R.I.P. Al Jarreau

Nur Kopfschütteln darüber, dass meine Kinder diese Ecke meiner Plattensammlung noch nicht entdeckt haben. Man kann nicht alle Erziehungsziele erreichen (Foto: DWM)

Ich war ca. 14 Jahre alt und hatte meinen ersten Job bei meinem Freund Gerald im Reformhaus. Die Verantwortung war überschaubar (Tee abpacken und Kartons zerlegen), ebenso wie der Verdienst. In den Ferien blieb ich einige Tage bei Gerald in der Wohnung über dem Reformhaus. Im Wohnzimmer durfte ich seine tolle Stereoanlage bedienen und mich durch seine Plattensammlung hören (für alle wirklich coolen Musikafficinados: heute nennt man das Vinyl und Turntable. Damals hätten wir nicht gewusst, wovon du sprichst). Das war die Geburtsstunde meiner Liebe zur Jazzmusik. Der Anfang dieser Liebe auf den ersten Blick (pardon: Ton) wird für mich immer mit dem Namen Al Jarreau verbunden sein. Der grosse Vokal-Akrobat, der im übrigen, wie die Beatles auch, seinen musikalischen Durchbruch im Hamburger Club Onkel Pö hatte. Al am Mikrofon und George Duke am Keyboard, das war das Dreamteam, das war unbekanntes, neues Land, Entdeckungsreise, Gänsehaut.

Gestern verabschiedete ich gerade liebe Freunde nach dem Kaffeetrinken, als mein Handy zuckt. Genau der Instinkt übermannte mich, den man als höflicher Mensch, in Etikette beflissen, zu unterdrücken imstande sein sollte: der unwillkürliche Griff zum Smartphone. Eilmeldung: Sänger Al Jarreau gestorben. NEEEEIIIIN! entfuhr es mir. Und alle dachten verwirrt, ob das mein Beitrag zur Verabschiedung sei. Selbst die Nachrichten vorm Tatort brachten einen beachtlich langen Beitrag zum Wirken von Jarreau. Und als wir im Bett lagen, schüttelte ich immer noch fassungslos den Kopf, was meine Frau zur Bemerkung veranlasste: “Du trauerst ja ein bisschen.” Ist wohl so!

Es gibt Dinge im Leben, mit denen verbinden wir Stimmungen, Orte oder Erinnerungen, die uns lieb geworden sind. Al Jarreau, das war auf dem Rücken liegen auf dem Flocati in Geralds Wohnzimmer, an die Decke oder auf den in coolem Blau leuchtenden Verstärker starrend. Das war der Pflichtdienst-Tanz zu Boogie Down, den wir zu unserem Abiabend 1987 mit unserer Choreographin Gunda (!) einstudierten. Der Saal tobte. Das waren stundenlange Fahrten mit Freund Hannes durchs Rhonetal, die Autobahngebühren meidend, in denen die Live-Konzerte auf Kassette mitgesungen wurden, die Füße aus dem Seitenfenster in den warmen Gegenwind gestreckt. Das war das erste Konzert, das Jarreau in Kapstadt nach der Apartheid gab: volles Stadion, Riesenstimmung, grottiger Soundtechniker. Das war der Moment im Stadtpark in Hamburg, als in der Sommerhitze eine Dame in der ersten Reihe kollabierte und Al Jarreau es als erster sah. Er winkte die Sanis herbei und sang sie förmlich zum Rand der Bühne, sie begleitend und haltend. Ich habe den Menschen Jarreau nie persönlich kennengelernt, aber sein Tod fühlt sich an wie der Abschied von einem Lebensgefühl, einem gutgelaunten Sommerabend, das Ende vom Urlaub.

Nicht um zwanghaft die fromme Kurve zu schlagen, sondern im Bewusstsein, dass ich noch viele solcher Abschiede vor mir haben werde, merke ich, wie erstaunlich in solchen Momenten die Aussage “Jesus lebt” ist. Ich werde wohl noch von manchem verehrten Künstler oder sogar geliebten Menschen Abschied nehmen müssen. Aber niemals, niemals werde ich auf meinem Smartphone lesen müssen: “Eine Legende ist von uns gegangen: Jesus Christus tot!”

An den glauben zu dürfen, der bleibt und mich hält, mir immer wieder neue Erinnerungen gibt, die sich ebenso warm und golden anfühlen wie gute Musik; der lebensgestaltender Begleiter ist, meine Persönlichkeit prägt und mich hält, auch wenn es nicht Sommer ist: das ist das grösste Geschenk. Und dann noch Adventist zu sein, darauf zu hoffen, dass Jesus bald kommt und wir mit ihm sein werden: das schlägt dem Fass den Boden aus.

Und wenn wir uns auch über Musik streiten können wie die Kutscher, so glaube ich doch fest daran, dass Al, der an den gleichen Jesus glaubte, der aus adventistischem Hause war wie ich, mir im Himmel ein paar Gesangsstunden geben wird. Wie cool ist das denn? Bis dahin nehmen wir uns das Motto seiner ersten Platte zu Herzen: We got by …

 

Nachtrag: Der Blog hat Freund Gerald auch erreicht. Hier die Originalplatten (Vinyl) von damals …

 

P.S.: Kommentare gerne hier unten rein!

P.P.S.: Kritik über den Musikgeschmack des Vorstehers bitte direkt an den Verband, Abteilung Musik.

P.P.P.S.: Hier (die schwere Auswahl) meine(r) drei Lieblingssongs von Jarreau (leicht auf Youtube, Spotify, Itunes o.a. zu entdecken):

  1. Mornin’ (Album: Jarreau)
  2. Breakin’ Away (gleichnamiges Album)
  3. Tomorrow Today (gleichnamiges Album)

P.P.P.P.S.: Wunderbarer Nachruf auf Zeit online