Unity 2017 – Eindrücke

Podiumsdiskussion, von li nach re: Roy Adams; Olive Hemmings; John Brunt; Reinder Bruinsma; Barry Oliver; George Knight; Wendy Jackson; Lowell Cooper; Ray Roennfeldt. Foto: DM

In Konflikten eskaliert als erstes die Sprache. Die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit, die sich in unserer Freikirche an der Praxis der Ordination von Frauen zum Predigtamt zeigt, ist da beispielhaft. 2015 lautete der Antrag: ob ordiniert wird oder nicht, soll lokal entschieden werden können. Das wurde abgelehnt. Insofern wurde nicht darüber entschieden, ob Frauen ordiniert werden können oder nicht, sondern die Entscheidung war: tolerieren wir unterschiedliche Praktiken (wie bei vielen anderen Themen ja auch)? Die schmerzliche Antwort war ein erneutes mehrheitliches Nein der Vollversammlung.

Man müsste schon recht naiv an das Thema herangehen, wenn man nun meinte, jetzt wäre Ruhe. Nach San Antonio fielen in fast wöchentlichen Abständen Entscheidungen von Verbänden, die ausdrückten, dass ihre Basis in dieser Frage nicht vom Weltfeld bestimmt werden wird. Manche Verbände oder Vereinigungen kündigten an, trotzdem weiter zu ordinieren, andere, gar nicht mehr zu ordinieren. Andere hielten das Zustandekommen der Entscheidung für unzulässig, manipulativ und scheindemokratisch und lehnen den Beschluss rundweg ab.

Und spätestens hier eskalierte die Sprache, denn nun waren Verbände, die nach einem „Workaround“ um diese schmerzhafte Frage suchten, Rebellen. Dazu gehören große nordamerikanische Verbände, die immer loyal zum Weltfeld standen und nun in einen massiven Konflikt geraten sind.

Im Juni trafen sich mehr als ein Dutzend Verbände aus Europa, Nordamerika und dem pazifischen Raum zum Austausch. Alles Verbände, denen ein „Schwamm drüber“ in der Frage der Frauenordination aus mehreren Gründen unmöglich ist (kirchenrechtlich, theologisch, biblisch, kulturell etc.). Das ist das eigentliche Geheimnis der Unity Konferenz. Ich war bei dieser Veranstaltung und hier ein paar Beobachtungen:

Durchführung: Die Frage der Frauenordination war immer der Elefant im Raum. Wir reden aber schon lange über die dahinter liegenden Themen wie: Autorität, Einheit und Freiheit. Das waren auch die Überschriften der drei Konferenztage. Unsere Kirche hat immer auf Bildung gesetzt und so war es naheliegend, dass sich hier Akademiker und Kirchenleitungen austauschten, meist in Form von Vorträgen und Präsentationen zu den genannten Themen oder erhellenden Bibelpassagen (z.B. Joh 17). Dann auch durch offene Fragen oder Diskussionsrunden an den Tischen oder auf dem Podium. Und, wie bei Konferenzen nicht zu unterschätzen: durch Vernetzung am Tisch, beim Spaziergang, auf dem Flur.

Personenkreis: Außenstehende (und Teilnehmende) haben kritisiert, dass zu wenig Frauen und zu viele Rentner teilnahmen. Sachlich sicherlich richtig, aber es war eben eine Arbeitskonferenz der Verbände zum Umgang mit einem Thema, das die Kirche zu spalten droht. Alle Verbände, die mit dem Thema in einen drückenden Gewissenskonflikt zwischen Loyalität zur Weltkirche und Rechenschaft gegenüber denen, die sie gewählt haben, geraten sind und darauf ganz unterschiedlich reagiert haben, saßen nun zum ersten Mal um „einen“ Tisch (insgesamt 80 Teilnehmer). Es ist eben Teil des zu überwindenden Problems, dass das in erster Linie Männer sind. Aber solche, die ernsthaft darunter leiden, dass es so ist und es ändern wollen.

Loyal und wertekonservativ statt rebellisch und liberal: Bei der Unity Konferenz war erstaunlich viel Kirchenkompetenz (mancher würde sagen: -prominenz) anwesend: Lowell Cooper, bis vor zwei Jahren Vizepräsident der Generalkonferenz, Spezialist für Richtlinien und Kirchengesetz mit einem Haufen internationaler Erfahrung; Gary Patterson, jahrelang Sekretär der Generalkonferenz; George Knight, bekannter Kirchenhistoriker, Autor vieler Bücher (einige davon ins Deutsche übersetzt); Roy Adams, Akademiker, Autor, Administrator (GK). Was diese und andere Anwesende gemeinsam haben: sie sind pensioniert. Die GK oder auch ihre Divisionen waren nicht willens, Gesprächspartner dieser Veranstaltung zu sein. Im Gegenteil, eingeladene Redner von GK-Institutionen mussten absagen, weil sie unter Druck gerieten.

