weil die einzige Frau weit und breit, die attraktive Hotelangestellte Angelika K. (Name geändert) sich bereit erklärte, das Iphone 6S zu bedienen (nicht das Foto hier oben). Es war klar, dass diese Steilvorlage von humoraffinen Zeitgenossen und Berufszynikern dankbar angenommen wurde und es in “geschlossenen Facebookgruppen” (ein Oxymoron) zu heftigen Kommentierungen der unbekannten Inhalte kommen musste. Die Kommentare zu dem Treffen unter der Newsmeldung von spectrummagazine.org internationalisierten die Spekulation und so erfuhr ich viele Dinge, die mir wohl an dem Tag völlig entgangen waren. Obwohl: das mit den Männern hatte ich wohl bemerkt. Das konnte selbst mein Zopf nicht rausreißen.

Um der Sache den Anschein einer Bilderberg-Konferenz oder des Phoebuskartells zur geheimen Begrenzung der Lebensdauer von Glühbirnen zu nehmen, hier mein tendenziöser Augenzeugenbericht über das Tête-à-Ted.

Das eigentlich Besondere an jenem Treffen war seine allseits zugestandene Überfälligkeit. Im Nachgang besteht der Gewinn dieser Unterredung weniger in den besprochenen Inhalten als in der Tatsache des Stattfindens. Nicht, was verhandelt wurde, sondern dass man sich traf. In einem ersten Durchgang am Vormittag bekam jede Entität (wenn wir Adventisten von Entität reden, denken wir weniger an Kant und das Ding an sich, also den Grundbegriff aus der Lehre von der Ontologie, sondern meinen damit nüchtern eine Vereinigung oder einen Verband etc.) die Gelegenheit, sich in wenigen Minuten vorzustellen, und zwar unter den beiden Polen Herausforderungen und Positives. Schon hier sah man, dass Ted Wilson hielt, was er versprochen hatte: nämlich aufmerksam hinzuhören. So machte er sich fleißig Notizen, um ein Bild der Situation in Deutschland zu bekommen, unterbrochen von der einen oder anderen Kuchen(diagramm)pause.

Der Name Ted Wilson, und damit verrate ich kein Geheimnis, evoziert ja die unterschiedlichsten Reaktionen, meist Augenreaktionen. Der einen Augen fangen an zu leuchten, weil sich wie weiland der Glanz der reinen adventistischen Lehre wie der Tau des Hermon auf die postmodern geschundene und missionarisch erfolglose Seele legt; bei den anderen fangen die Augen unwillkürlich an zu rollen, dass einem blümerant wird. In so einer Situation ist ein von-Aug-zu-Aug ohne Licht- und Rolleffekte das Gebot der Stunde. Genauso wie das Gebot, dass man zunächst einmal den Menschen sieht. Wenn sich auch einige dieser Erkenntnis widersetzen werden, aber: Ted Wilson ist im Gespräch um den Tisch und im persönlichen Miteinander verbindlich, freundlich und tief geistlich. Es macht Freude, sich mit ihm zu unterhalten. Das gilt auch für kontroverse Themen.

So ist mein Fazit und das meiner Kollegen, dass hier etwas erreicht wurde, das aus Mangel an was-auch-immer überfällig war, nämlich ein gutes Gespräch unter Kollegen, gemeinsame Gebete, das ehrliche Ansprechen von Differenzen und die Versicherung, dass die Deutschen nicht den Anspruch erheben, der adventistische Nabel der Welt zu sein, nur weil vor 500 Jahren Martin Luther im Wittenberger Patentamt die Erfindung “Reformation” unter der Nummer AD1517/95 zum deutschen Staatseigentum machte. Jüngstgeschichtlich gesehen sind wir ja bekanntlich in einer recht begründeten Außenseiterposition, andern vorzugeben, wo denn der Hase langzulaufen habe. Trotzdem stoße ich regelmäßig auf an der Kirche leidende Individuen, die nicht begreifen können, dass die weltweite Adventgemeinde nicht auf ihren Kurs einschwenken will. Gemeinde ist eben auch, wenn ich trotzdem dazugehöre.

