Archiv für den Monat: Juli 2017

Healthy not Hungry in der Bullerei

In Tim Mälzers Fernsehstudio auf der Schanze in Hamburg. Foto: DM

Das Welternährungsprogramm der UN, die Welthungerhilfe und Gobal Citizen luden gestern am Rande des anhebenden G20 Gipfels Vertreter aus den Nichtregierungsorganisationen zu einem Empfang unter dem Namen “Healthy not Hungry” (frei übersetzt: gesund statt hungrig) in die Bullerei, Tim Mälzers Fernsehstudio (denn eine Küche passte zu dem Thema). Als Begleitung meines Bruders, der bei World Vision arbeitet, hatte ich die Gelegenheit, mit dabei zu sein. Ca. 60 namentlich Geladene vernetzten sich an Stehtischen bei gesunden und leckeren vegetarischen Häppchen aus der Küche des Gaumenmaestros. Zwischendurch gab es kurze Redebeiträge.

Hunger ist, wie ich lernte, SDG #2, also das zweite Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen (SDG steht für sustainable development goals, nachhaltige Entwicklungsziele). Es lautet in der Kurzfassung: Zero Hunger (Null Hunger) und besagt im Wortlaut: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.

Marwin Meier und Tim Costello (beide World Vision) im Gespräch mit dem Direktor des UN Welternährungsprogramms, David Beasley. Foto: DM

Das soll bis 2030 erreicht werden. In erster Linie war dies ein Vernetzungstreffen, aber auch eine Erinnerung, dass dieses Ziel nur durch gemeinsame Anstrengung erreicht werden kann. Das Positive: es ist durchaus möglich, dieses Ziel zu erreichen. Bereits mit den sog. Millenniumszielen (bis 2015) konnte gesehen werden, dass Anstrengungen, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen, Ergebnisse bringen.

Ein kleines Who-is-Who der gestrigen Beiträge:

  • David Beasley: Direktor des UN-Welternährungsprogramms
  • Bärbel Dieckmann: Präsidentin der Welthungerhilfe
  • Joaquim Levy: Chief Financial Officer der Weltbank und ehemaliger Finanzminister Brasiliens
  • Peter Murphy: Vorsitzender von Global Citizen (bekannt durch diese Benefiz-Mega-Konzerte, zum Beispiel heute Abend – 06.07. – in Hamburg)
  • Ann Cairns: Präsidentin von Mastercard
  • Dazu kamen zwei Vertreterinnen der Bundesregierung (Annett Guenther für das Auswärtige Amt und Ingrid-Gabriela Hoven vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit).

     

Joaquim Levy aus Brasilien arbeitet bei der Weltbank. Wirtschaftsexperte. Foto: DM

Was fiel mir als staunender Betrachter auf?

  • Hunger ist ein Thema, das uns alle angeht. Es ist zynisch, dass Menschen auf der Welt hungern. Die Welt hat genug Kapazitäten, um 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Also uns und alle , die noch geboren werden (denn die Weltbevölkerung wird sich bei 10 Milliarden einpendeln).
  • Hunger ist besiegbar. Es ist nicht nur genug Essen für alle da, sondern auch genügend Gelder vorhanden. Sie müssen nur gegeben werden. Die Bekämpfung von Hunger und Armut ist eine Sache des Willens, nicht der Machbarkeit. Manche Länder geben NICHTS. Andere gehen großzügig voran.
  • Die Wirtschaft kann Beiträge leisten: das wurde am Beispiel von Mastercard deutlich. Die Firma hat zehn Prozent ihres Marktwerts (13 von 130 Milliarden) in eine Stiftung für humanitäre Zwecke gepackt. Gestern verkündete Frau Cairns, dass Mastercard Mittel bereit stellen wird, um 100 Millionen Mahlzeiten für Kinder zu bezahlen. Da sprechen wir von nur einem Unternehmen.
  • Erwartungen an den G20: wahrscheinlich wird Donald Trump heute mit einer Summe im Gepäck in Hamburg ankommen, die Nordamerika in die Bekämpfung der akuten Hungersnöte einbringen wird (Nachtrag: genau hier wurde die Summe während des G20 Gipfels öffentlich gemacht). Er wird wahrscheinlich versuchen, andere dazu zu bringen, auch in den Topf einzuzahlen. Natürlich wurde diskutiert, was für Gelder das sind, ob das nur die amerikanischen Überproduktionen sind, ob Trump hier Imagepflege betreibt, ob es ein Etikettenschwindel ist, ob nur amerikanische Unternehmen die Logistik dafür ausführen werden etc.

