Archiv für den Monat: April 2017

Was ist anders?

Die Frage stellt sich  immer  wieder, wenn man als Christ, ständig um Ideale und Verbesserung der Welt oder des Selbst bemüht, Bestandsaufnahme macht: was hat sich verändert? Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, noch bevor das Taufwasser hinter meinen Ohren verdunstet war (ich war damals knapp 14 Lenze jung). Was ist jetzt anders? Bin ich anders aus dem Wasser hervorgegangen als ich hineinging? Die Farben der Welt waren jedenfalls nicht bunter und der jugendliche Drang zum Unfug konnte auch im Taufwasser schwimmen. Auch das dieses Wochenende begangene Osterfest mit Karfreitagsabendmahl (Grindel), Passionsspiel (Harburg) und Auferstehungsfamilienbrunch stellt erneut die Frage: was hat sich verändert? Bin ich nicht nur berührt, sondern auch verändert worden?

Eine ebenso humorige wie eindrucksvolle Metapher dieses Gedankens drängte sich uns als Familie nur kurz vor dem Osterfest auf, als meine Frau in den Tiefen des Küchenschrankes Eierfarbe fand und dadurch Lust bekam, lustig bunte Eier für das Osterfest zu färben. Gesagt, getan und zehn Eierchen flugs ins heiße Biofärbebad gehängt. Schon war die Metapher fertig und das Ergebnis rangiert irgendwo zwischen angeknackster Färberehre und partytauglichem Schenkelklopfer:

Genau unser Thema, oder? Man könnte diese gefärbten Eier glatt als unbehandelte Freilandprodukte in den nächsten Ökoladen bringen. Nun liegt mir nicht daran, aus dieser unfreiwilligen Posse des Osterfestes mit Krampf ein Gleichnis zu pressen. Allein der Gedanke, das Symbol, die Erfahrung, das ist es wert, darüber nachzudenken: was hat sich verändert?

Und darin liegt vielleicht auch schon die Antwort. Tatsächlich hat ein Prozess stattgefunden, auch wenn er den Augen noch verborgen scheint. Wer dabei war, weiss es und wer es gemacht hat, noch viel mehr.

Luther, pardon, Paulus sagt es so (2. Kor 3,18): Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider, und wir werden verwandelt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist. (LUT17)

Ein schöner Vers, aber nicht ganz leicht. Zwei Sachen sind aber klar. Erstens: Der Vers beginnt mutig, ja fast sensationell — oder gar leichtsinnig — mit den Worten : wir alle! Also nicht die Elite, nicht der Klerus, nicht die Übrigen, sondern WIR ALLE, was im Kontext heißt: die Gemeinde (zu Korinth, zu allem Überfluss). Zweitens: der Vorgang wird hier nicht als Veränderung, sondern als Verwandlung (μεταμορφούμεθα, darin steckt das Wort Metamorphose) bezeichnet. Das Verb ist passiv, es wird also an uns (ALLEN) gehandelt. Die Frage nach der Veränderung und das sorgenvolle Blicken und Messen und Prüfen des Fortschritts kann das Gegenteil von dem werden, von dem Paulus hier spricht: der Freiheit (V. 17). Veränderung, wenn Gott sie übernimmt, ist Verwandlung.

Was ist dann unsere Aufgabe, an Ostern oder Pfingsten oder überhaupt sowieso? Die Antwort ist das gute, alte, uns allen bekannte Wort κατοπτριζόμενοι (katoptritsomeneu), das im Neuen Testament nur einmal, nämlich hier, vorkommt. Der Spezi erkennt schon, dass das Wort Optik drinsteckt, es also etwas mit sehen zu tun hat. Die Bedeutung ist eine Mischung aus Schauen und Widerspiegeln.

Was ist anders? Nochmal zurück zur Frage. Das Schauen ist anders. Mit Christus sehen wir mit anderen Augen. Und das wiederum verwandelt uns. Das ist das Schöne am Evangelium. Es öffnet die Augen. Und das immer wieder.

Und jetzt schau nochmal das Foto an: vielleicht siehst du jetzt ja orangene Eier!?