Archiv für den Monat: September 2016

Adventistische Identität I

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Foto: DM

Der Ankündigung Taten folgen lassend, begebe ich mich in diesem Blogbeitrag wacker auf das Feld der heißen Kartoffeln. Das Stichwort heißt: adventistische Identität.

Als wir einst am Grindel ein Gemeindekonzept entwarfen, komplett mit Werten und Leitsätzen, da lautete tatsächlich (zum Erstaunen uneingeweihter Vorurteilsträger aus anderen Gemeinden) einer der Werte: adventistische Identität. Darunter fand sich (und findet sich noch immer) folgende Formulierung: Wir stehen als Gemeinde zu unserer Geschichte und unserer adventistischen Identität und begreifen uns als Lernende auf dem Weg des Glaubens.

Es währte nicht lange, bevor man (in Richtung Pastor) fragte, was genau das denn bedeute, adventistische Identität. Die Erklärung im Text gebe das ja nicht her. Die Antwort, die er (ich) damals gab, war trocken: das werden wir nicht als Ortsgemeinde klären können, wo es uns in hundertundwieviel Jahren unseres Endzeitdaseins nicht gelungen ist, einen Konsens darüber zu finden.[1] Ein Konsens jedenfalls ist beobachtbar und er ist als Sieg der Praxis über die Theorie, des Lebens über die Lehre zu werten: es ist uns wichtig, Adventisten zu sein! Mir auch. Es scheint eine Identität zu geben, die sich je und je anders inhaltlich oder emotional füllt.

Psychologisch nur (bzw. hervorragend) durch meine Frau fortgebildet, gestatte ich mir trotzdem eine Beobachtung zum Themenfeld Identität, die für mich hilfreich ist.

Es befinden sich in unserer Freikirche zwei Identitätsmodelle im Widerstreit, was laut meiner Hypothese ein Grund (oder einer der Gründe) für die Polarisierung der Gemüter ist.

Ich nenne das Modell 1 das Alleinstellungsmerkmalmodell (Modell 2 wird im nächsten Blog behandelt). Dieses Identitätsmodell arbeitet mit der Hypothese, eine eigene Identität habe nur derjenige (bzw. diejenige Kirche), der/die ein Merkmal aufweisen kann, das es so nur einmal gibt, das also unverwechselbar macht. Als neugewählter Vorsteher der Hansa-Vereinigung machte ich eine Besuchsrunde bei den Bischöfen der Hansa-Region und einer davon fragte mich, was zu erwarten war: was ist das Alleinstellungsmerkmal der Adventgemeinde? Ich tappte in die Falle und verlor sein Interesse irgendwo zwischen Heiligtumslehre und Offenbarungsauslegung. Erst später erinnerte ich mich an die gute jüdische Weisheit, Fragen mit Gegenfragen zu beantworten, denn zu gerne hätte ich gewusst, welche Antwort er als Lutheraner auf seine eigene Frage gegeben hätte. Vielleicht habe ich nochmal Gelegenheit, ihn zu fragen. Ab jetzt bin ich jedenfalls vorbereitet.

Erst wenn wir dieses Identitätsmodell auf die persönliche Ebene, also echte Menschen, übertragen, wird uns klar, wie unpraktikabel es ist. Es bedarf schon außergewöhnlicher Kennzeichen körperlicher (meist unerfreulicher) Art, um mit diesem Modell von Identität einen Menschen beschreiben zu können: Gorbatschow vielleicht (trug sein Alleinstellungsmerkmal auf der Stirn), der längste Mensch der Welt oder eine genetische Fehlbildung wie sechs oder sieben Finger o.ä. Ich jedenfalls könnte mich so nicht beschreiben. Im Übrigen hat die in Gemeindekreisen damals fromm verbreitete These „Jeder Mensch hat eine Fähigkeit, die er besser kann als alle anderen Menschen auf dieser Welt“ meine Identitätsfindung um Jahre verzögert.