Als das Event vorbeikam, steckten wir erst einmal eine Stunde fest. So lange dauerte es, bis die friedliche “Statt G20 tanz’ ich”-Demo an uns vorüber war. Jede Menge junge Leute, die für eine bessere Welt auf die Strasse gehen.

Mir hat es wieder klar gemacht: Etwas für die Verbesserung der Welt zu tun sollten wir nicht an ADRA oder andere Profis delegieren. Es war ein schöner Moment, nach dem Event am Zaun zu stehen, die Demonstration zu beobachten und mit Tim Costello, dem Leiter von World Vision Australien über Jesus, die Reformation und die Hoffnung der Welt zu diskutieren. Seine Eltern sind übrigens in einem adventistischen Altenheim und fühlen sich dort rundum wohl.

Euer Dennis

Aussicht auf eine der Anti-G20-Demos. Jemand stellte die Frage: wo wäre Jesus jetzt? Bei den Demonstranten, bei dem Empfang gegen den Hunger auf der Welt, bei den Polizisten? Ganz woanders? Spannende, wenn auch ergebnislose Diskussion. Foto: DM

Ehe für alle – kurz mal (nicht) aufgepaßt!

Ehe für alle? Die Leute, die hier arbeiten, haben’s entschieden. Foto: DWM

Ein schwuler Freund von mir vertraute mir neulich ein Geheimnis an. Er sei jetzt Vater. Freundinnen von ihm, ein lesbisches Pärchen, hatten ihn davon überzeugt. Nach langen Diskussionen hatten sie einen Pakt gemacht, bei dem alle ihre Verantwortung übernehmen. Technisch brauchte es dazu weder Körperkontakt, noch Arzt, noch Gesetze.

Nun, nachdem der Bundestag die „Ehe für alle“ beschlossen hat und ich die aufgeregten Kommentare, Tweets und Facebookbeiträge gelesen habe, frage ich mich: hätte ich als adventistischer Pastor nicht schon beim Wort „lesbisch“ meine Finger in die Ohren stecken und laut die zweite Strophe von „Oh komm, du Geist der Wahrheit“ singen müssen, in der es heißt: „Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“?

Was nun? Aufregen oder abregen? Nach kurzem Nachdenken über die neu geschaffenen Fakten (im Grunde ist es nur das Adoptionsrecht, das sich ändert) legt sich mir der Verdacht nahe, dass mehr Menschen an der Aufregung über das Thema sterben könnten als Kinder verkorkst werden, weil sie in einer gleichgeschlechtlichen Familie aufwachsen, umgeben von normalen Menschen, Freunden, Verwandten, Schulkameraden, Nachbarn etc. Ein paar Sachen haben mich  jedoch gewundert:

  1. Da waren wir plötzlich überrumpelt, als die Kanzlerin kurz die Deckung sinken ließ und der Schulz da voll reinhielt. Nicht, dass wir schon seit über 20 Jahren das Thema politisch und gesellschaftlich debattieren und mit dem Konzept der eingetragenen Lebenspartnerschaft seit Jahren beobachten können, dass der Untergang des Abendlandes ausblieb. Hier passierte genau das, was Deutschland im Finale des Confed-Cups Chile schamlos ausnutzte: der chilenesische Verteidiger verdaddelte sich vor dem eigenen Strafraum und peng: 1:0. Klare Sache. Kein Deutscher regt sich jetzt darüber auf (bei den Chilenen bin ich mir da nicht sicher). Politik ist halt Strategie. Sich darüber aufzuregen hieße sich zu wundern, dass Stürmer irgendwie immer dahin schießen, wo der Torwart gerade nicht steht. Wie unfair!
  2. Was kommt als Nächstes? Immer, wenn die Gesellschaft etwas liberalisiert, steht eine Lobbygruppe aufgeregt vor dem Bundestag und hält Transparente in die Kameras, auf denen Sachen stehen wie: was kommt als Nächstes? Kann ein Mann bald – was wirklich überfällig ist – sein Auto heiraten oder eine Ufologin eine Untertasse? Da kann ja jeder kommen. Und der kommt dann auch bestimmt. In der Logik bezeichnet man dieses Argument als slippery slope (im Englischen eine glitschige, schiefe Ebene, auf der der ins Rutschen gerät, der sich auf sie begibt). Das Problem an diesem Argument ist, dass es ja schon etwas als negativ voraussetzt, um daran noch Negativeres zu knüpfen, das nicht zwingend etwas damit zu tun hat. Zweitens übersieht das Argument, dass politische Entscheidungen, die mir missfallen, nicht zwangsläufig ihren Ursprung in den Mächten der Finsternis haben müssen, deren dunkle Wolken die Republik überziehen.
  3. Verhältnismäßigkeit. Die größte Sorge gilt nun den Kindern. Sie sind fraglos zu schützen. Sicherlich wird jeder sehen, dass das Wohl von Kindern durch ganz andere Dinge gefährdet ist, die mit sexueller Orientierung nichts zu tun haben. Es ist gleichwohl angebracht, das Ausmaß eines Problems mit der Lautstärke der Aufregung darüber ins Verhältnis zu setzen. Was ist also die tatsächliche Bedrohung der Grundfesten der Gesellschaft, der schützenswerten Keimzelle unserer Zivilisation, der Familie? 3-5% der Bevölkerung sind schwul. Ein paar Prozent davon leben in dauerhaften Beziehungen. Ein paar Prozent davon heiraten jetzt. Ein paar Prozent davon wünschen sich Kinder. Ein paar Prozent davon werden die hohen Anforderungen zur Adoption erfüllen. Ein paar Prozent davon werden ein Kind erziehen. Ein paar Prozent der Kinder werden leider, wie auch bei heterosexuellen Verbindungen, keine glückliche Kindheit haben. Statistisch bewegen wir uns mittlerweile deutlich im Promillebereich. Fazit: es geht nicht um die Gesellschaft, sondern eine verschwindend geringe Gruppe von Betroffenen, von denen wir nicht einmal wissen, ob unsere Befürchtungen eintreffen oder ob die Anzahl daraus hervorgehender psychisch geschädigter Kinder statistisch signifikant über dem Schnitt liegt. Alle bisherigen Langzeitstudien an Kindern aus Regenbogenfamilien belegen, dass sie völlig normal sind. Es gibt nur eine Sache, unter der sie mehr als andere leiden: Stigmatisierung.
  4. Staat und Kirche: Der engagierte, bibelfeste Christ reibt sich die ohnehin schon wunden Augen, schüttelt entgeistert mit dem Kopf und greift zur letzten Verzweiflungstat: der Unterzeichnung einer Online-Petition. Nach getaner Tat wird auf Facebook geteilt: ich bin nicht kampflos untergangen, wie ihr alle seht. Ja, Glaubens- und Gewissensfreiheit sind immer dann wichtig, wenn ich sie einfordern kann. Weniger, wenn ich sie gewähren muss. Das ist dann anstrengend. Seit der Trennung von Staat und Kirche aber, daran muss erinnert werden, ist der Staat zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Es ist einfach nicht seine Aufgabe, die christliche Ehe zu schützen. Deshalb hat er auch irgendwann damit aufgehört, Ehebrecher (und Kuppler) zu bestrafen (worüber sich Christen komischerweise nicht mehr beschweren, schon gar nicht Betroffene). Das Gute daran: der Staat schreibt uns Christen auch nicht vor, wie wir die Ehe zu definieren haben. Es ist ihm also relativ egal, was ich als Christ über Homosexualität denke (wie ich also die umstrittenen sechs Bibeltexte interpretiere) oder wie eine Kirche Ehe definiert. Sie kann das weiterhin freiheitlich tun. Das einzige, wozu wir gezwungen werden ist, auszuhalten, dass wir schräge Nachbarn haben könnten. Das war schon in den siebziger Jahren eine harte Prüfung für die deutsche Seele. Da fielen diese von uns lieblos als „Spaghettifresser“ betitulierten Südländer in unser Land ein. Wer heute, 45 Jahre später, hip sein will, der trinkt Caffè Crema und trifft sich bei Salvatore mit den Leuten vom Volkshochschulkurs „Italienisch für Fortgeschrittene“.
  5. Die bürgerliche Ehe (Zivilehe): mit der Einführung der bürgerlichen Ehe in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts (im Übrigen als Ausdruck von negativer Religionsfreiheit: dass nämlich Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren, auch heiraten konnten) trennten sich bei uns die Wege von kirchlicher und staatlicher Hochzeit. Und damit auch deren Definition. Ab jetzt erst gab es den berühmten “Schein”. Wir scheinen vergessen zu haben, dass jahrhundertelang keiner so richtig definierte, was eine Ehe ist. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens und wer anders war, fiel eben unbotmäßig aus dem Rahmen. Das wird sich nicht ändern. Nur der gesellschaftliche Konsens ändert sich. Manchmal sagen wir: die Ehe ist eine Institution aus dem Garten Eden. Das stimmt ja irgendwie. Aber wenn man die Texte liest, dann ist da nichts von Institution zu spüren, sondern einfach von Zusammenleben (in der Bibel natürlich von Mann und Frau), das Gott segnet und das verbindlich und exklusiv miteinander gestaltet wird. Eine schöne Sache, die ich auch seit 22 Jahren praktiziere. Jede Ehe wird, neben den grundsätzlichen biblischen Rahmenbedingungen, eh durch die Menschen definiert, die sie gestalten. Deshalb sind Vorbilder wichtig. Die müssen wir uns nach wie vor selber suchen (in der Bibel, im Freundeskreis, der Gemeinde).