Niemand der Anwesenden war erkennbarer Rebell und schon gar nicht das, was wir plump als liberal bezeichnen würden. Viele der Genannten und auch der aktiven Verbandsvorstände haben ihr gesamtes Berufsleben der Kirche gewidmet. Ihr Herz schlägt für die Mission und die Adventbotschaft.

In allen Vorträgen, wie auch zwischen den Zeilen und in Gesprächen auf den Fluren war spürbar, wie hoch das Bedürfnis ist, diese Krise geistlich zu meistern, Vertrauen aufzubauen, Misstrauen abzubauen. Gleichwohl musste man kein Psychologe sein, um auch eine Portion von Wut, Frustration und sogar Verzweiflung zu spüren. Hier und da flossen auch Tränen.

Das Ausmaß der Krise: Wenn man in Hansa seinem täglichen Brot nachgeht und sich darum sorgt, wie Gemeinde vor Ort zu gestalten ist, vergißt man leicht, wie der Puls der Weltkirche schlägt. Alle fünf Jahre wird man bei einer GK-Vollversammlung Zeuge eines interessanten und bunten Spektakels und reist beglückt oder verstört (oder beides) zurück in die Heimat. In London wurde die internationale Perspektive nochmal geschärft, und das auch schmerzhaft, eben in der Erkenntnis, dass die weltweite Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten vor einer Zerreißprobe steht.

Sehen wir den Tatsachen einfach mal unideologisch ins Gesicht: Fakt eins: 2015 wurde entschieden, dass es dabei bleibt, dass Frauen nicht zum Predigtamt ordiniert werden können, auch nicht in den Gebieten der Welt, in denen es kulturell oder sogar gesetzlich angemessen wäre; Fakt zwei: in einigen Teilen der (westlichen) Welt werden Frauen ordiniert und das wird auch so weitergehen. Es gibt nur zwei Richtungen, in die es nun gehen kann: 1. Eskalation: die Umsetzung des GK-Beschlusses wird eingefordert, abweichende Felder werden diszipliniert oder in der Folge aufgelöst. Das hieße: die Adventgemeinde bricht auseinander in von der GK unabhängige Felder und solche, die der zentralen Leitung unbeirrt folgen. Die Gelder bleiben in der Heimat. Das wäre das Ende der STA-Kirche, wie wir sie kennen. 2. Deeskalation: lokale Lösungen suchen, Autorität dezentralisieren, regionalen Leitungen vertrauen, Arbeitsrichtlinien (Working Policy) anpassen. Hier wird deutlich, wieviel Weisheit und Fingerspitzengefühl von oberster Stelle nötig ist, um dieses Krisenmanagement durchzuführen. Es blieb allerdings auch kein Geheimnis, dass die jetzige Führungsetage der Generalkonferenz eher als Auslöser der Krise gesehen wird denn als Kompetenzträger für eine erfolgreiche Entspannung. Dennoch wurde fast täglich für die Leitung der Kirche gebetet, nicht nur dazu aufgerufen.

Mehr als 80 Teilnehmer aus aller Welt tauschten sich aus. Foto: DM

Unautorisiert, aber nicht illegal: Hier und da liest man, diese Konferenz sei „unauthorized“ gewesen. Lowell Cooper, der langerfahrene Working-Policy-Virtuose, erläuterte noch einmal, dass nicht autorisiert nicht bedeute, dass diese Konferenz unstatthaft, unerlaubt, ja illegal sei. Sie ist nur nicht Teil des offiziellen GK-Terminkalenders. Man kann ruhig ergänzen: sie war auch nicht erwünscht. Ich bin der Ansicht: wenn sich zehn Verbände aus aller Welt zu einer Konferenz treffen, wieviel offizieller kann es denn werden?