Übertragen auf die Adventgemeinde lautet die These dieses Identitätsmodells also: adventistische Identität macht sich fest an Lehren (meist geht es ja darum), die nur wir haben und andere nicht, auch Unterscheidungslehren genannt. Wendet man dieses Modell nun spasses- oder interessehalber auf die 28 Glaubenspunkte an, so begreift man, warum der Streit um die adventistische Heiligtumslehre (Nr. 24) so heftig ins Zentrum der Debatte rückt, ob man noch Adventist ist oder eben nicht mehr so richtig.[2] Im Alleinstellungsmerkmalmodell der Identität wird das Merkmal natürlich automatisch und unweigerlich zum Schibbolet der Zugehörigkeit zur Gruppe. Probleme mit der Heiligtumslehre? Raus! Als Pastor allzumal. Vielleicht eine psychologische Erklärung dafür, dass kaum noch einer sie ansatzweise erklären kann. Man kann sich da schnell im Selbsttest prüfen und versuchen, ohne Zuhilfenahme von Internet und anderen Hilfsmitteln sich selber oder besser einer Testperson zu erklären, wie man von Daniel 8,14 bis 1844 kommt. Für alle Heterodoxie (Irrlehre) oder gar Apostasie (Abfall) wähnenden LeserInnen: ich kann es!

Im nächsten Blog stelle ich Modell 2 vor. Ich nenne es das Profilmodell.

[1] Nicht umsonst gab der adventistische Kirchenhistoriker George Knight seinem Buch über die Adventgeschichte im Englischen den Titel A Search for Identity = Suche nach Identität (Deutsch unter dem Titel: Es war nicht immer so, Advent-Verlag).

[2] Andere Kandidaten als Alleinstellungsmerkmal wären: Die Gemeinde der Übrigen (13) und Der Geist der Weissagung (18). Zum Ersten ist zu sagen: die Überzeugung, die wahre Gemeinde zu sein (ob man sich nun sprachlich als Übrige bezeichnet oder nicht) ist nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal; Zum Zweiten: Wenn mit Geist der Weissagung wirklich ausschließlich die Person von Ellen G. White gemeint ist (der Text legt es nahe), dann ist es wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Sollte damit aber gemeint sein, was die Überschrift nahelegt, nämlich die Gabe der Prophetie, dann gibt es natürlich viele Gemeinden und Konfessionen, die das praktizieren.

 

Auf wen zeigen? The One Project im KREUZfeuer

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Mit dem Finger zeigen viele. Es kommt aber drauf an, auf wen.

Dass es in jeder Gruppe und Kirche, so auch in unserer, unterschiedliche Frömmigkeitsweisen, ja sogar Theologien, Ansichten und Lebensweisen gibt, ist ein Allgemeinplatz. Man muss nur eine Generalkonferenzvollversammlung besuchen, um diese bunte Vielfalt zu bewundern. Und wer sich ein wenig (oder mehr) mit der Adventgeschichte (oder der irgendeiner anderen Kirche) befasst hat, der weiss um das Ringen von Positionen.

Schon im Neuen Testament war es so. Nicht umsonst wird immer wieder zur Einheit aufgerufen. Wäre es so einheitlich und harmonisch zugegangen, bräuchte es wohl nicht diese Appelle. Das ist die erste Beobachtung.

Die zweite: es braucht immer einen Anlass, an dem sich ein Streit fruchtbar entzünden kann (Stichwort: Maschendrahtzaun). Ob es — wie in der Kirchengeschichte — das filioque oder das comma johanneum ist oder gar der Unterschied in nur einem Buchstaben zwischen dem homoousious und homoiousios liegt: alles ist wichtig. Die vielzitierten Adiaphora scheint es nicht zu geben.  Da heißt es zwar immer mal wieder: das ist nicht heilsentscheidend, aber vielleicht hat man nur nicht den richtigen Newsletter erhalten, der einem das Gegenteil beweist. Je frömmer, desto heilsbedeutender ist auch das kleinste Detail der Lebensweise oder eines Bibeltextes. Soviel zu den zwei Vorbeobachtungen.