Bin ich jetzt für oder gegen die Ehe für alle? Ehrlich gesagt habe ich mich gar nicht so intensiv mit allen Studien und Aspekten beschäftigt, wie ich das müsste, um ein gutes Urteil darüber abzugeben oder mich gepflegt aufzuregen. Ich habe den Verdacht, man spürt meinen Zeilen zumindest ab, dass ich denke, dass Kinder aus gleichgeschlechtlichen Ehen sich völlig normal entwickeln werden. Das gebe ich zu.

Aber mich hat ja keiner gefragt. Und schon gar kein Bundestag. Ein Pauschalurteil im Sinne einer Ideologie (ob sie nun christlich oder Regenbogen oder beides ist) missfällt mir. Aber mal einen unaufgeregten Diskurs dazu zu führen, dazu hätte ich schon Lust. Nur:  Sex und unaufgeregt, das geht meist schief. Das liegt an unserer angeborenen Leidenschaft, die ja auch etwas Wunderbares ist.

Bevor ich versuche, die Ehe von allen oder für alle zu retten, bleibe ich zunächst dabei, mich darum zu kümmern, dass meine weiterhin prima läuft. Und wer wie ich dabei ist, Kinder durch die Pubertät zu bringen, kennt auch manchmal das Gefühl, trotz hetero und christlich zu versagen. Aber auch das geht vorbei. Das Gefühl, meine ich.

Euer Dennis