Ergebnisse und Wünsche: Wer unter dem gleichen Problem leidet, der freut sich natürlich über Leidensgenossen. Insofern hatten die Begegnungen durchaus auch etwas selbsthilfegruppenmäßiges. Ein Verbandsvorsteher formulierte dann auch: das hier ist für mich Therapie! Und trotzdem: sich nur unter Gleichgesinnten zu treffen, wird nicht für Veränderung sorgen. Daher wurde es von allen als bedauerlich empfunden, dass hier nicht mit der Kirchenleitung (GK, Divisionen) ins Gespräch zu kommen war. Das ist ja das, was unsere Kirche im Kern ausmacht: wir setzen uns zusammen und diskutieren ein Problem aus. Warum ist das hier nicht möglich? Darf auch nach umstrittenen Beschlüssen nicht mehr darüber gesprochen werden? Daher ist das oberste Ergebnis der ausdrückliche Wunsch: redet mit uns! Lasst uns an einen Tisch setzen und über diese Kirche reden. Wir wollen zusammenbleiben.

Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Basis informiert werden muss. Offizielle Berichterstattung wird es nicht geben, daher werden die sozialen Medien die erste Wahl bleiben, um die Bedürfnisse eines substanziellen Teils der Weltkirche zu Gehör zu bringen.

Statt also ein Fazit zu ziehen, fordere ich interessierte Gemeindeglieder auf, sich in die Materialien selber einzuarbeiten (Lesekenntnisse im Englischen vorausgesetzt) und sich eine eigene Meinung zu bilden, wie es unsere gute, alte Tradition ist. Alle Präsentationen/Paper können auf der Seite adventistunity2017.com eingesehen werden.

Euer Dennis

Berichterstattung über die Konferenz:

Englisch: www.atoday.org; www.spectrummagazine.org

Deutsch: Beiträge des Advent-Verlags, der durch Jessica Schultka vertreten war: Teil 1 und Teil 2.

Videoclip von mir über die Konferenz hier

4 Gedanken zu „Unity 2017 – Eindrücke

    1. Dennis Meier Beitragsautor

      Moin Brigitta,
      Eine gute Frage, die sich ja in vielen unserer Gremien stellt. In diesem Falle führt sie nicht weit, denn wenn Verbände die Leitungen von anderen Verbänden einladen, dann handelt es sich um gewählte und von der Kirche angestellte Vertreterinnen und Vertreter. Insofern war diese Konferenz keine “mal-sehen-wer-sich-so-anmeldet-Veranstaltung” (wo man sich nachher trefflich aufregen kann, dass zu wenig Jugendliche, Frauen, Schwarze, Rentner oder Laien anwesend waren). Gleichwohl haben es auch interessierte Laien geschafft, sich anzumelden und zu kommen. Warum also wer nicht da war, das muss letztlich jeder für sich selbst begründen. Dein Anliegen ist aber voll begründet. Wann mischen sich die Jugendlichen aktiv ein? Das wird nicht (nur) durch Einladung geschehen, sondern indem sie einfach anreisen und sagen: hier geht es um die Zukunft UNSERER Kirche, hier machen wir mit, ob es euch passt oder nicht.

      Gruss Dennis

  1. Ulrich Bretschneider

    Von Bischof Meister (Hannover) stammt der Ausspruch: „Autoritäten müssen sich legitimieren“. Recht hat er! Allerdings ließ er die Frage offen, wie denn so eine Legitimation auszusehen hat.

    Aus der (Kirchen-) Geschichte wissen wir, dass sich Autoritäten sehr gern über ihr Amt „legitimiert“ haben. Ein Verständnis, welches durchaus auch in der Nachkriegs-Adventgemeinde vorhanden war. Ein Prediger, etwa gar in der Funktion eines Vorstehers, hatte schon deswegen die richtige theologische Auffassung, weil er Prediger war. Die 68er haben dieses Autoritätsverständnis ramponiert, letztlich auch unter den STA. Heute unterhält sich ein theologisch interessiertes Gemeindeglied mit seinem Pastor in der Regel auf Augenhöhe. Noch in den 70er Jahren wäre das ein Fauxpas gewesen.