Vor  diesen polarisierenden Streitereien, diesem durch die Zentrifugal- und petalkräfte von rechts und links angetriebenem adventistischem Mahlwerk, so könnte man nun leichtfertig meinen, sei man gefeit, wenn man sich einfach auf das beste und verbindendste Thema, ja die Gründungsperson des christlichen Glaubens, konzentriere: auf Jesus Christus. Jesus allein. Seine Lehre, seine Person, sein Heilen, sein Handeln. Ihn vor der Welt zu erhöhen, zum Mittelpunkt allen Predigens zu machen, so schrieb schon Ellen White, sei unsere vornehmliche Aufgabe als Adventisten (Diener des Evangeliums, S. 138 rev.). So dachten die Gründer des The One Projects. Ein einfaches, durchschaubares Konzept: Konferenzen, in denen alle Redebeiträge konsequent über Jesus gehen. Nicht viel Schnickschnack drumherum, bibelzentriert, jesuszentriert, menschenzentriert. Hunderte, ja Tausende von Menschen haben diese Konferenzen geistlich belebt, neu inspiriert, vom Rand wieder in die Mitte gestellt. Ich selber denke noch gern an den Segen in Utrecht zurück, den ich erleben konnte (Bericht hier). Nun stellt sich heraus: es gibt Adventisten, denen das nicht passt. Sie suchen fleissig nach den Steinen im Mahlwerk und werden fündig. Sie wittern Verführung und schlagen Alarm. Dieser Tage in der eindringlichen Warnung vor einem Sprecher, der zum Jugendkongress in Kassel als Hauptredner eingeladen und einer der Gründer des Projektes ist, das Jesus zum Zentrum von Glauben und Verkündigung machen will. Gleich dem Großinquisitor in Dostojewskis “Die Brüder Karamasow” wird medial zum Verhör vorgeladen und wer sucht, der findet, wie das ja hinlänglich von inquisitorischen “Befragungen” bekannt ist. Selbstverständlich im Namen der Wahrheit.

Einer bleibt jedoch auf der Strecke: Jesus! Um den ging es doch eigentlich. Er, der die Wahrheit ist. Und darum, so zu werden wie er, so zu handeln, so miteinander umzugehen. William Johnsson, wahrlich ein Mann der Mitte, Leiter des Adventist Review über viele Jahre, Erfinder von Adventist World, meldet sich nun mahnend zu Wort. Und er ist wütend. Zu Recht. Ich habe ihn gefragt, ob ich seine Worte übersetzen und veröffentlichen darf und tue das nun mit seiner Zustimmung. Hier sein Text …

The One Project: Warum ich wütend bin!

September 2016, William G. Johnsson

Manchmal geht was in der Kirche so schief, dass man sich melden muss. Im Adventismus gibt es im Moment eine Krankheit, derer sich keiner anzunehmen scheint.

Meine Frau Noelene und ich sind glückliche Pensionäre in Loma Linda, wo die Sonne jeden Tag scheint. Wir leben ein gutes Leben – Spaziergänge, Gartenarbeiten, Schreiben, Theologie unterrichten und viel Zeit füreinander. Silver Springs[1], der Adventist Review und Adventist World sind weit weg und beschäftigen uns nur noch in Gebeten. Jetzt sind wir aber auf Dinge in der Adventgemeinde gestoßen, die wir widerlich finden und wenn ich nichts sage, brennt mir die Sicherung durch. Und, was noch wichtiger ist, werde ich vielleicht schon bald vom Herrn die Frage gestellt bekommen: „Du, der du das The One Project kennst, warum hast du nichts gesagt?“

Wir haben das The One Project (TOP) erst vor Kurzem kennengelernt. Ich werde nicht versuchen, Dinge, die vor 2016 stattfanden oder nicht stattfanden, zu diskutieren. Aber in diesem Jahr haben wir hinreichend Kenntnis aus erster Hand bekommen, nicht durch Hörensagen. Und was wir gesehen und gehört haben, führt uns zu klaren Schlussfolgerungen über TOP und die damit verbundenen Menschen.

