Archiv für den Monat: Oktober 2016

Adventistische Identität II

Identität: Wer bin ich? Vater, Ehemann, Pastor, Pfadi, Künstler, Aktivist etc. Mit der adventistischen Identität ist es ähnlich wie mit der personalen. Das Profil besteht aus vielen Bildern. Fotos: DM und KH

Wir kennen das aus Spionagethrillern: Agent X soll sich mit seinem Informanten Y treffen, um weitere Anweisungen zu erhalten. Er hat folgende Informationen bekommen: Y trägt einen braunen Borsalino und einen beigen Trenchcoat. Er steht am rechten Türblatt des Eingangs des Straßburger Münsters und wird X ansprechen mit den Worten: „Der Winter ist im Tessin milder als in der Oberpfalz.“

Anhänger des im letzten Blogbeitrags erläuterten Modells 1 (Alleinstellungsmerkmalmodell) tendieren schon an dieser Stelle dazu, zu rufen: Trenchcoat? Ist immer Agent! Weiß doch jeder. Man ahnt verstört, wie vielen Menschen hier schlechter Kleidungsstil die Reputation mindestens, im Normalverlauf der Dramaturgie aber das Leben kosten könnte, wie wir gleich sehen werden.

Die vier Merkmale zusammen sind das, was ich ein Profil nenne. Stellen wir uns vor: Agent X ist zur rechten Zeit am rechten Ort. Und tatsächlich spricht ihn ein Typ mit Trenchcoat mit den o.g. Worten an. Allerdings: er trägt keinen Borsalino, sondern (was einem Agenten wie X natürlich ins geübte und von der letzten Keilerei gerade genesene Auge fällt) einen Stetson. Wie wird er reagieren? Je nach Drehbuch: Im besten Fall verstört in die Kathedrale stolpern, im schlimmsten Fall den Typ erschießen.

Wir begreifen, was das Profilmodell der Identität aussagt. Erst die Kombination von Eigenschaften und Merkmalen macht einen Menschen (oder eine Konfession) unverwechselbar und einmalig. Nichts Anderes macht in den Tatort-Krimis der sogenannte Profiler. Er engt die Menge der Tatverdächtigen durch Anhäufung von Merkmalen ein. Das ist professionell. Der Zugriff erfolgt dann leider immer im Alleingang, ohne SEK. Wer weiß, warum das so sein muss.

Genauso funktionieren die Erkennungsalgorithmen im Internet- und Informationszeitalter. Gesichtserkennung an Flughäfen und auf öffentlichen Plätzen, zum Beispiel. Da sitzt ja kein Asperger-Genie in einem geheimen Stützpunkt der NSA, der die Fähigkeit hat, sich unendlich viele Gesichter zu merken und diese dann Namen zuzuordnen. Der Computer misst nur Merkmale wie Nasengröße, Augenabstand u.v.m. und stellt zweifelsfrei fest: diese Kombination von Merkmalen trifft nur aus Dennis M. aus HH zu, der gerade mit 102 statt 80 Stundenkilometern durch die Autobahnbaustelle dampft.

Insofern, jetzt endlich auf die adventistische Identität angewandt, hat unsere Kirche, entgegen allen Unkenrufen, ein klares und unverwechselbares Profil. Es ist so unverwechselbar, dass schon wenige Merkmale zur Identifikation reichen. Da gibt es vielleicht einen Glaubensbruder, der von den 28 Glaubensüberzeugungen zwei ablehnt oder sagen wir: duldet. Ist er deswegen kein Adventist mehr? Nein, sein adventistisches Glaubensprofil bleibt scharf und umrissen. Nun kann man sich natürlich darum streiten, ab wann das Profil unscharf und damit unadventistisch wird. Zieht man von den 28 Glaubenspunkten die ca. 18 ab, die mehr oder weniger Bestandteil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses sind (und daher von den meisten Christen geteilt werden), bleiben immer noch luxuriöse 10 Merkmale, aus denen sich ein unverwechselbares Profil ergibt.

Nehmen wir einmal das gefürchtete Feindbild des liberalen Adventisten, wie er mir hier und da leibhaftig begegnet und der im Reiz-Reflex-Schema mit pawlowscher Berechenbarkeit auf Schlüsselbegriffe reagiert (Daniel? Antiochus Epiphanes IV.! Ellen White? Plagiat! etc.). Notorisch muss er sich anhören: du ist ja kein Adventist mehr. Daraufhin selber befragt, empört er sich aber, denn er ist ein flammender Verfechter der Seelensterblichkeit, des Sabbats, des Annihilationismus[1] und der Mündigentaufe. Wären dies die einzigen Lehrpunkte, die ihm neben den christlichen Grundlehren wichtig sind: er fände keine andere Kirche als die unsrige, um darin heimisch zu werden. Das mag mir persönlich zu dünn sein, aber reicht es, um ihm die Tür zu weisen?

Um diesen Doppelblog mit einem persönlichen Wort zum Abschluss zu bringen. Ungeachtet der ungeklärten Frage, wie viele Merkmale einen unverwechselbar zum Adventisten machen und ob man als Pastor mehr davon braucht und als Vorsteher alle, gilt für mich persönlich: die Adventgemeinde ist mein Zuhause, weil ich dieses Profil an Überzeugungen nirgendwo finden würde. Es ist einzigartig. Das gibt mir meine adventistische Identität, inklusive der wichtigen Meinungsfreiheit, über Lehrpunkte oder Ausgestaltung des täglichen Lebens eine andere Meinung zu vertreten.

Hier haben auch diejenigen Platz, derer es nicht wenige gibt. Die nämlich gar nicht so viel mit Lehre unterwegs sind, sondern einfach sagen: hierzu will ich gehören, weil ich die Liebe Jesu hier erlebe. Vielleicht sind das ja die wahren Adventisten?

 

[1] Annihilation = Vernichtung/Zerstörung. In der Theologie bezeichnet man damit die Sicht, dass die Ungläubigen nach Tod und Auferstehung nicht in der Hölle leiden, sondern den „zweiten Tod“ sterben, also irgendwann nicht mehr existieren.