    Die Reformation hatte ein anderes Legitimationsmodell: Sola Scriptura! Theologische Lehren haben nur dann eine Autorität, wenn sie auf der Grundlage der Bibel getroffen werden. Wie berechtigt und richtig diese Auffassung Luthers auch ist – wer einen Blick in die protestantisch theologische Welt wirft, kann sich nur wundern, was alles mit dem Etikett Sola Scripura gelabelt wird. Man muss den entsprechenden Bibeltext nur „richtig“ verstehen. Gegebenenfalls muss die Übersetzung korrigiert und auf die „wahre“ Aussage gebracht werden und wenn auch das nicht hilft und Texte gegen die eigene Lehrauffassung sprechen, dann kann man diese ja als „zeitlich bedingt“ und damit nicht mehr zutreffend deklarieren. Bisher habe ich allerdings die Regeln, wann etwas „zeitlich bedingt“ ist, nicht verstanden bzw. sofern solche Regeln überhaupt angesprochen werden, haben sie generell den Charakter einer „Bauchgefühltheologie“. Und wer die Rede des eingangs zitierten Spruchs von Bischof Meister kennt weiß, dass der Ruf nach Legitimation nicht für sondern gegen die Autorität der Bibel gerichtet war.

    Unsere Zeit ist dazu übergegangen theologische Lehren „demokratisch“ zu autorisieren. Die GK von 2015 mit den durchgeführten Korrekturen der STA-Glaubensgrundsätze ist ein beredtes Beispiel. Ich meinerseits habe mich extrem gewundert, wie schlau die Delegierten der GK sind, denn im Gegensatz zu allen anderen Menschen wissen sie, dass die Rotationsgeschwindigkeit der Erde bereits am ersten Schöpfungstag ca. 7 x 10-5 rad/s betrug. Diesen physikalischen Parameter lesen sie aus dem Schöpfungsbericht. Alle Achtung, wozu Demokratie in der Lage ist! Auch wer der Demokratie nur gute Seiten zuerkennt, muss letztlich eingestehen, über die Sichtweise Gottes bzw. über Gottes Verständnis der Dinge und damit über die Richtigkeit dogmatischer Lehren kann man nicht demokratisch abstimmen!

    Wenn alle obigen Verfahren unbefriedigend sind, lassen sich (theologische) Autoritäten überhaupt legitimieren und wenn ja, darf man (auch echte) Autoritäten schneiden? Dies ist ja letztlich die Frage, die im Blog gestellt ist.

    Die Bibel bringt selbst ein bezeichnendes Beispiel. Da wird uns Gal 2,9 berichtet, dass Petrus, Jakobus und Johannes als Säulen – sprich: als (echte!!) Autoritäten – galten. Und dennoch schreibt Paulus Gal 2,6 „von denen aber, die im Ansehen standen – was immer sie auch waren, das macht keinen Unterschied für mich …“ Im Klartext: „Mich interessiert ihre Autorität nicht, ich bin mir meiner theologischen Auffassung völlig sicher.“ Paulus schneidet ihre Autorität.

    Man muss sich die Situation bewusst machen. In den Evangelien wird uns an keiner Stelle berichtet, dass Jesus während seines Erdenlebens einen Hinweis gegeben hat, dass für getaufte Heiden die Beschneidung und das Gesetz nicht gelten. Logisch, dass die Jerusalemer Gemeinde auf der Beschneidung für Heidenchristen bestand. Welche gewaltige Transferleistung in seinem theologischen Verständnis hat hier also ein Paulus geleistet, dass er aus seiner Kenntnis des Evangeliums schlussfolgern konnte, was der Wille Gottes hinsichtlich Gesetz und Beschneidung für die Heidenchristen ist. (Zu dieser Transferleistung war ein Petrus trotz seines Cornelius-Erlebnisses nicht oder leider erst sehr spät in der Lage) Worin bestand jedoch die Legitimation der Theologie eines Paulus und wie konnte er letztlich die Autoritäten in Jerusalem von seinem Verständnis der Dinge überzeugen? Abgesehen davon, dass Paulus auch taktisch klug agierte – er brachte ja die nicht beschnittenen Heidenchristen zur Versammlung mit und man konnte somit die „Früchte“ seiner Theologie sehen – seine Autoritätslegitimation erhielt er zweifelsohne durch den Heiligen Geist. Und dies konnte er auf dem Apostelkonzil zeigen. Wie? Nicht durch fromme warme Worte. Auch nicht durch kluge Argumente (obwohl diese im Lehrstreit extrem wichtig sind) sondern wie Gal 2,9 ausführt „als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben worden ist …“