Das The One Project kommt von Gott. Es ist etwas, das unterstützt werden sollte, nicht verunglimpft. Diejenigen, die sich gedrungen fühlen, es zu bekämpfen sollten den Ball flachen halten, denn sie kämpfen gegen Gott.

Ich werde euch sagen, wie ich an diesen Punkt gekommen bin.

Ich war überrascht, als ich Ende 2014 als Sprecher zum TOP in Seattle (Februar 2016) eingeladen wurde. Weil ich fast nichts darüber wusste, schaute ich mir die Website an. Was ich dort fand – eben das Ziel, Jesus zum Zentrum adventistischer Verkündigung und Lebensweise zu machen – ließ mich die Einladung annehmen. Das Thema der Konferenz waren die Ereignisse der Passionswoche. Alle Referenten zeichneten die Schritte Jesu vom umjubelten Einzug nach Jerusalem, über Golgatha bis zur Auferstehung nach. Mein Thema war der Sabbat, an dem Jesus im Grab ruhte. Ich sollte über die Bedeutung des Todes Christi sprechen. Offensichtlich war den Organisatoren des Projektes das Thema sehr wichtig, denn ich bekam 40 Minuten Redezeit, wo alle anderen nur 16 bekommen hatten. Alle Referenten wurden gebeten, drei Monate vor der Konferenz ihre Manuskripte einzusenden, so dass geprüft werden konnte, dass nicht die Kirche und ihre Leitung angegriffen wurden und dass die Präsentation geeignet sei, um gute Gruppendiskussionen zu fördern.

Noelene begleitete mich nach Seattle zur Konferenz. Sie fand im Westin Hotel, mitten im Zentrum von Seattle, statt und ging von Sonntagmorgen bis Montagmittag. Man hatte mit 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet, doch der Andrang war so gross, dass es am Ende 1200 waren. Bei der Größe hätte man unmöglich eine weitere Person in den Raum quetschen können.

Alles war ausgezeichnet vorbereitet: Sound, Video, Koordination, Zeiteinhaltung. Keine Vorstellung von ReferentInnen, es ging nur um Jesus. Das Publikum war altersgemischt, in erster Linie aber Baby-Boomers und Millennials[2]. Die Referenten waren zur Hälfte männlich und weiblich. Ich war doppelt bis dreifach so alt wie die restlichen ReferentInnen, aber das schien niemanden zu stören. Ihnen ging es um Jesus, nicht um mich. Alle mischten sich untereinander, freundlich und fröhlich. Das Erscheinungsbild war schick, aber nicht formell, nur wenige der Männer trugen Anzüge oder Krawatten. Wir befürchteten lautete Musik, die uns nicht gefallen würde und lagen falsch: es gab wundervolle Anbetung, eine Mischung aus zeitgenössischem Gospel mit Klassikern wie Amazing Grace oder Jesus Paid It All.

Nur eine Sache störte die Harmonie: die Gruppe bestand überwiegend aus Weißen. Als ich zu reden begann, sagte ich das auch und erntete Großen Applaus. Nachher sprachen die Verantwortlichen mit mir darüber und berichteten über ihre bislang fehlgeschlagenen Versuche, diesem Problem abzuhelfen und mehr ethnische Verschiedenheit hineinzubringen.

Noch immer, sechs Monate später, fühlen Noelene und ich die geistliche Beglückung von Seattle. Eines aber verstört mich: Könnte mir irgendjemand bitte erklären, was genau das Problem am The One Project ist? Es scheint mir, dass fast jeder schon gehört hat, irgendetwas stimme nicht mit dem Projekt, aber niemand kann mir sagen, was.

Also habe ich bei vielen Leuten nachgefragt, auch in Silver Springs, aber alle Antworten sind Nebelkerzen: Gerüchte, Verdächtigungen, Hörensagen, Vorschwörungstheorien. Was andere eben gesagt, gehört, gelesen oder im Internet oder auf DVD gesehen haben. Auf der anderen Seite aber sind alle, die schon ein TOP besucht haben, positiv und voll glühender Begeisterung.