Gerne kann noch etwas zu den Inhalten gesagt werden, die am Nachmittag zur Sprache kamen:

  • Strukturreform, also die Frage nach einem deutschen Verband. Ted Wilson dazu: wenn man nur die Zahlen betrachtet, macht das Sinn. Aber eine Heirat sollte immer eine Liebesheirat sein. Die GK hat da ein bewährtes Prozedere der Prüfung. Diesen Weg wollen wir gemeinsam gehen.
  • Kommunikation: wie vermeiden wir, dass bei der GK das Bild vom deutschen Adventismus dadurch negativ geprägt wird, dass Einzelne oder auch Gruppen erfolgreich die hanebüchensten Gerüchte oder Halbwahrheiten in frommer Betroffenheit zur Leitung durchmelden (Mythen wie: Verteilverbot Großer Kampf; Maulkorb durch Ökumenemitarbeit; Predigtverbote etc.)? Wir vereinbarten direkte, offene und verstärkte Kommunikation, wenn Fragen zu klären sind. Wir wollen miteinander, nicht übereinander reden.
  • Regulationsdruck: Zu jedem Randgebiet ethischer Minderheitenphänomene scheint es ein Statement der Kirche geben zu müssen. Die Arbeitsrichtlinien (Working Policy) umfassen mittlerweile 1000 Seiten (!). Nicht mehr lange, dann sind sie dicker als die Bibel. Könnte man nicht einfach mehr einander und den Gemeinden vertrauen, auch wenn Einzelfragen regional unterschiedlich gehandhabt werden? Diese Arbeitsrichtlinien, so die Antwort, seien der Tatsache geschuldet, dass die GK Anfragen auch normativ beantworten müsse. Die Antwort “findet es selber heraus” scheint nicht zum Repertoire zu gehören, so mein Fazit. Das mag auf einen kulturell unterschiedlich verstandenen Bildungsauftrag zurückgehen.
  • Frauenordination: aus den Diskussionen über dieses Treffen könnte sich glatt der falsche Eindruck ergeben, es sei hier nur um die Gelegenheit gegangen, Ted Wilson darüber aufzuklären, dass und wie heftig wir gegen den Beschluss von San Antonio sind, so als übermittle man ihm damit eine neue und sensationelle Information, unter deren Druck er nicht anders könne als reuig die Beschlusslage der Weltsynode zurückzunehmen und zu sagen: “wenn ich das gewusst hätte” … Wenn die Ansichten unterschiedlich sind und der Beschluss protokolliert, hilft eben keine Betroffenheitsshow, sondern wieder nur das offene Gespräch und die Benennung des Konfliktes und der schmerzlichen Verwerfungen, die er an unserer Basis verursacht. In der Sache sind wir als deutsches Feld einig, aber im Umgang mit der Entscheidung von 2015 müssen wir erst noch kräftig miteinander reden, was die unterschiedliche Beschlusslage in den beiden deutschen Verbänden deutlich macht. So wurden in einer guten Stunde nochmal die Wünsche auf beiden Seiten höflich wiederholt und wir schritten zum Foto, das die Symptomatik dann doch besser ausdrückte als theologischer Schlagabtausch, Verweise auf kulturelle Unterschiede oder die Nadel auf dem globalen Kompass, die mittlerweile nach Süden zeigt.

Kurzum, bei aller Liebe zu blumigen Ausführungen und humorvollen Kommentaren, die ich zugebe, mit anderen zu teilen: eine überfällige und segensreiche Erfahrung, die einmal mehr deutlich macht, dass ein lustlos hingeworfenes “gut, dass wir mal drüber geredet haben” übersieht, dass es genau das ist, was meistens fehlt: sich respektvoll und trotzdem schwesterlich (um den Frauen wenigstens sprachlichen Raum zu geben, bei aller globalen Enge für sie) zu begegnen und genauso heftig in der Sache zu sein wie in der Liebe zueinander. Hätten wir mehr auf die Frauen gehört, hätten wir das früher gelernt. So werde ich weiter dafür kämpfen und beten, dass irgendwann einmal bei einem Treffen von Kirchenleitungen der Adventgemeinde Frauen mit im Bild sind.