    Nun ist die Legitimation durch den Heiligen Geist natürlich etwas, was jeder behaupten kann und heutzutage von mancher „Autorität“ selbstsicher behauptet wird. Ich neige aber zu dem Verständnis, dass dort wo Heiliger Geist wirklich vorhanden ist, dies real sichtbar wird. In Apg 10,44 fällt er Heilige Geist unerwartet auf Cornelius und die anwesenden Heiden – sichtbar für die Außenstehenden! Gleiches in Apg 8,14 ff. Man könnte weitere Bibelstellen anführen. Immer wieder Sichtbarkeit sogar für Nichtchristen. Nach heutigem Verständnis ist die Taufe mit dem Heiligen Geist jedoch ein sehr intimes Erlebnis, still und schleichend, meist ohne die Nennbarkeit eines Datums. Die Gaben des Geistes sucht man danach wie Ostereier und entdeckt diese schließlich im Ausbau schon vorhandener Talente. Es tut mir leid. Mein Verständnis vom Heiligen Geist ist ein anderes und was die Legitimation von Autoritäten durch den Heiligen Geist betrifft: Ich habe sicher nur eine begrenzte Anzahl von Adventisten kennengelernt, halte diese jedoch für repräsentativ. Darunter viele schlaue und aufrichtige Christen. Jedoch, keinem von denen würde ich das Zeugnis geben, dass er/sie eine durch den Heiligen Geist legitimierte Autorität ist. Schon gar nicht bei dem Streit um die Frauenordination. Sorry, das ist der Knackpunkt. Wie wahr: Autorität muss legitimiert werden.

    1. Dennis Meier Beitragsautor

      Lieber Ulrich,

      Danke für deine ausführliche Darstellung des Problems und wie immer für die Seitenhiebe, die es wohl auszuteilen gilt. Reaktion von mir:
      1. zu Recht ging es in dieser Konferenz nur an einem Tag um Autorität, die nicht ohne den Zusammenhang von Einheit und Gewissensfreiheit zu sehen ist.
      2. Du kritisierst die protestantische Theologie, die sich (wie ich finde, ein unbegründeter Vorwurf) dreht und windet, um das Ergebnis zu bekommen, das man will. Diesem Vorwurf muss sich eigentlich jeder unterziehen, der sich dem Text der Bibel nähert (daher ist die Frage nach den Korrektiven wichtig). Hinter deiner Auffassung scheint mir der Mythos des unmittelbaren Zugangs zum Sinn des Textes der Bibel zu stehen, der dann noch reformatorisch fein in das sola scriptura Prinzip gepresst wird. Dazu empfehle ich den Aufsatz von Ray Roennfeldt auf der Seite der Unity-Konferenz. Er hat recht überzeugend dargelegt, dass sola scriptura, so reformatorisch und richtig es klingt, immer nur ein Desiderat bleiben kann. De facto fliessen IMMER mehr Faktoren ein als nur die Bibel, egal bei welcher Kirche (Stichwort: Wesleyan Quadrileteral).
      3. Die Sichtbarkeit des Heiligen Geistes. Naja, du hast es selbst gesagt: das, was bei Paulus sichtbar wurde, waren ein paar Bekehrte Heiden, die er nach Jerusalem mitschleppte. Das entspricht nicht ganz deiner Erwartung, auch wenn es Texte gibt, die sie stützen. Wenn Menschen den Messias anerkennen und sich ihm anschließen, dann ist das für das NT Erweis des Wirkens des Hlg. Geistes. Insofern: sichtbar, na klar. Spektakulär: nicht unbedingt (je nach Definition)! Still: warum nicht auch? Immerhin macht der ja, was er will.
      4. Die Jerusalemer Gemeinde bestand sicherlich nicht auf der Beschneidung, weil Jesus nichts dazu gesagt hatte, sondern weil es jahrhundertealte Tradition war. Denn auch das Argument, Jesus hab nichts dazu gesagt, ist ja nicht biblisch. In dem Sinne, dass es nicht angeführt wird, also Spekulatius. Eine doppelte Situation des argumentum e silencio, eines der eher schwachen Argumente.
      5. Es geht nur teilweise um Autorität und deren Legitimation. Genauso wichtig ist, wenn man anerkennt, dass schon damals im NT und heute auch Menschen zu unterschiedlichen Auffassungen kamen, was denn nun biblisch sei: dass es Freiheit und Vielfalt gibt. Genau das ist gerade das Problem unserer Kirche. Beide Seiten in der Frauenordinationsdebatte nehmen für sich sola scriptura in Anspruch und auch, dass ihre Sicht biblisch ist. Paulus würde argumentieren: diese Vielfalt muss zugelassen, nicht unterdrückt werden. Warum geht das nicht? Das ist die eigentliche Frage.

      Alles Gute dir
      Dennis

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