Wir fühlten uns durch Seattle so gesegnet, dass wir, von den Organisatoren gebeten, doch in Sydney und Perth (Australien) mit dabei zu sein, sofort zusagten. Gerade sind wir zurück von dieser zweiwöchigen Reise. Es war wieder so wie Seattle, nur kleiner. Der gleiche Geist. Die gleiche Liebe. Jesus wieder im Zentrum. Wir kamen müde aber vollgetankt zurück. In Australien wurden andere Themen erörtert. Es ging um Jesu Lehre und Leiden. So lernten wir, was Jesus über die Dreieinigkeit lehrte, über das Ende, über Jüngerschaft, über das Reich Gottes etc. Ich hatte zwei Präsentationen: Was Jesus über die wahre Religion und was er über den Sabbat lehrte.

Diese Reise gab uns die Möglichkeit, die Leute hinter den Kulissen aus der Nähe persönlich kennenzulernen. In Sydney verzichteten wir auf ein teures Hotel und wohnten alle in einem Airbnb, um Kosten zu sparen. Noelene und ich bemerkten immer wieder, wie ermutigend die Gespräche waren und wie häufig es sich um Jesus drehte. Und natürlich, wie hart die TOP-Leute arbeiteten: schon vor dem Sonnenaufgang auf, um sich um ihre eigentliche Arbeit in den Staaten zu kümmern. Dazu noch die Zusatzaufgaben in Australien. Das One Project bringt diesen hingebungsvollen Menschen keine Zusatzeinkünfte oder Privilegien, nur mehr Arbeit, Sorge und, unglücklicherweise, ätzende Häme.

Beim letzten Treffen in Australien, in Perth an einem Sabbatnachmittag, konnten wir einen ungewöhnlichen Einblick in den Dienst dieser Menschen nehmen. Das Treffen war ein Zusatzangebot für diejenigen, die Fragen über das One Project stellen wollten. Und obgleich es ruhig und sachlich verlief, wurden doch Einblicke gewährt, die vielsagend und verstörend waren. Wir erfuhren, dass die Kritik an TOP schon ganz am Anfang begann. Ein Europäer, der mit der Freikirche seine bunte Geschichte gehabt hatte, startete einen Frontalangriff, den er überall verbreitete. Dabei waren seine Vorwürfe rasant daneben: er berief sich auf Erkenntnisse der Website the1project.com, eine nunmehr nicht mehr abrufbare Website, die nichts mit dem adventistischen the1project.org zu tun hat. Aber die falschen Anschuldigungen zirkulieren weiter. In den letzten Jahren, in denen Verschwörungstheorien immer mehr um sich griffen, wurden diese Vorwürfe schärfer, extremer. Das One Project wurde in direkte Verbindung zu Satan gestellt: ich sah eine Darstellung einer Schlange, die mit The One Project betitelt war und die Adventgemeinde verschlang. Es gab Gegner, die die Organisatoren beim Wegfahren von Veranstaltungen mit „Du Hexe/r“ beschimpften. An einem Veranstaltungsort hatten sich zwei junge Männer in Sack und Asche gekleidet und saßen vor dem Eingang des Treffens.

Und es kommt noch schlimmer. Selbst die Kinder der Veranstalter wurden zum Ziel von Feindseligkeiten auf Facebook. Wie abscheulich!

Und das passiert unter Siebenten-Tags-Adventisten? Solche Lügen, solch peinliches Gebaren machen mich wütend. Auch wütend, weil keiner was sagt.

Unter den Zuhörern der Sabbatabendveranstaltung saß auch eine Anwältin, deren Kanzlei mit derart Rechtstreitigkeiten zu tun hat. Sie merkte an, dass in Australien solche ungeheuerlichen Vorwürfe nicht rechtens seien und schlug vor, die Verleumdungen durch gerichtliche Schritte zu stoppen.

Unser Besuch in Australien war herrlich inspirierend, aber wir kamen mit einer bangen Frage im Herzen zurück. In Sydney kamen etwa 170 TeilnehmerInnen, in Perth um die 100. Alle, die kamen, hatten davon durch private Kanäle erfahren. Von Silver Springs war die Order ergangen, dass das One Projekt in den offiziellen Organen der Kirche keine Erwähnung bekommen solle. Wir lernten Menschen kennen, die schon lange nicht mehr zur Gemeinde kamen, aber nach einem Besuch des TOP der Sache eine neue Chance geben wollten. Andere hatten schlechte Gerüchte über das Treffen gehört und waren nur zögerlich gekommen, erlebten aber großen Segen usw. Ich freue mich über diese Berichte, aber was ist mit den Hunderten anderer, die vielleicht gekommen wären, wenn die offiziellen Medien der Kirche sie darüber informiert hätten?

Vor über einem Jahr haben die Leiter des TOP die Kirchenleitung gebeten, ihnen zu sagen, wo sie daneben liegen (wenn sie daneben liegen), damit sie das korrigieren können. Bis jetzt warten sie auf eine Antwort.

[Anmerkung der Spectrum-Redaktion: Spectrum hat durch mehrere Quellen in Erfahrung gebracht, dass das The One Project einer internen von der Generalkonferenz initiierten theologischen Untersuchung durch das Biblical Research Committee unterzogen worden ist, welches aber nichts Verwerfliches in der theologischen Botschaft des The One Projects finden konnte.]

So etwas ist nicht in Ordnung.

Meine geliebte Gemeinde leidet an einer Krankheit. Wir haben es erlaubt, dass extreme Ansichten die Kontrolle übernehmen. Ansichten, die mit Angst arbeiten, die Verschwörungsszenarien um Endzeitereignisse stricken und die Herzen der Gläubigen verunsichern. Diese Ansichten sind Lichtjahre entfernt von den gesunden, besonnenen Lehren über das Ende, die wir in der Schrift und bei Ellen White finden. Einige dieser Ansichten werden durch Bücher, das Internet und DVDs verbreitet, die unabhängige Missionswerke herausgeben. Im Großen und Ganzen bin ich ein starker Befürworter von unabhängigen Missionswerken, aber nur so lange sie nicht mit der Angst von treuen Gemeindegliedern ihr Geld verdienen.

Wohin entwickeln wir uns in dieser Kirche? Bin ich der einzige, der wütend ist?

Der 13-Stunden-Flug von Sydney nach Los Angeles zieht sich unendlich hin. Hier in 12 km Höhe, in der Dunkelheit über dem endlosen Pazifik habe ich Zeit zum Nachdenken. Das Gefühl überwältigender Gnade überkommt mich, Dankbarkeit für die wunderbaren Nachfolger Christi, die wir zum ersten Mal kennenlernen konnten oder mit denen wir zusammenarbeiten durften. Und am meisten für Jesus, den Unvergleichlichen, dessen Liebe niemals endet.

Doch zusammen mit diesen segensreichen Gedanken beschleicht mich das Gefühl unglaublicher Ironie. Geschmäht für nichts Anderes als Jesus ohne Wenn und Aber zu verkünden? Geschmäht, nicht durch Ungläubige, sondern von Mitgliedern der Siebenten-Tags-Adventisten? Unglaublich!

Vielleicht aber auch nicht. Wo immer und wann immer Jesus und seine Gerechtigkeit verkündet wird, passieren neben den guten Dingen auch hässliche. Wie damals in den Tagen von Paulus in Galatien. Oder in Minneapolis 1888.

Oder 2016.

William G. Johnsson war vor seinem Ruhestand Chefredakteur von Adventist Review und Adventist World. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, u.a. des erst kürzlich erschienenen zweibändigen Werks über Jesus von Nazareth, dessen erster Teil im Advent-Verlag auf deutsch erhältlich ist.

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und www.spectrummagazine.org: Dennis Meier (September 2016)

Text als pdf: William Johnsson – The One Project

[1] Anm. d. Übers.: Silver Springs ist der Sitz der Generalkonferenz

[2] Anm. d. Übers.: Als Baby-Boomer bezeichnet man die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 40er bis Mitte der 60er Jahre; Millennials bezeichnen wir in Deutschland als Generation Y (ca. 1980-2000).